Immo Petersen aus Ahausen berichtet aus Südafrika

Gefahr auf der Straße

Immo Petersen.
 ©Rotenburger Rundschau

Ahausen/Port Elizabeth. Jedem, der Südafrika schon einmal besucht hat, dürfte er wohl als eines der ersten Dinge ins Auge gestochen sein: der große Spalt zwischen Arm und Reich – und damit oft verbunden zwischen dunkler und heller Hautfarbe. Da ist es nicht großartig verwunderlich, dass Südafrika leider auch für seine sehr hohe Kriminalitätsrate bekannt ist. Kommt man aus einer der so gut wie ausschließlich weißen Wohngegend in ein Township, hat man das Gefühl in einer völlig anderen Welt gelandet zu sein – und das obwohl man vielleicht gerade mal keine zehn Kilometer hinter sich gelegt hat.

Während die weißen Wohngegenden vom Luxus und Überfluss geprägt sind – ein Pool im Garten ist dort Standard –, müssen viele Menschen im Township jeden Tag aufs Neue darum kämpfen, genügend Nahrung für die ganze Familie auf den Tisch zu bekommen. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass diese qualitativ nicht mit dem aus den weißen Küchen stammenden Essen mithalten kann und dementsprechend vieles gegessen wird, was schon in kleinen Rationen möglichst satt macht und im besten Fall auch noch schmeckt.

Es gibt zwar Unterstützung von der Regierung, zum Beispiel in Form von Kindergeld. Allerdings reicht dieses nicht immer alleine, um alle Lebensunterhaltungskosten der gesamten Familie zu decken. Es soll sogar vorkommen, dass gar nicht erst alle Kinder beim Einwohnermeldeamt angemeldet sind – aus welchen Gründen auch immer. Wen wundert es bei dieser erschreckenden Realität, dass es in diesem Land nicht selten zu Einbrüchen oder Überfällen kommt.

So sind zumindest meine Eindrücke, die ich nun seit etwa sieben Monaten bei meinem Freiwilligendienst in der südafrikanischen Stadt Port Elizabeth sammle. Persönlich habe ich glücklicherweise bislang noch nicht so viele Erfahrungen mit der hohen hiesigen Kriminalitätsrate gemacht. Allerdings habe ich schon eine Vielzahl an erschreckende Geschichten von Menschen gehört, mit denen ich jeden Tag zusammenarbeite.

So ist meinem Projektpartner Eiko und mir vor einer Weile aufgefallen, dass eine Schülerin der Lamani Public Primariy School, die Grundschule im Township, an der Eiko und ich als Sportlehrer tätig sind, erstaunlich lange schon nicht mehr in der Schule war. Wir haben gehofft, dass ihr nichts zugestoßen ist.

Einige Tage später sehen wir sie und ihren großen Bruder dann im Lehrerzimmer, umringt von zahlreichen Lehrerinnen, die beschwichtigend auf sie einreden. Wir verstehen erst einmal gar nicht, was los ist, doch etwas später sehen wir im Büro des Schulleiters die Titelseite des „Herald“, einer großen Zeitung aus der Region rund um Port Elizabeth. Ganz vorne ein Foto des Vaters der Kinder, darunter ein Bericht, dessen Schrecklichkeit sich eigentlich nicht wirklich mit Worten wiedergeben lässt.

Im November vergangenen Jahres war der Vater vor seinem Haus überfallen worden und hatte unter Morddrohungen den Dieben sein Auto überlassen müssen. Er meldete daraufhin den Diebstahl direkt der Polizei, die das Auto fand und zwei der vier oder fünf Täter stellte. Einige Zeit später suchten allerdings Bekannte der Inhaftierten den Vater auf und befahlen ihm der Polizei zu sagen, sie sollten auf weitere Nachforschungen in dem Fall verzichten und die Inhaftierten freilassen. Er widersprach. Tage vergingen, bis die Männer wieder auftauchten und den Vater kurzerhand erschossen – vor den Augen seiner Kinder.

Ich bin völlig schockiert, als ich von dieser Geschichte höre. Am darauffolgenden Wochenende gehen Eiko und ich zu der Beerdigung des Vaters. Sie findet in einem Nebenraum einer kleinen Kirche in dem Township statt. Diese besitzt allerdings keine langen massiven Holzbänke, wie man es aus europäischen Kirchen gewohnt ist, sondern zahlreiche Gartenstühle, die die Sitzreihen bilden. Die Beerdigung ist gut besucht, wodurch leider weder genügend Stühle noch genügend Platz innerhalb des Raumes für alle Trauernden ist. Die Stimmung ist entgegen meiner Erwartungen nicht durchgehend drückend traurig. Auch wenn ich nun nicht alles von den Reden der Gruppe von Pastoren verstehe (es wird nur auf Xhosa gesprochen), habe ich doch eher das Gefühl, dass mehr das Leben des Vaters gefeiert, als dass sein Tod bedauert wird. Natürlich gibt es auch sehr emotionale Reden von Angehörigen (deren Inhalt ich wegen mangelnder Sprachkenntnisse ebenso nur erahnen kann), aber genauso wird auch häufig gemeinsam gesungen und getanzt, was die Gartenstühle überflüssig macht. Gegen Ende ist die gesamte Trauergemeinde außer Atem und der letzte Rest Sauerstoff aus dem sehr kleinen Raum von den sehr vielen Leuten verbraucht.

Es ist für mich die erste Beerdigung, die ich hier in Südafrika miterlebe. Auch wenn es für mich sehr interessant und ein Privileg war, dies miterleben zu dürfen, hätte ich aus gegebenen Umständen auch gerne auf diese Erfahrung verzichtet. Ich hoffe dass es auch die erste und einzige Beerdigung bleibt, die ich hier in Südafrika besuche.

Wir wurden von unserer Entsendeorganisation, dem ASC Göttingen, gut auf die hiesigen Zustände vorbereitet und werden auch in regelmäßigen Abständen von vielen Menschen vor Ort daran erinnert, auf uns aufzupassen. Gerade auf unserem Arbeitsweg durch den Township achten wir als „Mlungus (hellhäutiger Mensch auf Xhosa) stets darauf, Fenster und Türen zu verriegeln. Denn die weiße Hautfarbe wird hier in Südafrika mit einem großen Vermögen in Verbindung gebracht. Sind wir allerdings in Begleitung von einer ortskundigen Person, fühlen wir uns schon deutlich sicherer und sind auch nicht so leichte Beute für Überfälle. Einer meiner Mitfreiwilligen wurde einmal im Auto auf einem Parkplatz stehend überfallen. Sein Smartphone lag neben ihm auf dem Beifahrersitz und das Fenster war eine gute Handbreit offen. Der Mitfreiwillige merkte erst zu spät, dass es jemand auf sein Handy abgesehen hatte und als er reagieren und das Fenster schließen wollte, hatte der Mann schon längst hindurch gegriffen und ihm gesagt er solle jegliche Gegenwehr lieber lassen. Passiert ist zum Glück niemandem etwas und das Handy ist auch ersetzbar.

Doch nicht nur wir Mlungus sind im Township gefährdet: Auch unsere Lehrerinnen haben uns erzählt, dass auch dunkelhäutige Menschen in der Dämmerung nicht alleine herumlaufen sollten – dies gilt insbesondere für wehrlose Frauen und Kinder. Die Gefahr sei einfach zu groß, gerade wenn man einen Rucksack oder gar Wertgegenstände mit sich trägt. Wir sollen stets wachsam sein und keine leichtsinnigen Risiken eingehen, raten sie uns.

Ich hoffe, dass ich in Zukunft weder von weiteren Beerdigungen, noch von neuen Überfällen berichten werde. Damit verbunden ist der Wunsch, dass der momentan noch enorme Spalt in Südafrika zwischen Arm und Reich mit der Zeit immer schmaler wird, damit es immer weniger Menschen gibt, die täglich ums Überleben kämpfen müssen und eventuell in der Kriminalität die Lösung suchen.

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