Heide Nullmeyer liest aus ihrer Autobiografie – vor der Kamera - VON NINA BAUCKE

Perspektivwechsel

Heide Nullmeyer sucht eine Alternative zu Lesungen u2013 und wählt den Weg über das Videoportal Youtube. Foto: Nina Baucke
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Hellwege. „Eines Tages werde ich im Radio sprechen“, sagt Heide Nullmeyer. Es ist das Jahr 1953 in Frankfurt, gerade hat ihre Lehrerin sie, die uneheliche Tochter einer Putzfrau, als nicht fähig erachtet, bei einem Schulprojekt eine Rolle in einem Hörspiel zu übernehmen. Nullmeyer will das nicht hinnehmen, auf dem Heimweg nach der Schule bleibt sie an einem Brunnen stehen und legt ihren Schwur ab. „Der Schwur am Brunnen“ ist nicht nur der Titel des entsprechenden Kapitels ihrer Autobiografie „So wird es kommen“, sondern auch der Titel eines neuen Projekts: Nullmeyer erzählt und liest aus ihrem Buch – auf ihrem eigenen Youtube-Kanal unter ihrem Namen.

„Für mich ist das komplettes Neuland“, bekennt die 81-Jährige. Aber sie ist überzeugt: „Jeder Mensch, auch die von mir Porträtierten, hat eine interessante Geschichte.“ Jahrzehntelang hat die Hellwegerin, die zugleich studierte Psychologin ist, für Radio Bremen Porträts und Reportagen gedreht – jetzt ist sie im Fokus der Kamera. Dass sie den Weg ins Internet einschlägt, ist der Corona-Pandemie geschuldet: Als im vergangenen Jahr ihr Buch erscheint, muss sie aufgrund des Lockdowns etliche Lesungen absagen. „Die Lösung hieß dann für mich: Youtube“, sagt Nullmeyer.

Auch, wenn es für sie anfangs nicht ganz einfach ist: „Ein bisschen überwinden musste ich mich schon“, gesteht sie. „Ich frage mich immer wieder: Wie komme ich wohl rüber? Aber ich stehe dazu: Ich bin 81 Jahre alt und das hier macht mir Spaß – vor allem mit so einem kreativen Kameramann.“

Der ist für sie kein Unbekannter, denn Unterstützung bekommt sie von ihrem Stiefsohn Ronald Wedekind aus Achim. Er ist, wie Nullmeyers Mann auch, professioneller Kameramann, dreht und schneidet das Material, das er und Nullmeyer gemeinsam produzieren. Allerdings: Eine gewöhnliche Lesung ist es nicht. „Ohne Publikum ist eine Lesung nicht das, was sie sonst ist“, sagt die Autorin. Stattdessen schlagen sie und Wedekind eine andere Richtung ein: Kurze, gelesene Passagen wechseln sich mit Abschnitten ab, in denen Nullmeyer ihre Geschichte erzählt – ohne Netz und doppelten Boden. Daraus entstehen kurze Videoclips, jeweils keine drei Minuten lang, Kapitel für Kapitel. „Ronald war da sehr deutlich: ,Mach die Folgen nicht zu lang‘“, bemerkt sie mit einem Lachen.

In jeder Folge erzählt und liest sie ihre Geschichte. Vom Schwur am Brunnen, wie sie als Au-pair in England ihrem ersten Mann, einem Griechen, begegnet und ihm nach Athen folgt. Wie die Ehe scheitert, sie wieder nach Deutschland zieht, bei Radio Bremen als Sekretärin anfängt und sie per Zufall an ihr erstes Interview von vielen gerät, ein Gespräch auf Französisch mit dem Chansonnier Jean-Claude Pascal. „Ich habe so viel Verschiedenes gemacht, und vieles ist auf merkwürdigen Wegen zustande gekommen“, erinnert sich Nullmeyer. Schon das Schreiben des Buches auf der griechischen Insel Karpathos ist für sie eine Herausforderung: „An einigen Stellen musste ich schon schlucken, viele fast vergessene Erlebnisse waren dann wieder sehr präsent.“

Sechs Folgen sind bereits im Kasten, alle zwei bis drei Wochen sollen neue dazu kommen. Die Abschnitte, in denen sie liest, sind von denen, in denen sie erzählt, optisch abgegrenzt, dazwischen schneidet Wedekind Fotografien, um das Erzählte und Gelesene zu verdeutlichen. Bislang sitzt sie in jeder Folge gemütlich in ihrem Hellweger Garten, aber auch andere Drehorte in der Umgebung haben sie bereits im Kopf.

„Der Youtube-Kanal bietet uns die Möglichkeit, den Zuschauer die Geschichte auf seine Weise verfolgen zu lassen. Wer das Buch linear verfolgen möchte, kann sich die Videos einfach in der richtigen Reihenfolge anschauen, wer sich für konkrete Kapitel interessiert, kann sie direkt anwählen“, sagt Wedekind.

Die Videos sollen auf keinen Fall Live-Lesungen ersetzen, das ist Nullmeyer wichtig: „Sobald es geht, möchte ich wieder direkt vor dem Publikum sitzen.“ Sie legt dennoch Wert darauf, auch für Projekte, wie die Youtube-Videos, weiterhin offen zu sein: „Ich empfinde das als Experiment – mal schauen, wie das ankommt“, sagt sie. Aber sie ist überzeugt von der Idee – wie schon vor fast 70 Jahren beim Schwur am Brunnen.

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