Die 21-jährige Elisabeth Veiz leidet unter dem sogenannten Restless-Leg-Syndrom - Von Andreas Schultz

Ein Leben in Rastlosigkeit

Beine bewegen und massieren u2013 beides hilft nur kurzfristig gegen die Schmerzen in den Gliedmaßen, wenn die Symptome von RLS schlimmer werden und am EInschlafen hindern.
 ©Andreas Schultz

Sottrum. Weit nach Mitternacht. Elisabeth Veiz liegt unruhig im Bett, wälzt sich hin und her, kann nicht einschlafen. Der Schmerz und das Kribbeln in den Beinen hindern sie daran. Es ist wieder eine dieser Nächte, in der die Waden einfach keine Ruhe geben wollen. Die Sottrumerin bewegt ihre Beine, doch auch das hilft nur kurzfristig. Der Grund für ihre Beschwerden: Sie leidet am sogenannten Restless-Leg-Syndrom (RLS).

Das Leiden der ruhelosen Beine ist eine neurologische Erkrankung, deren Symptome sich oft mit fortschreitendem Alter verstärken. Was sie auslöst und wie genau sie die Auswirkungen auf den Körper hervorruft, weiß keiner genau. Eisenmangel im Gehirn könne mit der Krankheit zu tun haben, so eine Theorie. Viele Studien weisen darauf hin, dass das körpereigene Hormon Dopamin eine Rolle spielt. Welche, ist noch nicht geklärt.

Was jedoch klar ist: Die Kranheit nagt an der 21-Jährigen. Denn das Kribbeln und der Schmerz in den Beinen ärgern sie nicht nur während der Schlafenszeit. Sie sind auch im Alltag ihre zuverlässigen Begleiter, melden sich immer dann, wenn Veiz zur Ruhe kommt. „Es gibt gute und schlechte Tage“, sagt die Biologie-Studentin. So braucht es keinen langweiligen Professor, um das Stillsitzen im Hörsaal zur Herausforderung zu machen. „Ich muss meine Beine viel bewegen, und das geht auf die Konzentration“, sagt sie. Beim Lernen am Schreibtisch geht es ihr ähnlich. Und besonders schlimm ist es bei langen Autofahrten. „Aber da muss man halt durch“, sagt die Sottrumerin. Eine Heilung der Krankheit hat bisher keiner entdeckt.

Der Grund: Das Restless-Leg-Syndrom ist verhältnismäßig wenig erforscht worden. Dabei hat bereits 1944 der schwedische Arzt Karl-Axel Ekbom die neurologische Erkrankung auf Grundlage von klinischen Studien nachgewiesen. Darüber hinaus behauptet die Deutsche Restless-Legs-Vereinigung auf ihrer Internetseite dass etwa fünf bis zehn Prozent der deutschen Bevölkerung von RLS betroffen seien, auch wenn nur zirka ein bis zwei Prozent wegen der Stärke der Beschwerden eine Behandlung brauchen.

Trotzdem scheint die Krankheit relativ unbekannt – selbst unter Medizinern. Bis die richtige Diagnose gestellt ist, kann einige Zeit vergehen. Denn Ärzte werten die Symptome von RLS oft fälschlicherweise als Begleiterscheingung anderer gesundheitlicher Zustände. Auch Veiz musste erst recherchieren, und beim Neurologen Restless Leg als Thema ins Spiel bringen, ehe dieser die entsprechende Diagnose stellte. Hinter ihr liegen Jahre mit Arztbesuchen, bei denen die Mediziner auf Wachstumsschmerzen oder Rückenprobleme getippt hatten. Veiz: „Ich fühlte mich hilflos. Als der Arzt die Tests gemacht und meine Vermutung bestätigt hatte, gab es wenigstens Gewissheit.“

Auf die Erleichtung folgt der Dämpfer: Ein verlässliches Mittel zur Bekämpfung der Symptome gibt es noch nicht. Veiz hält sie meist aus. Wenn es zu viel wird, kommen Schmerzmittel wie Ibuprofen und Paracetamol zum Einsatz. „Viele RLS-Patienten sind chronische Schmerzpatienten“, weiß die Studentin, die sich mittlerweile durch unzählige Studien und Forschungszusammenfassungen gewühlt hat. Die Alternative zu Ibuprofen wäre, ein Medikament zu nehmen, das bei dauerhaftem Konsum die Symptome verstärken kann – ein Risiko, das die 21-Jährige bald eingehen muss. Denn die Beschwerden werden stärker. „Die Krankheit ist zwar nicht tödlich, aber in schlimmeren unbehandelten Fällen ist die Lebensqualität hinüber“, so Veiz. Das Leiden verursacht Schlafmangel. Der wiederum kann zu Problemen im Alltag wie Konzentrationsschwäche, Tagesmüdigkeit und Reizbarkeit führen. In besonders schweren Fällen können auch Depressionen auftreten. „Man sollte das nicht auf die leichte Schulter nehmen“, fasst sie zusammen.

Trotz schlafloser Nächte und quälender Schmerzen: Veiz macht das Beste aus der Situation. Die Krankheit motiviert. Die Bachelor-Studentin hat sich vorgenommen, ihren Master in Neurowissenschaften zu absolvieren und danach die Krankheit zu erforschen.

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Restless-Leg-Syndrom

Der englische Arzt Thomas Willis beschreibt 1672 erstmals die Symptome der Krankheit. 1861 beschäftigen sich deutsche Mediziner mit ihr, Theodor Wittmaack wertet sie als Hysterie und Nervenschwäche. Der schwedische Forscher Karl-Axel Ekbom veranstaltet eine umfassende klinische Studie und kommt 1944 zu dem Schluss, es handelt sich um eine neurologische Krankheit. Er prägt zudem die Bezeichnung „Restless Leg“.

Das Leiden existiert in „sekundärer“ Form, also als Begleiterscheinung anderer Zustände wie Eisenmangel, Nierenschäden und Schwangerschaft. „Sekundäres“ RLS ist heilbar, im Gegensatz zum „ideoplastischen“. Letzteres hat genetischen Ursprung, wird also vererbt – so wie vermutlich bei Veiz.

Interessierte und möglichweise Betroffene können auf der Internetseite der Deutschen Restless-Legs-Vereinigung, einen Selbsttest machen. Dieser ersetzt nicht den Besuch beim Arzt. Zudem bietet die Vereinigung auf ihrer Internetseite weitere Informationen und eine Beratungshotline.

Betroffene haben darüber hinaus die Möglichkeit, sich in Facebook-Gruppen wie „Restless Leg Syndrome Sufferers“ mit Gleichgesinnten auszutauschen.

Autor

Andreas Schultz Andreas Schultz
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 andreas.schultz@rotenburger-rundschau.de

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