20. Oktober: Zollhausboys spielen im Gymnasium Sottrum - von Rosemarie Swingle

Flüchtig bekannt

Kulturini, Sponsoren und auch Vertreter der Zollhausboys selbst freuen sich schon auf den Auftritt in Sottrum.
 ©Rosemarie Swingle

Sottrum. „Wenn man voneinander ein paar Geschichten kennt, ist man sich weniger fremd“, sagt Azad Kour, Mitglied der Zollhausboys. Die Gruppe schreibt derzeit ihre ganz eigene Geschichte – und zwar eine, die von Flucht, Theater, Gesang und Erfolg handelt. Eine Erzählung von Fremde und Entfremdung, eine mit Happy End. Sie ist bühnenreif. Und das Beste: Sie ist wahr – zumindest in großen Teilen.

Diese schöne Geschichte handelt vom Zusammenfinden und vom Erfolg der Gruppe Zollhausboys. Die aus Krisengebieten Geflüchteten treffen in Deutschland aufeinander und machen schließlich mit den Bühnengrößen Pago Balke und Gerhard Stengert Theater. Die vielfältig talentierten vier Jungs stammen größtenteils aus Syrien. Was auf der Bühne passiert, ist in weiten Teilen biografisch: Die Künstler singen vom „Zuhause“, Ismaeel Foustok zum Beispiel macht mit seiner Stimme die kurdische Stadt Aleppo zum Thema. Auf dem Plakat, welches unter anderem für die Sottrumer Aufführung der Show wirbt, sieht man den Tänzer Kour, wie er auf einer Grenzschranke balancierend von anderen gestützt lachend zum Mond weist. Im Programmheft heißt es dazu: „Ich bin Kurde, Syrer und Neubremer. Aber eigentlich bin ich von der Erde. Nicht vom Mond. Wie manche Leute in der Straßenbahn vielleicht denken“, macht Kours Bühnenkollege Shvan Sheikho deutlich.

Kour kam 2000 in Syrien zur Welt, er ist der jüngste Zollhausboy und der Tänzer der Gruppe. Er reiste über die Türkei nach Deutschland, als er 15 war. Zunächst lebte er in verschiedenen anderen Unterkünften im Land, bevor er ins Zollhaus, ein Hostel in Bremen, kam. Dort traf er auf Balke. Der Kabarettist machte mit den damals 60 im Zollhaus Untergebrachten Musik. Die Zollhausboys waren damals noch richtige „Boys“ – „also im frühen Teenager-Alter und inzwischen sind sie zu großen Männern geworden“, stellt Balke lachend klar. Das Aufeinandertreffen lieferte den Grundstein dafür, später gemeinsam Lieder zu schreiben.

Vier von den 60 sind geblieben. Die erste gemeinschaftliche Nummer kam zur Aufführung, es gab erst zwei bis drei, dann immer mehr Auftritte. Das schweißt zusammen und schnell war klar: Als Gruppe gemeinsame Sache machen, das bringt Spaß. Die offizielle Gründung ist nun zwei Jahre her, seitdem sammeln alle Bühnenerfahrung. „Es war toll, Leute aus Syrien und Afghanistan ihre Geschichte erzählen und musikalisch darstellen zu lassen. Austausch kann was ganz Tolles sein“, sagt Balke lächelnd.

Dass die Gruppe nun nach Sottrum kommt, ist unter anderem dem organisatorischen Geschick von Helga Busch, Vorsitzende der Kulturinitiative Sottrum, zu verdanken. Aus ihrer Sicht hatten die Zollhausboys schon früh mit ihrer Bühnenshow überzeugt. Und auch der Aufführungsort war mit der Aula des Gymnasiums schnell gefunden. Dass die Schule jüngst die Auszeichnung „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ erhalten und sich damit bereits mit dem Thema Integration auseinandergesetzt hatte, passte einfach.

Die Texte für die Songs schreiben alle gemeinsam, manchmal sorgt Balke für den Feinschliff. Manche Strophen sind auf kurdisch, so wie das Lied „Regen am Fenster“, das aus der Feder von Azad Kour stammt. Es geht darin um den Moment, als er aus dem Fenster sah und der Regen ihn an seine Heimat erinnerte. So geht es in vielen der Texte um Erfahrungen, die universell, bedeutsam und einleuchtend sind – zum Beispiel darum, eine Nachricht von der weit entfernten Familie auf dem Handy zu lesen. Manche Zeilen sind auch übernommen, wie Zitate aus den Reden der AfD für das Stück „AfDesaster“. Laut der Künstler gehe es aber nicht darum, sich politisch zu messen oder anzugreifen, sondern Satire zu liefern, zu karikieren. Das Publikum könne lachen oder weinen, diese Gefühle liegen beim Zuschauer. Eine Wertung oder Interpretation aus einem parteipolitischen Kontext herauszufordern, sei nicht die Absicht. Der Wunsch der Künstler sei es, Brücken zu schlagen gegen die Angst vor Fremden.

Die Resonanz des Publikums ist in der Regel eindeutig: Begeisterung. Fast immer gebe es stehende Ovationen, denn Berührendes und Erheiterndes wechseln sich ab und bieten einen unterhaltsamen Cocktail. Aus Sicht der Schauspieler mache diese Mischung den Erfolg aus.

Das Stück zu konzipieren sei ein umfassender Prozess, sagt Balke. Die Darsteller bekommen Musikunterricht, Azad Kour zum Beispiel ist in verschiedenen Theatergruppen und tanzt zudem bei der Steptext Company in Bremen mit. Gleichzeitig geht er zur Schule und arbeitet auf sein Abitur hin. Ein weiteres Mitglied der Gruppe ist mittlerweile Briefträger. Das Arbeitsleben und gemeinsame Touren müsse sich irgendwie vereinen lassen, denn der Tourplan führt bis in den Süden Deutschlands nach Frankfurt. Außerdem ist geplant, das Stück auf der Internationalen Kulturbörse in Freiburg vorzustellen. Ein zweites Stück ist übrigens bereits im Gespräch. Das Thema, das aus Sicht der Künstler dabei nach wie vor das wichtigste bleiben soll: Integration.

Die Zollhausboys sind am Samstag, 20. Oktober, 20 Uhr in der Aula des Gymnasiums Sottrum zu sehen. Zu der Aufführung bieten die Veranstalter Getränke und Snacks an. Für finanzielle Unterstützung des Projekts sorgen der Rotary Club Rotenburg sowie der Sottrumer Ortsverband der Grünen. Den Vorverkauf übernimmt die Drogerie Stöver, Im Lienwort, Sottrum. Karten Kosten 14 Euro, ermäßigt 9 Euro. Reservierungen sind auch über das Kontaktformular auf der Webseite der Kulturinitiative Sottrum möglich.

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