„Together Free“: Zwei Freundinnen wandern durch den Himalaja

Was bedeutet Freundschaft?

Die Gokyo Lakes in Nepal liegen auf einer Höhe von 4.700 bis 5.000 Metern über dem Meeresspiegel und sind damit das höchste Süßwasserseesystem der Welt. Fotos: TogetherFree GbR
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Sittensen/Hamburg. Zehn Jahre haben die besten Freundinnen Kristin Hollmann und Valerie Menke, die sich auf der Suche nach einer WG kennengelernt haben, in Hamburg zusammengelebt. Dann steht für Valerie ein Umzug nach Kalifornien an. So stellt sich die Frage, wie es mit der Freundschaft der beiden weitergeht. Während einer 28-tägigen Wanderung durch den Himalaja wollen sie sich mit dieser Frage auseinandersetzen. Eine Reise, die sie körperlich und mental an ihre Grenzen bringt.

Danach trennen sich ihre Wege geografisch: Valerie zieht nach Kalifornien, Kristin lebt weiterhin in Hamburg. Dort hat sie International Business studiert. Seither sind die beiden Studienfreundinnen tausende Kilometer voneinander getrennt. Ihre Erlebnisse, Gespräche und Gedanken zum Thema Freundschaft haben sie mit der Kamera festgehalten und daraus gemeinsam mit einem kleinen Team einen 80-minütigen Film produziert. Am 25. März fand unter dem Titel „Together Free“ wegen Corona online als Live-Stream die Premiere der Wander-Doku statt. Aus den Einnahmen des Ticketverkaufes gehen fünf Prozent an ein Bildungsprojekt für Frauen in Nepal.

Kristin ist 1986 geboren und stammt aus Sittensen, Valerie ist 1988 in einem kleinen Dorf am Rand des Eggegebirges geboren.

Bestand beim Kennenlernen sofort eine besondere Verbindung zwischen euch?

Kristin: Wir hatten sofort den Eindruck, dass wir ziemlich gleiche Vorstellungen vom Studentenleben in einer Großstadt hatten. Und unsere Werte und Interessen haben gestimmt: Wir sind zum Beispiel beide nach dem Abi erst mal gereist, waren Vegetarierinnen und hatten beide einen Hund. Die Chemie stimmte, aber das Timing auch.

Woran ist eure Freundschaft gewachsen?

Kristin: Ein Part ist mit Sicherheit, dass wir unseren Alltag automatisch miteinander geteilt haben und nicht davor weglaufen konnten, wenn es mal Stress gab. Wir mussten es ausdiskutieren, wenn wir weiterhin zusammenleben wollten. Das hat dazu geführt, dass wir uns immer besser kennengelernt haben und damit eine ganz andere Perspektive auf Dinge lernen konnten. Eine Perspektive, die genauso ihre Berechtigung hat wie die eigene. Zum anderen haben wir viele Erlebnisse miteinander geteilt und Erinnerungen geschaffen, große Reisen oder legendäre Partys. Und natürlich gehören auch die freudigen Meilensteine und die traurigen Momente des Lebens dazu: unsere Studien-Abschlüsse, Trennungen, Tod und Verlust oder runde Geburtstage.

Wie ist die Idee zu eurem Wander-Abenteuer entstanden?

Kristin: Zum Abschluss unserer gemeinsamen Zeit in Hamburg wollten wir unbedingt ein Abenteuer zusammen erleben, etwas, was wir nicht so schnell vergessen würden. Etwas, was man nicht mal eben in einem Sommerurlaub macht. Eine Reise in den Himalaja war schon immer Valeries Traum, ich hatte Lust auf die Challenge. So ist das bei uns, eine schlägt was vor und die andere macht mit. Wir dachten uns außerdem, dass eine Wanderung im Himalaja uns die Zeit geben würde, darüber nachzudenken, wie es mit unserer Freundschaft weitergehen soll. Und genau das haben wir auch in unserem Film festgehalten.

Was waren die beeindruckendsten Erlebnisse während eurer Tour und was haben eure Erfahrungen im Nachhinein mit euch gemacht?

Kristin: Was uns am meisten beeindruckt hat, war auf jeden Fall die Höhe der Pässe und wie der eigene Körper auf diese Extremsituation reagiert. Auf 5.500 Metern Höhe ist alles anders. Zum einen die Natur: Es gibt eigentlich nur noch Stein, keine Pflanzen, keine Tiere und die Sonne ist extrem grell und intensiv, sodass man spezielle Sonnenbrillen braucht, um die Augen zu schützen. Zum anderen reagiert der eigene Körper dort oben ganz anders. Man ist kurzatmig und jeder Schritt strengt an. Obwohl man beim Wandern sehr viel Energie verbraucht, hat man wegen der Höhe gar keinen Appetit und muss sich zu jedem Bissen zwingen. Dort oben zeigt einem der Körper echte Grenzen auf, man kann sich nicht mit Willenskraft durchbeißen. Das war auf jeden Fall eine ganz neue Erfahrung.

Wie hat es mit dem Filmen geklappt?

Kristin: Vom Filmen hatten wir vor der Reise tatsächlich gar keine Ahnung. Zum Glück hatten wir aber einen Freund der Kinematograf, der Editor ist und uns bei der Auswahl des Equipments mit seiner Erfahrung unterstützt hat. Der Rest war dann learning by doing. Wir haben am Abend immer wieder die eigenen Aufnahmen angesehen und geschaut, was wir noch besser machen können oder was ganz gut geklappt hat. Und gerade am Anfang war natürlich auch viel dabei, was es letztendlich nicht in den Film geschafft hat. Aber wir haben uns nicht entmutigen lassen und weiter gemacht. Mit der Zeit sind wir immer mehr ins Filmen reingekommen.

Hattet ihr irgendwann unterwegs einmal das Gefühl, die Entscheidung zu diesem Abenteuer war doch zu gewagt?

Kristin: Gerade für mich war die Wanderung an sich am Anfang eine große Herausforderung. Vor dem Himalaja hatte ich nur eine einzige, längere Wanderung im Harz unternommen und besaß nicht mal eigene Wanderschuhe. Als wir am ersten Tag direkt einen extrem steilen Berg hinauf kraxeln mussten und mir klar wurde, dass wir das nun acht Stunden pro Tag, 28 Tage lang so machen würden, habe ich kurz Panik bekommen und mich gefragt, ob ich mir da zu viel vorgenommen habe. Aber ich war noch nie der Typ, der leicht aufgibt. Es hat zum Glück nicht lang gedauert, bis auch ich in den Trott gekommen bin. Valerie: Ich bin unterwegs tatsächlich sehr krank geworden. Mir hat die Höhe nach der Besiegung des ersten Passes auf etwa 5.500 Metern Höhe sehr zu schaffen gemacht. Ich war gar nicht mehr richtig in der Verfassung, die Situation richtig einzuschätzen, und Kristin musste entscheiden, wie und ob es weiter geht. Dort oben ist man mehrere Tagesmärsche von der nächsten Straße entfernt und muss im Notfall mit dem Heli ins Krankenhaus gebracht werden. Aber auch ein Heli ist nicht immer direkt in der Nähe und wenn sich, wie so oft am Nachmittag, tiefe Wolkenfelder bilden, kann es auch mal passieren, dass er Stunden oder tagelang wegen schlechter Sicht nicht fliegen kann. Da wird einem schon mulmig, es wird einfach alles schneller ernst, als man das hier in Deutschland kennt.

Wie haben eure Familien reagiert, als sie von eurem Vorhaben erfahren haben? Hatten sie Bedenken, auch wegen möglicher Gefahrensituationen?

Kristin: Ja, unsere Eltern haben sich auf jeden Fall Sorgen gemacht. Wir haben versucht, sie zu beruhigen, in dem wir betont haben, wie ernst wir die Vorbereitung genommen haben. Wir haben uns im Voraus gut informiert, haben das richtige Equipment mitgenommen, hatten eine gut ausgestattete Notfallapotheke, waren körperlich fit und haben uns auch vor Ort an alle Empfehlungen gehalten. Zum Beispiel in der Höhe pro Tag fünf bis sieben Liter Wasser zu trinken, auf Alkohol komplett zu verzichten und pro Tag nicht mehr als 400 Meter weiter aufzusteigen. Besorgt waren sie natürlich trotzdem, aber sie haben uns auch vertraut und hatten nicht das Gefühl, dass wir naiv an die ganze Sache herangehen.

„Together Free“: Warum dieser Titel?

Kristin: Wir haben im Laufe der Zeit festgestellt, dass Gemeinschaft und Freiheit für uns die wichtigsten Säulen einer guten Freundschaft sind. Wir schätzen einander sehr, uns ist die Freundschaft zum anderen extrem wichtig. Wir machen einander zur Priorität, nehmen uns Zeit und sind loyal. Aber wir sind im Wesen auch sehr unterschiedlich und haben gelernt, wie wichtig es ist, einander die Freiheit zu geben, anders zu sein. Sich von der Andersheit des anderen inspirieren zu lassen und so selber neue Dinge zu entdecken und sich gemeinsam aber auch jeder einzeln weiterzuentwickeln: Das ist für uns ein ganz wichtiger Aspekt einer langfristigen Freundschaft. Wir definieren Freundschaft als frei gewählte Verbindung zweier Menschen auf Augenhöhe – ganz ohne Zweckmäßigkeit oder Abhängigkeit. Somit steckt für uns schon in der Freundschaft als Beziehungsform eine gewisse Freiheit. Freundschaft, der Freundschaft wegen eben.

Eure Wege haben sich getrennt. Wie gestaltet sich eure Freundschaft nun?

Kristin: Räumlich haben sich unsere Wege getrennt, inhaltlich hatten wir ja zunächst den Film, der uns tagtäglich vor dem Computer und Handy zusammengebracht hat, auch über die verschiedenen Zeitzonen hinweg. So sehen wir uns immer noch sehr häufig. Aber natürlich hat sich an der Art des sich Sehens viel verändert. Es fehlen die spontanen Weinabende, das sich mal eben in der Küche über den Weg laufen oder das Frühstück am Wochenende. Es fehlt der Austausch über die Banalitäten des Alltags. Valerie: Ich glaube, was mir dauerhaft nicht leichtfällt, ist, dass man bei einer Fern-Besten-Freundschaft genau wie bei einer Fernbeziehung irgendwann aufhört, gemeinsame Erlebnisse zu erschaffen. Man kann sich das Erlebte nur noch erzählen, aber man erlebt nicht mehr gemeinsam. Das war für uns und unsere Freundschaft komplett neu. Das Erzählen ist natürlich auch schön, aber es bedarf insgesamt mehr Aufwand – denn dadurch, dass man sich nicht mehr ganz selbstverständlich jeden Abend über den Weg läuft, sondern Telefonzeiten über mehrere Zeitzonen finden muss, ist es auch mehr Arbeit. Ich würde nicht sagen, dass sich an der Tiefe unserer Freundschaft etwas geändert hat, aber wir müssen im Alltag mehr aufpassen. Aufpassen, den anderen weiterhin zur Priorität zu machen und uns jeden Tag aufs Neue bemühen, der beste Partner für den anderen zu sein. Um eine gemeinsame Zukunft zu haben, muss man eben auch ein Teil der Gegenwart des anderen sein, sonst macht man einander zur Vergangenheit.

Was macht ihr jetzt beruflich? Steht eine Wiederholung einer solchen, gemeinsamen Reise an?

Kristin: Bestimmt. Wir haben wirklich Lust, weiter zum Thema Freundschaft und Abenteuer zu arbeiten, und sind schon, während wir den Film geschnitten haben, viel gemeinsam in Kalifornien unterwegs gewesen. Das nächste Abenteuer und das nächste Projekt kommen auf jeden Fall. Gerade beim Schnitt des Films ist uns bewusst geworden, dass das Medium Film einem eben auch Grenzen setzt. Wir mussten inhaltlich einiges kürzen oder weglassen. Da können wir uns super vorstellen, den einen oder anderen Gedanken noch einmal ausführlicher zu beleuchten – vielleicht in Form eines Buches oder Podcasts. Und wir haben auch schon darüber nachgedacht, die gleiche Reise noch mal 20 Jahre später zu machen. Wir haben auf jeden Fall noch die eine oder andere Idee auf dem Zettel.

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