Zum Weltfrauentag: Marsha Weseloh über ihren Weg in die Politik und Gleichberechtigung - Von Ann-Christin Beims

„Das ist jetzt ein Teil von mir“

Marsha Weseloh möchte mehr Frauen dazu motivieren, sich politisch zu engagieren. Doch dafür muss sich in den alten Strukturen noch einiges tun. Foto: Ann-Christin Beims
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Scheeßel. 100 Jahre Frauenwahlrecht: Es hat sich seitdem viel getan, und dennoch ist Gleichberechtigung noch immer keine Selbstverständlichkeit. „Politik ist männlich und alt, das fängt gerade an, aufzubrechen“, sagt Marsha Weseloh jetzt zum Weltfrauentag. Sie zählt zu den jüngsten Ratsmitgliedern im Scheeßeler Gemeinderat, darüber hinaus ist die Ratsfrau stellvertretende Vorsitzende im Kreisverband und seit Ende des vergangenen Jahres Kreisvorsitzende der Jungen Union Rotenburg: Die Liste der politischen Ämter wächst.

Im Bundestagswahlkampf 2017 engagiert sie sich für CDU-Kandidatin Katrin Rösel – und kommt ins Grübeln. „Wie kommen Frauen eigentlich nach oben?“ Gut eineinhalb Jahre später kennt sie die Antwort: „Es sind immer kleine Schritte“, sagt sie heute. „Alle fangen klein an. Nur so kann das funktionieren.“

Ihre ersten Schritte unternimmt sie 2016 bei den Kommunalwahlen. „Da bin ich von der CDU angesprochen worden, ob ich mir vorstellen kann, mich einzubringen und aufstellen zu lassen“, erinnert sich die gelernte Bankkauffrau. Da sie sich Dinge erstmal ansieht, bevor sie eine endgültige Entscheidung trifft, läuft sie ein halbes Jahr mit. So gewinnt sie einen Eindruck davon, was sie erwartet. Dabei fühlt sie sich sehr gut aufgehoben – auch, wenn es größtenteils eine Männerriege ist. „Zum Wahlkampf waren wir noch weitere Frauen, aber die Politik ist auf dem Dorf meist männlich“, kommentiert sie.

Seit der Entscheidung, sich aufstellen zu lassen, hat sich einiges getan. „Ich bin ein Typ, der sich für andere einsetzt und ich möchte mich einbringen“, sagt Weseloh. Die CDU ist da für sie naheliegend, schon im Vorfeld gibt es bereits Kontakt. „Ich hab mich damals auch gefragt, ob die SPD-Linie und das Programm etwas für mich sind. Aber wenn der erste Kontakt schon da ist, fällt einem das leichter. Und ich bereue es nicht“, bekräftigt sie. Weseloh sagt aber auch: „Auf Gemeinderatsebene ist immer alles so ein Parteiending, aber jeder einzelne vertritt letztlich die Gemeinde und die Bürger vor Ort – dann ist es egal, ob es CDU, SPD oder Grüne sind.“ Das Miteinanderreden müsse im Fokus stehen. „Wir sind alle Menschen und machen Fehler, aber wir müssen dann wieder einen Nenner finden. Gemeinsam erreicht man mehr als gegeneinander.“

Wenn sie an die ersten Jahre zurückdenkt, muss Weseloh schmunzeln, denn alles habe sich verselbstständigt. „Dabei wollte ich damals einfach mal ein bisschen Politik machen. Dann hat meine Fraktion gefragt, ob ich stellvertretende Vorsitzende werden möchte.“ Ihr gefällt das gute Miteinander, frische, kreative Ideen seien gerne gesehen und man spreche konstruktiv darüber, sagt sie. „Die Erfahrenen fragen manchmal nicht mehr nach ,Kann das auch anders?‘. Und ich habe vielleicht in dem Moment keine Ahnung, dass eine Idee so nicht geht, aber kann darauf aufbauen. Von unterschiedlichen Persönlichkeiten, die sich einbringen, profitieren alle.“

Anfang 2017 kommt der CDU-Kreisverband auf Weseloh zu, es stehen Neuwahlen an. „Ich war anfangs skeptisch, ob das was für mich ist – ich wusste nicht, was auf mich zukommt und ob ich mir das zutraue“, gibt sie zu. Doch „die Jungs“ lassen nicht locker, wofür sie heute dankbar ist. „Ich möchte etwas bewirken“, sagt Weseloh. Auch dem Ortsverband Junge Union Sittensen-Scheeßel schließt sie sich an, als sich dieser neu gründet. „Wir sind schon auf vielen Landesveranstaltungen gewesen. Das sind interessante Geschichten, bei denen man sich austauscht, vernetzt, da wird richtig kontrovers debattiert.“

Wo sie ihr politischer Weg noch hinführen wird, weiß Weseloh nicht, aber sie ist für alles offen – und sie weiß: Die Mischung macht’s. „Sind Politiker die, die das studiert haben oder die, die eine Ausbildung gemacht haben? Sie sollen die Meinungen der Bürger vertreten und das geht am besten, wenn sie gemischt sind.“ Man müsse sich einbringen und nicht locker lassen. „Ich denke, dass die aktuelle politische Situation junge Leute dazu bringt, zu überlegen, was da gemacht wird und wie es anders sein könnte.“ Dabei sei es wichtig, auf diese zuzugehen, sie einzubinden, auf Themen aufmerksam zu machen und sie Verantwortung übernehmen zu lassen. „Da kann man nicht gleich den Haushalt besprechen. Das ist wichtig, aber erstmal muss man das Interesse wecken, Themen aufgreifen, die sie interessieren.“ Beispiele sind hierbei auch junge Politiker wie der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert, der den Alteingesessenen auch mal kontra gibt: „Von irgendwo muss die Erneuerung kommen, die kommt selten von der ,Urtruppe‘“, kommentiert Weseloh.

Themen, die ihr besonders am Herzen liegen, sind Frauen und Familien. „Wir müssen mehr Frauen in die Politik kriegen, ganz egal in welche Ebenen. Es war auch schon mal anders in den vergangenen Jahren, jetzt geht es wieder zurück, obwohl wir 100 Jahre Frauenwahlrecht feiern und sagen, wir sind emanzipiert“, sagt die Politikerin. „Männer machen oft einfach und Frauen fragen erstmal, ob sie es können. Wenn das dazu führt, dass Frauen gar nicht erst anfangen, ist das blöd. Deswegen ist es wichtig, sie an die Hand zu nehmen und sie zu motivieren, es zu probieren.“ Weseloh ist keine grundsätzliche Befürworterin der Frauenquote, „aber jetzt haben wir keine, und es sitzen wenig Frauen in den Parlamenten. Dabei geht es darum, ein Abbild der Gesellschaft zu sein und dass alle die gleichen Chancen haben. Frauen müssen dran bleiben, von alleine verändert sich nichts“.

Dazu gehören für sie auch die Möglichkeiten, wie jene, dass Familie und Beruf vereinbar sind, Frauen leichter den Weg zurück in den Arbeitsalltag und vielleicht auch in das politische Engagement finden. „Wenn sich mehrere Mütter zusammenfinden, kann man vielleicht eine Betreuung organisieren, wenn beispielsweise Ratssitzungen sind. Das gibt es im Bundestag ja auch.“

Es geschehe ein Umdenken in der Gesellschaft, wenn auch langsam. „Das sind Generationsdinge.“ Als positives Beispiel führt sie das Nachbarland Schweden an, in dem beide Partner jeweils 30 Stunden arbeiten können. „Sie teilen sich dann sowohl das Arbeiten als auch die Kinderbetreuung. So weit sind wir noch nicht“, erklärt die Scheeßelerin.

Für den Schritt in die Lokalpolitik hat sie sich auch aus persönlichen Gründen entschieden. „Ich will in Scheeßel bleiben, also muss ich auch gucken, dass der Ort in zehn, 20 Jahren noch so ist, dass ich gerne hier wohne.“ Dabei bleibt es nicht aus, dass sie privat über Politik spricht, je aktiver sie wird, desto mehr. „Manchmal betrifft einen ein Ratsthema persönlich, dann heißt es ,was habt ihr da wieder gemacht?‘ und man schnackt kurz darüber. Das ist Politik zwischendrin. Das ist jetzt ein Teil von mir.“

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