Zeitzeugen berichten Eichenschülern vom Kriegsalltag

„Zweifel kamen am Ende“

Die Veranstaltung moderieren die Jugendlichen selbst.
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Scheeßel. „Ich war ein glückliches Kind. Ich hatte Eltern, die mich liebten, und ich hatte eine fantastische große Schwester“, beginnt Manfred Hüllen seine Erinnerung an die frühe Kindheit. „Sie war einige Jahre älter als ich, und jedes Mal, wenn sie im Laden ein Bonbon bekam, hat sie um einen weiteren für ihren kleinen Bruder gebeten. Als ich vier war, haben wir den Vater einmal zum Bahnhof gebracht. Auf dem Rückweg kamen wir gerade aus dem Bahnhofsgebäude raus, als dort ein Laster der Wehrmacht beim Ausparken zurücksetzte. Der Wagen kam direkt auf uns zu, dann wurde es schwarz vor meinen Augen. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich ein paar kleine Blessuren. Meine Mutter war am Rücken verletzt, war aber schnell wieder genesen. Meine Schwester blieb liegen, sie war tot. Der Fahrer hatte sie nicht gesehen und war mit dem tonnenschweren Wagen über das kleine Mädchen gefahren.“

Hüllen, ansonsten ein Hüne von einem Mann, dessen Stimme den Theatersaal der Eichschule auch ohne Mikrofon problemlos füllt, kämpft noch heute, fast 80 Jahre später, mit den Tränen. Ihm ist auch als kleiner Junge sofort klar: Nie mehr würde die geliebte Schwester ihn abends vor dem Schlafgehen in die Arme nehmen oder vom Einkaufen ein Bonbon mitbringen. Hüllen stockt in seiner Erzählung, der Saal schweigt für einen Moment.

Zusammen mit zwei weiteren Zeitzeugen – Jürgen Petershagen, Jahrgang 1934, und Lisa Schaumburg, Jahrgang 1930 – ist Hüllen, Jahrgang 1939, nach Scheeßel gekommen, um den Schülern der Eichenschule Rede und Antwort zu stehen. Im Mittelpunkt steht dabei die Zeit zwischen 1933 und 1950, die die drei Hamburger als Kinder und Jugendliche erlebt hatten. Die Veranstaltung moderieren drei Schülern der Eichenschule, die Sorge tragen, dass auch jeder dran kommt, der die drei Senioren etwas fragen möchte. Dabei wird den Schülern schnell klar, dass das politische Geschehen eine ganz persönliche, individuelle Erfahrung ist. „Ich war als kleines Mädchen glücklich“, berichtet Schaumburg. „Wir wussten ja, dass solange der Führer für uns da war, alles gut werden würde.“ Gegen Ende des Krieges, als die Bomben immer dichter auf die Hansestadt fielen und die Luftabwehr kaum mehr einen Eindruck auf die alliierten Luftstreitkräfte machen, kamen dann auch bei den Kindern Zweifel auf, ob der „Führer“ wirklich noch die Lage im Griff habe. „Da wurden wir dann wütend auf Hitler, weil so viele starben und alles kaputt ging“, erinnert sich Schaumburg. Die sogenannte Kinderladverschickung habe sie bis heute noch in deutlicher Erinnerung, vor allem weil sie weitab von zu Hause Heimweh bekam und dann mit besonderer Erlaubnis doch wieder zu ihrer Familie habe zurückkehren dürfen. Einen ganz anderen Blickwinkel auf die Geschehnisse zeigt Petershagen, dessen Mutter vor der Machtübernahme der NSDAP im Wandervogel aktiv war. Nach der „Gleichschaltung“ der Wanderbewegungen unter die Hitlerjugend verließ sie diese Vereinigung. „Sie war von Anfang an gegen die Nationalsozialisten. Wie sehr sie die Familie allerdings exponiert hatte, habe ich erst nachdem Krieg mitbekommen“, so Petershagen. Die Mutter habe nämlich neben einer Untermieterin auch deren Partner im Hause gehabt, und der sei „Halbjude“ gewesen. Zudem habe sie sehr häufig mit dem eigenen Radio die Nachrichten aus England gehört, etwas das unter dem Tatbestand „Wehrkraftzersetzung“ strafbar war. Und das sei noch nicht alles gewesen: „Mein Vater war zudem 1940 in Wuppertal festgenommen worden, wegen sogenannter ,Bereicherung am Volkseigentum‘. Später ist er dann in ein Strafbataillon zum Minenräumenabkommandiert und am Ende von den Sowjets befreit worden“, erklärt Petershagen. Sein Verhältnis zur Roten Armee sei ein ganz ambivalentes. Die Verbrechen der sowjetischen Soldaten gegen die einheimische Bevölkerung habe er zwar auf der einen Seite mit eigenen Augen sehen können, aber auf der anderen Seite hatten sie seinen Vater gerettet. „Bei allen beteiligten Parteien gab es schwarze und weiße Schafe. Einmal haben russische Soldaten unser Radio mitgenommen. Aber draußen auf der Straße kam ihnen ein Offizier entgegen, der sofort seine Tokarev-Pistole auf die Soldaten richtete und sie anwies das Radio zurückzubringen.“ Auch die Frage danach, was sie vom Krieg und insbesondere vom „Feuersturm“ in Hamburg mitbekommen haben, beantworten alle drei unterschiedlich. So war nur Lisa Schaumburg zu Beginn der Operation Gomhorra – so der offizielle Titel des Angriffs – im betroffenen Bereich der Hansestadt unterwegs. Bei einem unerlaubten Ausflug mit ihrer Freundin war sie im Keller eines Hauses durch Bombentreffer verschüttet worden, aber trotzdem noch rechtzeitig nach Wilhelmsburg zurück gekehrt, um den Feuersturm zu verpassen. „Meine Cousine hatte weniger Glück. Sie wollte vor dem Feuer über eine Straße fliehen, ist aber im weichen Asphalt stecken geblieben und vermutlich dort verbrannt. Sie wurde keine 15 Jahre alt“, erzählt Schaumburg mit gefasster Stimme. Von Wilhelmsburg aus sei der Feuerschein bei Nacht deutlich zu sehen gewesen, die nächsten Tage habe der Rauch und die Asche die Sonne über der Stadt verdunkelt. Ob sie von den Vernichtungslagern gewusst hätten als Kinder, wollen die Schüler wissen. Schaumburg, die als einzige bei Kriegsbeginn im Schulalter war, meint dazu, man habe von Vernichtungslagern nichts gewusst, lediglich Arbeitslager seien bekannt gewesen. Auch sei ihnen nicht bewusst gewesen, was mit den Leuten passierte, die abtransportiert wurden. Hüllen mahnt die Schüler zu Achtsamkeit gegenüber dem politischen Geschehen und dazu, gegen solche etablierten Strukturen, die nicht das Beste für alle im Sinn hätten aufzubegehren. Dabei ruft er auch wiederholt zu Unterstützung für die Fridays-for-Future-Bewegung auf, die sich für das Wohl aller einsetze. „Die Alten haben die Erde so zugerichtet, wie sie ist, Lasst euch von denen nichts mehr sagen, denn ihr seid die Zukunft des Planeten“, erinnert Hüllen die Schüler und erntet dafür Applaus von den voll besetzten Rängen des Theatersaals.

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