Uwe Wahlers spricht über Schule damals und heute

„Unterricht zum Anfassen“

Der Scheeßeler Uwe Wahlers erzählt kurzweilig aus seinem Leben in der Schule. Foto: Ann-Christin Beims
 ©

Scheeßel (acb). Wenn Uwe Wahlers über das Thema „Schule damals und heute“ spricht, kann er auf Erinnerungen vor seiner Einschulung zurückgreifen: Denn der Scheeßeler ist bereits in der Schule geboren worden. „Das war 1950 in Bartelsdorf, in der zweiklassigen Volksschule, und bis zur Pensionierung bin ich aus der Schule auch nicht mehr raus gekommen“, erzählt der ehemalige Schulleiter der Grundschule Scheeßel mit einem Lächeln beim Seniorentreff im Harmshaus.

Dort herrscht an diesem Nachmittag Stuhlmangel, denn viele Senioren haben sich eingefunden, um nach einer gemütlichen Klönrunde bei Kaffee und Kuchen, einer Andacht mit Diakonin Sabine Gerken und einigen Ständchen für die Geburtstagskinder dem Erlebten zu lauschen – natürlich „op platt“, wie sich das gehört. „Das wird kein wissenschaftlicher Vortrag, sondern ich erzähle, was ich in der Schule erlebt habe und wie ich Schule sehe“, betonte Wahlers.

Und die wichtigste Zeit fängt nicht erst mit der Schule an, steigt er in das Thema ein. Sein Vater war Schulleiter in Bartelsdorf. „Da bin ich groß geworden und das war mein Glück, ich hatte eine schöne Kindheit“, erinnert sich der Scheeßeler. Viel draußen sei er gewesen, hat die Natur erkundet, auf den Höfen beim Melken und im Schweinestall geholfen. „Wir hatten das Gefühl, dass wir genauso wichtig waren wie die Erwachsenen. Wir konnten überall hingehen.“ Dabei lernte er, was Nutztiere sind und wie diese geschlachtet werden. Das gehört dazu, ergänzt Wahlers. „Aber viele Kinder haben solche Erlebnisse nicht mehr, sie gehen früh in Kindergarten und Krippe, weil die Eltern arbeiten müssen. Die Arbeit dort ist auch wichtig, aber sie ist anders.“ Daher hat er den Eltern immer mit auf den Weg gegeben: „Lest euren Kindern etwas vor, damit sie zuhören lernen, geht in den Wald, unternehmt etwas, da lernen sie so viel.“

Mit sechs Jahren ist Wahlers eingeschult worden und stand direkt vor einem Problem: „Wir waren ein Mädchen und drei Jungen. Da war die große Frage: Wer sitzt neben dem Mädchen? In dem Alter musstest du noch daneben sitzen, nachher wollten wir daneben sitzen“, sagt er augenzwinkernd und erntet amüsiertes Gelächter. Positiv bewertet er, dass die Schüler gelernt haben, alleine zu arbeiten – denn in der Dorfschule haben mehrere Schüler unterschiedlichen Jahrgangs gleichzeitig gelernt. Noch mit einer Schiefertafel, nicht der heute üblichen beschreibbaren Projektionstafeln. „Wer schnell fertig war, konnte den Älteren zuhören, da lernt man dazu.“ Und noch einen Unterschied sieht er zu heutigen Lehrmethoden: „Wir hatten damals Zeit, alles zu lernen und zu verstehen, heute bekommen die Schüler so viel Stoff, dass sie es teilweise nicht begreifen.“

Auch Ausflüge standen auf dem Programm. Wahlers erinnert sich an eine Tour, die ihn und seine Mitschüler in die nördliche Hälfte der Gemarkung führte, einen Tag später in die südliche Hälfte. „Ich wusste noch genau, wo Bartelsdorf aufhört und anfängt, weil ich dort selbst langgelaufen bin.“ Auch ein Bohrturm in Stemmen und das Freudenthal-Denkmal in Fintel boten praktische Lehrbeispiele. „Das war Unterricht zum Anfassen“, so Wahlers. „Es ist wichtig, dass die Kinder nicht nur Arbeitsblatt um Arbeitsblatt füllen und abarbeiten.“

Auch der Sportunterricht war manchmal anders – so gab es Versteckspiele auf Nachbars Hof. „Wir konnten gut einschätzen, was wir uns zutrauen, ob wir die Kraft für etwas haben.“ So viel draußen unterwegs zu sein, hatte aber auch seine Nachteile, wie Wahlers zugab. „Die schlimmste Strafe war, sich nach Unfug entschuldigen zu müssen“, sagt er schmunzelnd.

In der fünften Klasse ist er dann nach Rotenburg auf das Ratsgymnasium gewechselt. „Das war eine große Umstellung, mehr Lehrer, alles nicht mehr so persönlich.“ Dabei kommt ihm ein Diktat in den Sinn, dass er dort schreiben musste. „Das waren keine bekannten Geschichten, es ging um Segelfliegen – da habe ich direkt eine Fünf geschrieben, ich hatte davon doch keine Ahnung“, meint er.

Doch nach und nach hat sich der Junge damals hineingefunden, und als sein Vater 1964 Schulleiter in Scheeßel geworden ist, wechselte Wahlers auf die Eichenschule für seine letzten drei Schuljahre. Anschließend ging es zur Bundeswehr, bevor es ihn nach Lüneburg zog, zum Lehramtsstudium. Bevor er danach aber in sein Referendariat starten konnte, musste er sechs Monate überbrücken. Da kam ihm das Angebot, Mathe und Sport an der Eichenschule zu unterrichten sehr gelegen. „Da saß ich plötzlich neben meinen ehemaligen Lehrern im Lehrerzimmer – da habe ich viele Tipps bekommen.“

Ein prägendes Erlebnis war für ihn ein Schüler, der zwei Fünfen im Zeugnis hatte und damit sitzen geblieben wäre. Wahlers hat ihn damals nach Hause begleitet, als er es seinen Eltern sagen musste. „Der Vater meinte, das wäre auch meine Schuld, dass er nichts gelernt hat. Das hab ich mir zu Herzen genommen. heutzutage passiert es schnell, dass schwache Kinder aus den Augen verloren werden. Das sollte nie wieder passieren, ich sagte mir, ich muss mich um jeden so kümmern, dass er die Ziele erreichen kann.“

Später wurde Wahlers Schulleiter der Grundschule Scheeßel – 21 Jahre lang. „Wir haben viel gemacht, was ich aus meiner Schulzeit kannte – sind ins Heimathaus gegangen, haben Waldjugendspiele veranstaltet.“ Heute bemängelt er vor allem, dass es zu wenig Lehrer gibt. „Natürlich hat sich viel verändert, aber für elektronische Tafeln und Co. wird Geld ausgegeben, das sollten sie lieber in Lehrer investieren – aber das haben die da oben immer noch nicht verstanden.“ Sein Fazit ist dennoch positiv: „Du musst Kinder gern haben, ein Gefühl dafür entwickeln, wann sie Hilfe brauchen, wann ein wenig Trost. Dann ist Unterrichten sehr, sehr schön.“

Autor

Jens Loës Jens Loës
 04261 / 72 -431
 jens.loes@rotenburger-rundschau.de

20.08.2019

Sommerfest in Oyten

20.08.2019

Boxenstopp

16.08.2019

Kreisschützenfest Wittorf II

16.08.2019

Fischerstechen Lauenbrück