Reinhard "Luffy" Lüdemann spielt gerne Pantomime und feiert am Neujahrstag seinen 60. Geburtstag - Von Dennis Bartz

„Dann bin ich dieser Paddel“

Seine Leidenschaft ist die Pantomime: Heute feiert Reinhard "Luffy" Lüdemann seinen 60. Geburtstag.
 ©Rotenburger Rundschau

Hetzwege. Ohne ihn wäre es ruhig in Rotenburg, dabei ist er selbst eigentlich ein ganz Stiller: Hauptamtsleiter Reinhard „Luffy“ Lüdemann prägt seit 1991 das sportliche und kulturelle Leben der Stadt. Er holt La Strada nach Rotenburg, entwickelt die Idee fürs Kulturbankett und verhilft den Bürgern zu einem ganz eigenen Fußballmärchen, als das Team von Trinidad und Tobago auf sein Werben hin für die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland in den Wachtelhof zieht. Trotz des frühen Ausscheidens bereits nach der Gruppenphase behält die Delegation aus der Karibik die Wümmestadt offenbar in bester Erinnerung – und das soll sich vier Jahre später bezahlt machen.

Am heutigen Neujahrstag, 1. Januar, feiert Lüdemann seinen 60. Geburtstag. Die Rundschau besucht ihn kurz vor Weihnachten in seinem Haus in Hetzwege. Dort sitzt er besonders gerne am großen Wohnzimmerfenster und schaut hinaus. Er blickt auf Bäume, einen kleinen See und auf ein Bild von Pettersson und Findus am Gartenhäuschen. Zwei weitere Mal stoßen Besucher auf die beiden Figuren von Sven Nordqvist: am Garagentor und unter dem Carport. „Die Bilder hat meine Frau gemalt. Wir beide mögen die Geschichten sehr.“ Lüdemann liebt Musik. Schon als Jugendlicher schaltet er sofort das Radio ein, wenn er aus der Schule kommt. Mit seinem Programm „Talking ‘bout my Generation” tritt er seit drei Jahren an der Seite von Bobby Meyer auf. Die beiden kennen sich bereits aus Schulzeiten, doch während Meyer ein erfolgreicher Gitarrist ist, fehlt Lüdemann das Talent, ein Instrument zu erlernen.

Erst spät beginnt er damit, Saxofon zu spielen. Nach zwei Leistenbrüchen ist aber Schluss. „Ich habe jeden Tag anderthalb bis zwei Stunden geübt. Das ist wirklich erstaunlich, weil ich in solchen Dingen eigentlich eine faule Socke bin“, gibt Lüdemann lachend zu. Nicht einmal singen könne er besonders gut, sagt er. Seine Frau ist anderer Meinung: „Wenn in ihrer Familie Lieder angestimmt werden, dann bin ich trotzdem lieber nur Zuhörer und gebe am Ende Applaus.“

Lüdemann entdeckt schon früh seine Leidenschaft fürs Theater und überzeugt in den Rollen, die er spielt. Doch ein kleines Handikap hindert ihn an seiner Karriere: Es fällt ihm schwer, den Text auswendig zu lernen. „Das ist einfach nichts für mich, das war schon in der Schule mit Gedichten immer so.“ Aber dann sieht Lüdemann im Fernsehen den Auftritt des legendären französischen Pantomimen Marcel Marceau – und weiß: Das ist perfekt für ihn. „Es hat mich beeindruckt, wie er mit seinem Körper Geschichten erzählt. Das wollte ich auch können.“ Schon immer hatte er auf die Körpersprache seines Gegenübers geachtet und war fasziniert davon, wie Menschen Mimik und Gestik beim Sprechen einsetzen.

Lüdemann besucht verschiedene Workshops in Claustahl-Zellerfeld, Hannover, Papenburg und obendrauf noch einen Kurs an Rotenburger Volkshochschule. Referenten dort sind die vier Mitglieder der Gruppe Undercover Mimes. „Das hat mir sofort viel Spaß gemacht. Ich habe mir danach selbst Geschichten ausgedacht und Zuhause eingeübt.“ Daran, selbst vor Publikum aufzutreten, denkt er zunächst nicht. Aber dann kommt eine Anfrage der Mimen. Ihnen fehlt der vierte Mann für einen Auftritt und da sich Lüdemann im VHS-Kurs so gut angestellt hatte, soll er aushelfen. „Da habe ich natürlich sofort zugesagt.“ In den Wochen darauf stehen zahlreiche Proben an. „Wir haben wirklich hart für meinen ersten Auftritt gearbeitet, der dann im Rotenburger Bürgersaal war. Das war ein tolles Erlebnis für mich – und fast alles lief wie am Schnürchen.“

Wochen vergehen, Lüdemann zehrt noch immer von seinem Auftritt, glaubt aber eine einmalige Geschichte. Dann kommt eine weitere Anfrage: Undercover Mimes bietet dem damals 25-Jährigen einen festen Platz in der Gruppe an – und der muss nicht lange nachdenken. „Ich habe mich tierisch gefreut. Wir waren seitdem mit fünf Mimen und drei Technikern unterwegs und haben ein volles Abendprogramm gespielt.“

Bis zu 25 Auftritte stehen pro Jahr an, und die Gruppe ist im gesamten norddeutschen Raum bis hinein in den Ruhrpott gefragt. Besondere Höhepunkte sind nach der Grenzöffnung die Auftritte in Rothenburg an der Neiße und Chemnitz.

Weil irgendwann aber alle Gruppenmitglieder im Beruf stehen und zum Teil Familie gründen, rückt die Pantomime immer mehr in den Hintergrund. „Ich erkrankte damals außerdem zum ersten Mal an Krebs und hatte den Kopf nicht mehr frei dafür“, so Lüdemann. Anfang der 1990er sind es nur noch wenige Shows im Jahr – meist ohne Gage bei Benefizveranstaltungen. „Das war für uns alle sehr wichtig“, so Lüdemann, der sich beispielsweise noch gerne an die Matinee in der Rotenburger Volkshochschule zugunsten der Tschernobyl-Stiftung von Hiltrud Schröder erinnert.

Eine Tour mit drei Auftritten liegt Lüdemann besonders am Herzen. Er sieht damals im Fernsehen einen Bericht über ein vierjähriges Kind, das im Mutterleib an Aids erkrankt. „Das Gesicht der kleinen Anna ließ mich nicht mehr los. Also haben wir etwa 1.100 Euro gesammelt und zusätzlich die Einnahmen von Auftritten in Essen, Düsseldorf und Hanau gespendet.“

Wenig später löste sich die Gruppe dann endgültig auf. Doch für Lüdemann und die beiden weiblichen Mimen ist es nur ein Bühnenabschied auf Zeit. Mit Anja Stolzmann, Dagmar Kaßburg und unterstützt durch Ute Drömann gründet er die Gruppe Naseweis. „Wir wollten uns auf das besinnen, was Pantomime ist: ein leises Theater. Und wir haben vor allem für den guten Zweck und bei Benefizveranstaltungen gespielt.“

Als Hedda Braunsburger zu einem Fest aufruft, weil der Stadtrat kein Geld für Kulturwochen bereitstellt, sagen die Mimen sofort zu. „Viele Gruppen sind damals ohne Gage aufgetreten, extra für Hedda. Das war ein tolles Fest.“

Lüdemann spielt besonders gerne vor Kindern, weil diese weniger Schranken im Kopf haben und sich leichter auf die Pantomime einlassen. Er erinnert sich an einige besondere Momente: So spielt Lüdemanns Gruppe auf Einladung von Kantor Karl-Heinz Voßmeier viermal in der ausverkauften Stadtkirche das Stück Peter und der Wolf.

Voßmeier sitzt an der Orgel und Henrik Pröhl von den Rotenburger Werken hält eine Lesung. „Wir Mimen waren ganz sparsam verkleidet. Ich trug zu meinen schwarzen Klamotten nur zwei graue Tücher. Beim Triumphgang durch den Mittelgang hielt mich der Jäger am Schlafittchen. Ich trottete auf allen Vieren und mit gesenktem Haupt hinterher.“

Als Lüdemann am Gang einen kleinen Jungen entdeckt, der sich an seinen Papa schmiegt, deutet er noch einmal an, die Krallen auszufahren. „Da springt der kleine Junge auf, baut sich vor mir auf und ruft: ,Nicht meinen Papa!‘. Seine Liebe für seinen Vater ist größer ist als die eigene Angst vor dem Wolf. Das war ein großartiger Moment.“

Unvergessen bleibt für ihn auch ein Auftritt am Nikolaustag im Krankenhaus. Im Publikum sitzt ein kleines Mädchen im Rollstuhl, das zu Beginn des Auftritts sehr traurig guckt. „Aber irgendwann hatten wir sie und sie lachte. Dadurch war das Eis gebrochen. Beim letzten Stück habe ich ihr dann meine Seifenblasen gegeben und sie hat sich darüber so sehr gefreut. Später erzählten mir die Schwestern, dass das Mädchen schon ein paar Wochen im Krankenhaus war und sie seitdem noch nie gelächelt hatte.“ Die Einnahmen des Auftritts spendet die Gruppe an Lüdemanns Patenkinder in Brasilien und Indien sowie für die Kindernothilfe.

Aber der Hetzweger tritt auch alleine auf: zum Beispiel beim offiziellen Empfang des DFB anlässlich des U 19-Länderspiels der Frauen zwischen dem deutschen und dem kanadischen Team in der Sportschule Barsinghausen 2003. „Ein solch ,stilles Grußwort‘ einer Ausrichterstadt hatte es bis dahin bei einem DFB-Empfang noch nicht gegeben“, so Lüdemann. Er stellt die Sportschau pantomimisch da: mit Tennis, Gewichtheben, Golf und Fußball, die Zuschauer sind begeistert.

Mit Naseweis spielt Lüdemann eine Mischung aus Slapstick, Nonsens und witzigen Geschichten, aber auf tiefgreifende Stücke. Zwei Geschichten bedeuten Lüdemann besonders viel: ein Stück des bekannten russischen Clowns und Pantomimen Oleg Popov. „Er fängt darin mit einem dem Koffer einen Lichtkegel, um sich zu wärmen. Das habe ich gesehen und wollte es selbst spielen.“ Das zweite ist die Geschichte „Die Bettlerin“ von Thomas Mann.

„Pantomime ist mir persönlich wichtig, um Dinge aus meinem Leben zu verarbeiten“, sagt Lüdemann und meint damit zum Beispiel seine Magenkrebs-Erkrankung im Alter von 39 Jahren. Daraus entsteht das Stück „Herzbeben“, das er mit freiem Oberkörper spielt, um die Narbe einer Operation zu zeigen. „Damit mute ich dem Publikum sicher einiges zu. Ich habe nach dem Programm das Schweigen gebrochen und von meiner Erkrankung erzählt. Die Reaktionen des Publikums waren toll. Das waren für uns die intensivsten Momente.“

Die ersten Pantomimen waren eigentlich Gaukler, die im Mittelalter umherzogen und Geschichten erzählten. Weil diese sich aber häufig kritisch mit den Fürsten auseinandersetzen, waren diese außer sich und verboten den Gauklern das Wort. Doch diese machten sich einen Spaß daraus, ihre Geschichten seitdem nur noch mit Mimik und Gestik zu erzählen.

Heute sind Pantomimen vor allem bekannt wegen ihrer schwarzen Kleidung, den weißen Gesichtern und Handschuhen. Eine halbe Stunde braucht Lüdemann für diese Verwandlung. „Dabei geht es vor allem darum, den Ausdruck zu verstärken. Das Gesicht wird mit weißer Fettcreme bedeckt und die Augenbrauen sehr hoch eingezeichnet, um das Gesicht optisch größer zu machen. Dazu male ich einen knallig roten Mund, um den Effekt noch mehr zu verstärken.“

Damit die Abstimmung innerhalb der Gruppe reibungslos läuft, sind wöchentliche Proben nötig. Beim Spielen zeigt Lüdemann sein Talent: „Mir ist es immer leicht gefallen, mich in die jeweilige Rolle auf der Bühne hineinzuleben. Das ist sehr wichtig, wenn man das Publikum mitnehmen will. So habe ich einen Golfer gespielt, ganz Schickimicki, der eigentlich sehr schlecht in seinem Sport ist. Wenn ich auf der Bühne stehe, dann bin ich dieser Paddel.“

Für die Rolle hilft ihm ein Clowns-Workshop, den er absolviert hat. Das sei schwerer als gedacht: „Es reicht nicht aus, den dummen August zu machen. Blöd und einfältig zu wirken, wenn man es nicht ist, ist verdammt schwierig.“ Die Grundtechniken der Pantomime zu erlernen, sei dagegen nicht schwer. Das Hobby zudem denkbar preiswert: „Man kommt schließlich fast ohne Utensilien aus, weil man alles darstellen kann. Wenn ich ein Seil für meine Show brauche, muss ich es nicht mit mir herumschleppen und trage es trotzdem immer bei mir.“ Ein anderes Utensil ist ihm dagegen sehr wichtig: Wenn Lüdemann als Dirigent oder Opernsänger auftritt, dann trägt er den 60 Jahre alten Hochzeitsanzug seines Vaters. „Es ist für mich immer etwas Besonderes, darin aufzutreten.“

Es wäre doch sicher schön, im Rentenalter dann mehr Zeit für seine Show „Talking ‘bout my generation“ und dann auch wieder für die Pantomime zu haben, oder? Doch soweit denkt Lüdemann an seinem 60. Geburtstag noch nicht: „Dafür macht meine Arbeit mir viel zu viel Spaß.“ Denn er kann sich als Hauptamtsleiter seinen großen Themen widmen: Sport, Musik und Kultur. „Da bin ich goldrichtig. Mein Plus ist, dass ich die Seite der Künstler kenne. Ich kann mich in sie hineinversetzen und weiß, wie schwierig es ist, wenn man schon ein Jahr vor der Veranstaltung einen Kosten- und Finanzierungsplan machen soll.“

Er genießt es besonders, selbst Projekt zu entwickeln. La Strada sei ein Beispiel. Das Straßenfestibal feiert im kommenden Sommer seine zehnte Auflage. „Für die Kulturwochen hatte ich den Berliner Straßenchor aus Obdachlosen nach Rotenburg geholt.“

Und 2010, vier Jahre nach der Fußball-Weltmeisterschaft, meldete sich überraschend der Deutsche Botschafter aus Trinidad und Tobago, weil dieser eine Unterkunft für die Culture Kids suchte, eine Gruppe aus Eliteschülern, die Steeldrums spielen. Diese hätten in Berlin unterkommen können, wollten aber lieber dorthin, wo ihre Fußballstars vorher waren: in Rotenburg. „Wir hatten nur zehn Tage Vorbereitungszeit und haben es trotzdem gemacht. Uns flogen überall die Türen auf.“

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
 04261 / 72 -430
 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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