Jürgen Rademacher gibt Einblick in die Arbeit eines Schöffen - Von Ann-Christin Beims

„Von Haus aus neugierig“

Während die Anklageschrift verlesen wird, macht sich Jürgen Rademacher Notizen zu dem Fall. Foto: Ann-Christin Beims
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Vahlde. Die Samtgemeinde Fintel sucht nach neuen Schöffen, erstmals über einen Aufruf in der Presse. Doch was macht ein Schöffe eigentlich und welche Voraussetzungen muss man für das Amt erfüllen? Jürgen Rademacher aus Vahlde ist einer, der es wissen muss: Er ist seit zwei Perioden Schöffe am Landgericht in Verden, wie bereits sein Vater vor etwa 40 Jahren.

Die Aussicht auf eine komplett neue Aufgabe neben seinen anderen ehrenamtlichen Tätigkeiten hat ihn gereizt. „30 Jahre Schützenkommandeur, 12 Jahre im Kirchenvorstand, 30 Jahre Politik, Jagdvorstand, gute 100 Jahre kommen da schon zusammen. Da wollte ich nochmal was anderes machen, etwas, das nichts mit Vereinstätigkeit oder Politik zu tun hat“, sagt der Vahlder Bürgermeister. „Und ich bin von Haus aus neugierig“, ergänzt er – eine gute Voraussetzung, denn ein Schöffe entscheidet gemeinsam mit dem Richter darüber, ob ein Angeklagter schuldig ist und wie das Strafmaß ausfallen soll.

Als sich die Samtgemeinde vor einigen Jahren in den Reihen des Rates umhörte, ob jemand einen geeigneten Kandidaten wüsste, hat Rademacher sich selbst vorgeschlagen. „Dann muss man ein polizeiliches Führungeszeugnis vorlegen, gute Deutschkenntnisse sind Voraussetzung und man sollte ein bisschen Lebenserfahrung mitbringen, das ist wichtig“, erklärt Rademacher.

Sein Ehrenamt übt er seitdem am Landgericht in Verden aus. „Ich wollte nicht nach Rotenburg, weil man doch viele Leute kennt und bekannt ist.“ Juristisches Vorwissen hatte er keines, was aber auch nicht nötig sei und gerade das habe für ihn den Reiz ausgemacht.

Vor Ort trifft er auf einen anderen Schöffen und im Vorgespräch mit dem Richter erhalten sie erste Informationen über den Fall. „Was auch schwierig sein kann, manchmal hatten wir zehn Seiten Anklageschrift, konnten uns darüber aber nur kurz austauschen.“ Für die Schöffen sind diese Tage eine Herausforderung, sie müssen sich schnell in den Fall hineindenken und machen sich während der Verhandlung viele Notizen, stellen am Ende Fragen. Der Vorteil daran: Sie gehen unvoreingenommen an die Situation heran und bilden sich während der Verlesung der Anklageschrift ihre Meinung. Die Richter, die sich nach dem Aktenstudium schon oft eine Meinung gebildet haben, freuen sich über den Input der Schöffen und nehmen ihre Anregungen ernst. „Das ist zugleich das Spannende daran.“

Hierbei kommt auch die Menschenkenntnis ins Spiel: „Manchmal erkennt man auf den ersten Blick, was das für eine Type ist, die gerade den Gerichtssaal betritt“, konstatiert Rademacher, der Sexualdelikten, Schlägereien oder Unterschlagungen beigewohnt hat – alles kleinere Delikte in der ersten Strafkammer. Seine Einsätze sind überschaubar, etwa jeden zweiten Monat. Manchmal bis zu drei Verhandlungen an einem Tag, aber „das sind dann Dinge, die ruckzuck abgehandelt werden“. Manche Parteien einigen sich auch vorher, sodass ein anberaumter Termin abgesagt wird. Darüber werden die Schöffen rechtzeitig informiert. Als selbstständiger Landwirt kann Rademacher sich die Termine gut einteilen, viele Schöffen sind auch (Früh-)Rentner. Als Angestellter wird man freigestellt.

Gelernt hat er in der Zeit bei Gericht vor allem eines: ruhig zu bleiben. Denn egal wie emotional aufgeladen die Stimmung ist, ein Schöffe lernt, sich nicht reizen zu lassen. „Es geht nur nach Fakten, nach Gesetz und Paragrafen.“ Angst habe er in den vergangenen Jahren nie gehabt und er darf in keinen Gerichtssaal, wenn dort Bekannte von ihm sind.

„Es war unglaublich interessant. Man muss auch seine Worte bewusst wählen“, resümiert der Vahlder. Für ihn sei die Zeit eine Bereicherung gewesen, besonders, wenn er Richter und Verteidiger in Aktion erleben durfte. „Ohne Punkt und Komma konnten die reden, und das muss ja alles hieb- und stichfest sein. Wir hatten einmal einen bekannten Verteidiger da, seit Jahrzehnten in seinem Beruf. Und wenn ein jüngerer Richter auf einen so erfahrenen Kollegen trifft, dann muss er schon gewieft sein“, sagt Rademacher, der das Amt auch jederzeit nochmal übernehmen würde.

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