Gemeinde Scheeßel spendet Fund-Fahrräder an Geflüchtete

Immer schön mobil bleiben

Das kann sich sehen lassen: Camp-Sozialarbeiter Tim Leonard (l.) und sein Kollege Kalle Weiß begutachten im Beisein von Hans Brauns (Flüchtlingshilfe) und der Integrationsbeauftragten Anja Schürmann die Fahrräder. Foto: Warnecke
 ©

VON LARS WARNECKE

Scheeßel – Alles muss raus – diesen Slogan kennt man normalerweise aus der Geschäftswelt, wenn es etwa um Räumungsverkäufe geht. Mit dem Rathaus in Scheeßel würde man ihn dagegen nicht unbedingt in Verbindung bringen. Und doch will man auch dort ordentlich „ausmisten“ – wenngleich natürlich nicht das komplette, im Zuge des Umbaus noch nagelneue Interieur. Nein, das Objekt der Begierde ist im Keller zu finden, genauer: im Fundkeller. Exakt 22 Damen-, Herren und Kinderfahrräder sind hier neben anderen verloren gegangenen Gegenständen eingelagert, hängen hochkant an den Wänden oder stehen in Reih und Glied nebeneinander. Normalerweise kommen die herrenlosen Drahtesel bei der jährlichen Fundsachenversteigerung der Gemeinde unter den Hammer und gehen somit in den Besitz des Meistbietenden über. Aber: Wegen Corona mussten auch die öffentlichen, immer wieder beliebten Auktionen pausieren. „Daher ist bei uns im Laufe der Zeit doch einiges aufgelaufen“, berichtet Anja Schürmann. Auch an Rädern, deren gesetzliche Verwahrungsfrist von mindestens sechs Monaten inzwischen abgelaufen sei.

Schürmann ist bei der Gemeinde die Gleichstellungsbeauftragte – und zugleich Integrationsscout. Sie weiß: Wegen des Ukraine-Krieges bekommt es auch die Gemeinde Scheeßel wieder mit einem hohen Maß an Neuankömmlingen zu tun. 109 ukrainische Flüchtlinge seien aktuell an der Beeke gemeldet – „davon sind 79 privat untergekommen, 30 leben im Camp“. Tendenz steigend. Demnach, erzählt Tim Lenard, würden schon in den nächsten Wochen wieder zehn weitere Personen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, im Camp auf dem ehemaligen Internatsgelände der Eichenschule erwartet. „Von Anfang Februar bis jetzt ist unsere Bewohnerzahl um 100 Prozent gestiegen“, sagt der Sozialarbeiter von „Human Care“, dem Betreiber der zentralen Unterkunft.

Er und sein Team bleiben gut beschäftigt – und das wohl noch auf sehr lange Sicht. „Dabei ist es ja eigentlich mal so geplant gewesen, dass die Leute im Camp eine überschaubare Zeit lang wohnen, um dann in den normalen Wohnungsmarkt zu wandern“, so Hans Brauns, Vorstandsmitglied in der Scheeßeler Flüchtlingshilfe. Nur sei dieser Markt eben auch komplett leer gefegt. „Es gibt welche, die seit 2015 dort wohnen und einfach keine eigene Bleibe finden – auch wenn sie es noch so gerne möchten“, weiß Brauns.

Was ihn und seine ehrenamtlichen Mitstreiter ungemein freut: Die Gemeinde überlässt dem Verein die Fund-Fahrräder kostenlos. Schon einmal hat es eine solche Schenkung gegeben – 2015/16 zu Beginn der letzten großen Flüchtlingswelle. „Das ist jetzt eine echte Spende, weil die Erlöse aus der Versteigerung normalerweise sonst an die Gemeinde gegangen wären.“

Anja Schürmann, die in Absprache mit den Kollegen vom Scheeßeler Fundbüro den Stein ins Rollen gebracht hatte, weiß aus ihrer langjährigen Arbeit heraus nur zu gut, dass ein Fahrrad für die Geflohenen mit zu den wichtigsten Utensilien gehört – um sich im ländlichen Raum fortzubewegen, sei es beispielsweise zum Einkaufen, an der Gesellschaft aber auch überhaupt teilzunehmen. Nur die wenigsten ukrainischen Flüchtlinge, erzählt sie, seien mit dem eigenen Auto gekommen. „Bei uns im Camp sogar niemand“, ergänzt Lenard.

Nun sind die gespendeten Zweiräder aber keinesfalls ausschließlich nur für die Camp-Bewohner „reserviert“, sondern sollen an alle in der Gemeinde lebenden Flüchtlinge, die Bedarf anmelden, verteilt werden. Damit ist auch das reguläre Prozedere erst einmal durchbrochen: „Bei der Flüchtlingshilfe war es immer so, dass wir Fahrräder mit Schloss für einen Preis von 15 Euro an Bedürftige verkauft haben“, erläutert Brauns. „Wenn der nicht geleistet werden kann, machen wir es nach wie vor so, dass wir Kredite für Anschaffungen im Wert von bis zu 500 Euro geben.“ Dieser Kredit werde allerdings erst dann herausgegeben, wenn die Person einen Dauerauftrag für die Tilgung auch eingetütet habe.

In den nächsten Tagen sollen die allesamt noch fahrtüchtigen Drahtesel vom Fachdienst Straßen und Grün an die Flüchtlingshilfe sowie an die Crew von „Human Care“ ausgeliefert werden. Und wer weiß: Vielleicht kommt der ein oder andere neue Besitzer dann auch mittwochs mal auf den Meyerhof geradelt. Dort gibt es – nach langer Auszeit – wieder ein regelmäßiges, für alle geöffnetes Flüchtlingscafé, Der Name ist dabei neu. Brauns: „Wir sind der Meinung, ,Café Refugium’ passt nicht mehr, daher heißt das jetzt ,Café Gemeinsam‘.“

28.02.2021

Landpark Lauenbrück

12.02.2021

Winterlandschaft in Rotenburg

22.12.2020

Weihnachtsbilder

29.10.2020

Herbstfotos der Leser