Engagierte Diskussion um geplantes Naturschutzgebiet

Ausnahmen als Regelfall

Das geplante Naturschutzgebiet verläuft durch die Gemarkungen Jeersdorf, Wohlsdorf und Scheeßel.
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Wittkopsbostel. „Ist denn das Gelände westlich des Sportplatzes Waidmannsruh in Scheeßel betroffen, dürfen da zukünftig beispielsweise noch die Silvesterläufe stattfinden?“ wollte Jörg Schuries, Vorsitzender des TV Scheeßel in der Bürgerfragestunde wissen. So wie Schuries ging es auch den meisten Vertretern des Kernortausschusses sowie den Ortsräten aus Jeersdorf und Wohlsdorf bei dem Thema „Umwandlung von Landschaftsschutzflächen in Naturschutzflächen“. Die Frage nach den Vor- und Nachteilen dieser neuen Regelung beschäftigte viele der Anwesenden. Nicht alles konnte abschließend geklärt werden, sodass die Vertreter der Gemeinde die Sitzung am Ende vertagten.

Lebhaft und emotional ging es an diesem Abend im nahezu vollen Dorfgemeinschaftshaus in Wittkopsbostel zu. Dabei ging es um ein Thema, dass den Landkreis schon Jahre, wenn nicht Jahrzehnte beschäftigt, nämlich um die Umsetzung von EU-Recht und die Umwandlung von Landschaftsschutz- in Naturschutzgebieten. Es ging aber auch um viele Einzelfälle, besorgte Privatbürger fürchten um Einschränkungen, aber vor allem die Inhaber landwirtschaftlicher Betriebe im Haupterwerb fühlten sich nicht mitgenommen, sprachen von Wertverlusten und gar von Enteignung. Zudem schien den meisten unklar, wo die Unterschiede im Detail zwischen Natur- und Landschaftsschutzflächen liegen.

In Kurzform sieht der Landkreis Rotenburg, vertreten durch den Ersten Kreisrat Torsten Lühring sowie Ronja Schuldt vom Amt für Naturschutz und Landschaftspflege, indes keine Nachteile aufgrund des geplanten Naturschutzgebietes, das von der EU unter der Prämisse „wirksam sichern“ vorgegeben sei. „Es gibt insgesamt keine Verschlechterungen“, so Schuldt.

Allein aufgrund des vorliegenden Kartenmaterials waren jedoch Unsicherheiten in Bezug auf Wegeführung und Flächenbezeichnung entstanden. Handelt es sich um eine Brachfläche oder nicht, darf dort Heu noch lagern wenn es NSG-Fläche ist, sind vorhandene Viehunterstände noch legal, beziehungsweise darf man noch anbauen, was ist mit dem Schützenplatz und der Kneipe „JWD“? Mit diesen und anderen Problemfällen konfrontierten die Zuhörer die Vertreter von Gemeinde und Kreis. Einiges konnten die Kreisvertretern klären. Das Prinzip „Bestehendes wegnehmen, beziehungsweise ändern und mögliche Einschränkungen durch Sonderregelungen wieder aufweichen“, wollte beim Publikum jedoch trotzdem nicht greifen: „Warum erst jede Menge Verbote aufstellen, um sie später mit Sonderregelungen wieder ein Stück aufzuweichen?“

Das Befahren der Wümme mit Booten ist nicht zulässig, das Paddeln unter Berücksichtigung der vorhandenen Ein- und Ausstiegsstellen aber weiterhin. Auch die unterirdischen Leitungen der Südlink-Trasse dürften durch Naturschutzgebiete verlaufen, soweit Start- und Ziel dieser Leitungen nicht im NSG liegen, erklärte Schuldt.

Der Fischauf- und abstieg am Wümmewehr müsse erhalten bleiben, südlich der Dieckchaussee gehe es um die zulässige Durchgängigkeit der Wümme, an einer Reservefläche am Klärwerk – angrenzend an eine Biotopfläche – bestehe nicht die Notwendigkeit zur Ausweisung als NSG, waren weitere Einwände.

„Es geht hier auch um Eingriffe in private Eigentumsrechte, die nicht so ohne Weiteres hingenommen werden können“, meinte Martin Pape vom Jeersdorfer Ortsrat. Ein Ratsmitglied regte an, eine Begehung von Landkreisvertretern mit der heimischen Fachbereichsleitung, namentlich Bauamtsleiter Joachim Köhnken, vorzunehmen. Der erklärte sich gerne bereit, zumal er den Wümmeweg und die besagten Flächen gut kenne und schätze.

Es brauche mehr Kommunikation, und das möglichst auf den Punkt, mit gebündelten Meinungen aus dem Kernortausschuss und den Ortsausschüssen, verlangten viele der Zuhörer. Immer wieder standen auch die touristisch attraktiven Nordpfade und mögliche Auswirkungen im Mittelpunkt. „Diese 24 Wanderwege dürfen nicht als NSG-Fläche ausgewiesen werden,“ meldete sich Scheeßels Bürgermeisterin Käthe Dittmer-Scheele zu Wort.

Ein terminlicher Aufschub sei machbar, gestand Lühring schließlich ein. Landwirt und Berater Jürgen Wahlers aus Jeersdorf stellte die Frage nach der Sinnhaftigkeit solcher Sitzungen. Er kreidete dem Landkreis einen fehlenden Management- und Maßnahmenplan an. Dort sei schon vor 15 Jahren „schlecht gearbeitet“ worden. Wahlers befürchtet, dass das aktuelle Verfahren nicht zum Ziel führe, daher eher eine Verschwendung von Sitzungsgeldern sei. „Dabei ist doch die Androhung der EU mit Strafen in Milliardenhöhe eigentlich Antrieb genug“, so Wahlers.

Dass die aktuell gewünschte Eingabe der Stellungnahme bis zum 13. Februar beim Landkreis nicht einzuhalten ist, musste auch Dittmer-Scheele am Ende festhalten. Die weitere Sitzung wurde auf den 19. Februar vertagt. Dann sollen die Ratsmitglieder mit bereits vorformulierten Textvorschlägen aufwarten, um das Verfahren zur Abstimmung zu bringen.

Spätestens wenn die Papiere in Brüssel landen, erwartet Wahlers böse Folgen für den Landkreis und die betroffenen Gemeinden.

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