Elke Twesten spricht sich für neue Erinnerungskultur aus

Alles bleibt anders

100 Jahre Volksbund - für Elke Twesten ein Grund zum Feiern, und um alte Strukturen neu zu denken. Foto: Jens Lou00ebs
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Scheeßel. „Wenn wir die nächste Generation für die Arbeit des Volksbundes und für die europäische Vergangenheit begeistern wollen, müssen wir auf sie zugehen und sie verstehen. Denn der Zugang zu historischen und politischen Themen ist immer ein individueller.“ Elke Twesten spricht über ihr neues Aufgabengebiet als Ortsvorsitzende in Scheeßel des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, und man merkt ihr die Begeisterung für das Sujet an.

„Geschichtliche und politische Thematiken gehen mir sehr nahe, weswegen ich mich mit vollem Elan in die Aufgabe gestürzt habe, den Volksbund zukunftsfähig mit zu gestalten“, meinte Twesten „Die Erlebnisgeneration, also all jene Menschen, die noch vom letzten Weltkrieg selbst direkt betroffen waren, verschwindet so langsam. Selbst diejenigen, die damals noch Kinder waren, sind über 70 Jahre nach Kriegsende bereits alte Menschen. Es geht jetzt zum Einen darum, sich zu überlegen, wie wir die Aufgaben des Volksbundes für die nächsten Generationen interessant gestalten und zum Anderen darum, sich zu überlegen, welche Aufgaben der Volksbund in Zukunft haben sollte“, so Twesten. Sie selbst sei Jahrgang 1963, hätte vom Krieg nurmehr durch ihren Großvater erfahren. Dieser aber habe derart mitreißend und berührend erzählen können, dass ihr Interesse an der Sache geweckt wurde.

Die Beschäftigung mit der jüngsten Vergangenheit habe sie seitdem nicht mehr losgelassen. Als der Volksbund, aufgrund der vakanten Nachfolge von Heiner Wellenbrock, an sie herantrat, war es eine Selbstverständlichkeit, das Amt zu übernehmen, auch wenn sie durch ihre Position als stellvertretende Landesvorsitzende des Volksbundes eigentlich bereits genug zu tun habe. Die Arbeit in der Landespolitik sei eine Art Türöffner für die jene beim Volksbund gewesen, so Twesten. „Alle der im Landesparlament vertretenen Parteien bilden sich auch im Vorstand des Volksbundes ab. Somit ist gewährleistet, dass man sich gedanklich auch in den Ministerien verankern kann“, so Twesten. Von Gründungstagen an ist der föderative Gedanke im Volksbund stark gewesen, weswegen die einzelnen Landesgruppen unterschiedliche Ausprägungen haben. Allen gemeinsam sei aber der Wunsch, den Frieden in Europa und weltweit zu erhalten. Dieser im Gedankengut so tief verankerte Wunsch nach Frieden sei jedoch nicht immer für jeden sichtbar. „Der Friedensgedanke gilt uns als selbstverständlich, ist jedoch aus dem Namen des Volksbundes nicht direkt erkennbar“, so Twesten. „Auch stoßen sich manche daran, dass wir so eng mit den Reservistenverbänden zusammenarbeiten. Die aber kümmern sich ehrenamtlich um den Erhalt der Kriegsgräber, wo wir es nicht können, da sie eine ganz andere Manpower zur Verfügung haben. Trotzdem ist es gerade die Jugend, die wir mit ins Boot nehmen müssen, denn in ihr liegt nun mal die Zukunft.“ In den Workcamps des Volksbundes, in denen sich Jugendliche europaweit um den Erhalt der Soldatenfriedhöfe kümmern, geschieht diese Art des Gedenkens bereits seit den 1950-er Jahren. Dabei lernen die jungen Menschen nicht nur die wenig friedliche Vergangenheit Europas kennen, sondern knüpfen gleichzeitig multilaterale Kontakte, die einer paneuropäischen Zukunft dienen sollen. Bei diesen Workcamps sei es enorm wichtig, so Twesten, dass der betroffene Ort mit in die Planungen und die Arbeit eingebunden sei. So lasse sich der europäische Gedanke hinter der Unternehmung viel leichter transportieren. Gerade für die ersten Generationen, die nicht mehr direkt vom letzten Krieg betroffen sind, ergäbe sich aus der – auch vermittelten – Erfahrung der Vergangenheit ein ganz klarer Auftrag für die Zukunft. „Häufig setzt bei den Jugendlichen ein Schock ein, wenn sie erkennen, dass viele der gerade in den letzten Kriegstagen Gefallenen in ihrem Alter oder nur wenige Jahre älter waren“, sagt Twesten.Trotzdem sei es wichtig, eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über die Kriegsdenkmäler anzuregen, ob diese in ihrer derzeitigen Art und Weise noch der heutigen Art zu erinnern entsprächen. Für Twesten ist es wichtig, dass auch eine Erneuerung beziehungsweise eine Neuorientierung des Volkstrauertages in seiner derzeitigen Form möglich ist. Gerade deswegen bedauert sie den Weggang von Wellenbrock sehr. „Eigentlich hatte Heiner Wellenbrock viele dieser Ansätze ins Laufen gebracht und gefördert, weswegen es schade ist, dass er nicht mehr dabei ist.“ In der derzeitigen politischen Situation in Europa aber auch in Deutschland, die mit derjenigen zum Ende der Weimarer Republik in gewissem Rahmen vergleichbar sei, sei es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, welche Folgen populistische und nationalistische Strömungen haben können, findet Twesten Die Politik dürfe sich zudem nicht soweit vom Leben und den wirklichen Problemen der Menschen entfernen, dass diese Zuflucht bei selbst ernannten Heilsbringern suchten. Genauso benötige der Volksbund aber auch eine Aufgabe, die in den Augen der kommenden Generationen einen Sinn ergibt und mehr sei als das bloße Erinnern an Vergangenes. „Heute brauchen unsere Gedenkstätten einen eigenen Kontext, um wahr zu sein“, so Twesten in einem ersten Schreiben an den Scheeßeler Ortsverband. Gemeinsam mit den anderen Ortsverbänden möchte sie nun die Chance auf Erneuerung der Erinnerungskultur ergreifen.

11.09.2019

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