Christine Steyer stellt „Impressions of Nature” in Scheeßel vor - Von Hans-Jörg Werth

Die Magie des Anfangs

Christine Steyer zeigt unter dem Titel "Impressions of Nature" ihre Cyanotypie-Arbeiten auf dem Scheeßeler Meyerhof. Foto: Hans-Jörg Werth
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Scheeßel. Fast wie im Chemielaborkasten läuft der Prozess bis zum fertigen Fotoobjekt mit dem immer wiederkehrenden so typischen „Preußisch-Blau“ ab. Cyanotypie heißt das bereits 1842 vom englischen Naturwissenschaftler und Astronom John Herschel entwickelte Verfahren zur Herstellung fotografischer Bilder. Christine Steyer, Wiesbadenerin mit Wohnsitz in Worpswede, hat sich diese Technik zu eigen gemacht – und sich so eine Welt voll Poesie und immer neuen künstlerischen Freiräumen erschaffen. Gestern startete die Kunstschau mit rund 30 Werken auf dem Meyerhof-Außengelände.

Wie häufig im Leben sind es die Zufälle, die zum Innehalten verleiten. Und die Anstoß und Inspiration zu Neuem bringen. Bei Christine Steyer, geboren in Frankfurt am Main, waren ein belgischer Künstler und ein blauer Bauzaun die Quelle der Neuorientierung. Die Lehrerin für Kunst und Arbeitslehre lernte das Verfahren des Eisenblaudrucks, wie die Cyanotypie auch genannt wird, kennen und schätzen – und die immer wieder mit neuen Ideen und Licht in abstrakte Fotobilder zu formenden Werke. Das alles in ihrer Lieblingsfarbe Blau. „Ein großes Glück“, wie Steyer selbst ihren Weg beschreibt. Der hat sie seit 2001 in immer neue Fotowelten geführt und über die Jahre den ihr eigenen individuellen Stil geprägt.

Am Anfang steht die Idee, das Motiv sowie der zu wählende Ort, in geschlossenen Räumen mit starken Lichtquellen oder auch im eigenen Garten vorm Atelier. Seit gut fünf Jahren pendelt Steyer zwischen Wiesbaden und ihrer zweiten Heimat, dem Künstlerdorf Worpswede. Dort entstehen die jüngsten Werke, die dem Betrachter beim Hineinschreiten ins Scheeßeler Kunstgewerbehaus gleich ins Auge fallen. Seit sie die ländliche Idylle Mevenstedts nahe der Hamme entdeckt hat, gehörten mehr Landschaftshintergründe zu ihrem bildnerischen Portfolio, sagt Steyer selbst. Fein, diffus, schnell, weichzeichnend und akribisch mit Liebe zum Detail spielt Steyer mit Licht und wechselnden Standorten und Motiven.

Praktisch kann das Auskopierverfahren je nach Sonnenstand und Lichtintensität nach nur wenigen Minuten bis hin zu einer Stunde zu erstaunlichen Ergebnissen führen. „Ich lasse mich gerne überraschen, es wird nie langweilig“, ist Steyer die Freude am Entstehen der Fotografien anzusehen. Dem Zufall eine Chance zu geben gehöre dazu, und manchmal könne man auch nachhelfen. So sucht Steyer auch schon mal bewusst im morgigen Nebelwald bei Worpswede diese besondere Stimmung, um sie auf dem von ihr selbst hergestellten Fotopapier festzuhalten.

Zur kreativen Herstellung mit beliebig verlängerbaren Belichtungszeiten gesellt sich die eingangs erwähnte Technik: Denn für das Edeldruckverfahren müssen zwei Chemikalien zusammenwirken, nämlich Kaliumhexacyanoferrat und Ammoniumeisencitrat. Sie stehen am Ende für die charakteristischen immer wieder cyanblauen Abbildungen. Die Lösung trägt sie gleichmäßig mit dem Pinsel auf Papier auf, trocknet sie dann per Fön zwei Minuten lang, damit die Lösung in den Papierfilz eindringen kann. Dann belichtet sie das beschichtete Papier unter einem Negativ in der Sonne oder mit einer künstlichen UV-Lichtquelle (beispielsweise auch in Innenräumen, unter einem Schatten werfenden Gegenstand, einer Pflanze). Das führt zu nicht reproduzierbaren Werken, „jedes Bild ist ein Unikat“, erklärt Steyer.

Die Intensität der Farbe Blau könne auch durch den Chemikalienmix beeinflusst werden, ein „gebrochenes Weiß“ sorge wiederum für neue Akzente, erklärt die Künstlerin. Quelle zur Inspiration war laut Steyer auch eine Frau, nämlich Anna Atkins aus Kent, die im 18. Jahrhundert als Botanikerin und Illustratorin eine der ersten Fotografinnen im Stile der Cyanotypie war, und dazu auch ein Buch veröffentlicht hatte. „Mit der Cyanotypie setze ich eines der ältesten fotografischen Verfahren neu in Szene“, sagt Steyer. „Die alte Magie, die dem Medium Fotografie von den frühesten Anfängen eingeschrieben ist, wird in meinen Arbeiten noch einmal lebendig.“

Per Zufall und gepflegten Netzwerken an Künstlern wurde auch Birgit Ricke, Leiterin des Kunstgewerbehauses, auf Christine Steyer aufmerksam. „Da ist sofort beim Betrachten etwas hängengeblieben“, schwärmt Ricke von den Fotografien und dem „eigenen Stil“ der Künstlerin Steyer.

Nicht zuletzt gibt es einige Parallelen zum Ausstellungsort, denn „im November 2018 wurde der Scheeßeler Blaudruck in die repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit der Unesco aufgenommen“, wie Uwe Wahlers, erster Vorsitzender des Heimatvereins Scheeßel, nochmal das „blaue Wunder“ von der Wümme benannte. Hier wie da spielt altüberlieferte Handwerkskunst eine wichtige Rolle.

Christine Steyer bildet sich bis heute künstlerisch an der Internationalen Sommerakademie in Salzburg, der Freien Kunst Akademie Augsburg sowie den Sommerakademien Hamburg und Campo dell‘ Altissimo in der Toskana weiter und war bislang an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland beteiligt, unter anderem in Kassel, Schwerin, Chinon, Eriwan, Odessa und Tokio.

Die Künstlerin kennt den Scheeßeler Ausstellungsraum schon von früheren Besuchen, die Wahl und Zusammenstellung ihrer aktuellen Fotografien habe sie passend schon ziemlich genau zuvor festgelegt. In Scheeßeler Teamarbeit und mit Unterstützung von Partner Jürgen Strasser, Reisefotograf aus Worpswede/Wiesbaden, ist eine inspirierende Ausstellung gelungen. Für die vorgeschrieben Hygienemaßnahmen ist übrigens gesorgt. Die Besichtigung mit maximal sieben Personen im Gebäude ist per Rundgang organisiert, so dass es keine engen Kontakte gibt.

Die Ausstellung ist für die kommenden fünf Wochen samstags, sonn- und feiertags von 11 bis 17 Uhr und darüber hinaus montags bis freitags jeweils von 9 bis 12 Uhr sowie dienstags bis freitags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

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