Artefakte aus Ahausen und Bremer Bilder zu Gast in Scheeßel

Mit Flex und Kettensäge

Maggie Luitjens aus Bremen und Ragna Reusch aus Ahausen stellen in den nächsten Wochen gemeinsam im Scheeßeler Meyerhof aus. Foto: Jens Lou00ebs
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Scheeßel. „So eine Kettensäge ist ganz schön schwer und laut, stört Sie das nicht?“ Diese an die Ahauser Kollegin Ragna Reusch gerichtete Frage kontert die Bremer Künstlerin Maggie Luitjens mit einer Gegenfrage: „Haben Sie schon mal eine Flex in der Hand gehabt? Die ist auch ganz schön laut und schwer.“ Dieser Konter bringt eine der Gemeinsamkeiten der Werke beider Künstlerinnen auf den Punkt: Im Entstehungsprozess spielten schwere Werkzeuge eine gewichtige Rolle. Bis zum 2. August noch sind die Werke beider Frauen in Scheeßel zu erleben.

Diese Art „grobmotorischen“ Vorgehens sieht man ihren Werken jedoch nicht an. Sowohl die Skulpturen der Ahausenerin als auch die Gemälde von Luitjens sind geprägt von einer Liebe für das Detail, die sich in der filigranen Ausarbeitung der Holzfiguren, aber auch in der feingliedrigen Linienführung in Luitjens Bildern ausdrückt. Deren Bilder sind eine Mischung aus Druckgrafik und klassischer Malerei. „Ich habe nach meinem Abschluss in Bremen 1989 einige Zeit lang mit verschiedenen Materialien und Stilrichtungen gearbeitet, aber die Druckgrafik hat mich dabei nie losgelassen“, erklärt Luitjens. So sei es dann letztlich eine logische Konsequenz gewesen, die Druckgrafik in die Malerei mit hinein zu nehmen. „Ich habe auch vorher schon viele Stilelemente in meiner Malerei verwendet, die eigentlich in die Druckgrafik gehören“, sagt die Künstlerin.

Ihre Werke zeichnen sich zumeist durch klar strukturierte Formen und Farben aus, Gegenständliches ist da eher im Verborgenen zu finden. „Menschen suchen Sie bei mir vergeblich. Die stehen nicht im Vordergrund meines Wirkens“, erklärt die Bremerin.

Wichtig sei ihr vor allem, die Effekte der Farben aufrecht zu erhalten. Menschen zeichne sie auch deshalb nicht, weil sich diese mit der Wucht der Farben nicht vertrügen. Dafür lohnt der Blick ins Detail. Auf vielen von Luitjens Werken erkennt man erst bei genauerem Hinsehen die feinen Linien, die das Gemälde hinter dem Gemälde andeuten und hervorheben. Dort erahnt der Betrachter, mit welcher Kunstfertigkeit die Grafikerin mit der Flex umzugehen versteht.

Ihre Motive hole sie sich häufig auf Reisen in den vorderen Orient, so Luitjens. Die Länder, die Farben und die Kultur dort fasziniere sie, so Luitjens. „Außerdem ist es dort zumeist warm, wenn es hier noch nass und kalt ist.“ Manche der Bilder seien auch direkt vor Ort entstanden. „Jetzt war ich gerade wieder im Nahen Osten. Wegen der ganzen Corona-Situation musste ich drei Monate dortbleiben. Das gab viel Zeit für neue Werke.“

Wenngleich ihre Werke ähnlich farbenfroh daher kommen wie die ihrer Bremer Kollegin, so ist sowohl die Art der Entstehung als auch das Werk an sich bei Ragna Reusch aus Ahausen grundverschieden.

Aus Eichenstämmen fertigt die in Eutin geborene Künstlerin mithilfe einer Kettensäge zumeist weibliche Skulpturen, die in ihrer Bewegung festgehalten zu sein scheinen. „Männer gibt es bei mir selten, was zum einen daran liegt, dass ich mich in weibliche Körper leichter einfühlen und diese somit besser darstellen kann und zum Anderen überzeichne ich meine Figuren gerne. Diese Art künstlerischer Überzeichnung wirkt aber bei männlichen Figuren nicht so gut, es verschiebt sie eher in den Bereich des Lächerlichen“, erklärt Reusch die fast durchgehend femininen Figuren.

„In der Entstehung ist die erste halbe Stunde immer die spannendste. Da nämlich wird aus dem einfachen Holzklotz nach und nach etwas, das man den Umrissen und Gliedmaßen rasch als menschliche Figur zu erkennen beginnt“, erklärt Reusch, die auf ihren Ausstellungen gerne auch die Besucher an jener ersten halben Stunde des Skulpturwerdens teilhaben lässt. Dabei erzählt sie meistens auch einiges aus dem Schöpfungsprozess der Figuren, damit die Gäste hinterher einen Eindruck von der Langwierigkeit des Schaffensprozesses hätten. „Das Herausholen der Figur aus dem Holz, letztlich das Bemalen des Holzes, ist ja nur ein kleiner Teil des ganzen Prozesses, der bei der Auswahl des Stammes beim Forstwirt beginnt“, so die Künstlerin, die bereits seit 18 Jahren ihre Zelte in Ahausen aufgeschlagen hat.

Angefangen haben die Skulpturen allerdings in deutliche kleineren Versionen. „Als Jugendliche habe ich aus kleinen Astgabeln Figuren geschnitzt, später dann sogar aus Zahnstochern, die ich bis heute noch anfertige und vertreibe.“ Aus dem Kleinen ging es dann ins Große, so lernte Reusch das präzise Schneiden mit der Kettensäge. Eine weitere Stütze für ihre Werke sei aber auch die ihr innewohnende Begeisterung für Bewegung und Anatomie. Schon früh habe sie sich für Sport interessiert und betreibe bis heute diverse Individualsportarten mit viel Einsatz und Ehrgeiz. „Meine Eltern haben mich in der Hinsicht immer unterstützt, und ich war auch stets an der Analyse der Bewegungsabläufe interessiert.“ Dieser analytische Blick auf die Bewegung des menschlichen Körpers habe sicher auch ihr Auge mit geschult. Unterschiedliche Bewegungen und Körperausdrücke nehme sie bei diversen Begegnungen im täglichen Leben wahr und versuche, diese in ihren Werken umzusetzen.

Als das Museum in Scheeßel mit der Anfrage nach einer Ausstellung auf sie zugekommen sei und nach einer möglichen Co-Ausstellerin gefragt habe, sei ihr sofort Luitjens in den Kopf gekommen. „Ich habe ihre Werke einmal am Hamburger Flughafen erleben dürfen. Mir war dann schnell klar, dass ich mit dieser Künstlerin zusammen ausstellen wollte.“

Beide Frauen freuen sich jetzt darauf, ihre Werke im Meyerhof ausstellen zu können. Die Exponate sind noch bis zum 2. August an den Wochenenden im Meyerhof zu besichtigen. Wobei Museumsleiter Nils Meyer zu verstehen gibt, dass manche Besucher durchaus auch schon unter der Woche gekommen seien, um sich die eine oder andere Ausstellung anzuschauen. „Wenn jemand von uns vor Ort ist, ist das gar kein Problem. Und manchmal macht es den Reiz eines eher kleinen Museums ja aus, dass man die ganze Ausstellung für sich hat.“

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