Alexander Bychok ist einer der letzten KZ-Überlebenden - Von Ann-Christin Beims

Nummer 2216

Mit vielen Gesten unterstreicht Alexander Bychok seine Erzählungen über den Krieg. Foto: Ann-Christin Beims
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Scheeßel. Er ist befreit und gleichzeitig ist er nicht frei: Viele Jahre verfolgen Alexander Bychok die Albträume, die Angst, bis in den Schlaf. Seine Frau weckt ihn dann und murmelt ihm beruhigend zu, dass er Zuhause ist. Heute kann der 93-Jährige über die drei Jahre reden, die er im Konzentrationslager Buchenwald verbringen musste – und er will es. „Ich bin einer der Letzten, ich erzähle euch meine Geschichte, damit ihr sie weitererzählen könnt“, erklärt er den Elftklässlern der Eichenschule.

Es ist ein etwas anderer Geschichtsunterricht an diesem Morgen. Leicht gebeugt steht der gebürtige Ukrainer in seiner gestreiften, an manchen Stellen noch fleckigen ehemaligen Häftlingskleidung vor den Schülern – sein „Zebraanzug“, wie er ihn nennt, der so viele Jahre überdauert hat und bedrückende Erinnerungen weckt. Seine Stimme ist fest, als er in gebrochenem Deutsch mithilfe einer Übersetzerin erzählt. Eindringlich berichtet der Zeitzeuge von den Gräueltaten der SS.

Während des Zweiten Weltkriegs ist Bychok als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden. Nach einem Fluchtversuch bringt man den damals 16-Jährigen 1942 nach Buchenwald. „Dort hatten wir keine Namen, nur Nummern. So wurde ich zu 2216“, erinnert er sich. Die Häftlinge stehen aufgereiht an einer Wand, warten. Zunächst denkt er noch, alles wird gut. Er sieht das grüne Gras, den blauen Himmel. „Besser als das Zuchthaus“, schießt es ihm durch den Kopf. Er kommt in den Quarantäneblock, wo ihm die Haare geschnitten werden.

Von da an heißt es arbeiten, arbeiten, arbeiten. Morgens um 5 Uhr schallt der Weckruf durch die Baracken, danach muss es schnell gehen. An fünf Tagen erhalten jeweils sechs Häftlinge einen Laib Brot, samstags teilen sich vier Internierte einen Laib, sonntags drei. 20 Gramm Margarine gibt es, manchmal ein wenig Blut- oder Leberwurst, selten ein Löffelchen Käse oder Apfelmarmelade. Dazu eine dünne Suppe. Nicht genug für die harte Arbeit, der die Körper tagtäglich ausgesetzt sind. „150 Mann eines Arbeitskommandos gehen raus, 149 kommen zurück“, erzählt Bychok mit leiser Stimme. Dazu kommt das stundenlange Stehen auf dem Hof, egal bei welchem Wetter. Er hat viel Grausames gesehen in dieser Zeit.

Was ihm in diesen Stunden Hoffnung schenkt? Seine Kameraden – Franzosen, Polen, Tschechen, Jugoslawen. „Ich habe gute Freunde gefunden, die dazu beigetragen haben, dass wir das überlebt haben. Die Solidarität ist ganz wichtig“, hebt der 93-Jährige hervor. Nach dem Morgenappell geht es mit den Arbeitskommandos raus, abends wieder rein – immer im Gleichschritt, „zwo, drei, vier“. Jedes Mal müssen sie durch das Haupttor, zynisch prangen über ihnen die Lettern „Jedem das Seine“.

Bychok lernt schnell, spricht und schreibt bald Deutsch, weswegen er im gesamten Lager eingesetzt wird. Dabei ist Vorsicht geboten, denn jeder Häftling weiß: Ein falsches Wort kann den Tod bedeuten. Einmal steht er beim Antreten dem Reichsführer-SS gegenüber. „Siehst du den kleinen Mann mit dem Kneifer? Das ist Himmler“, flüsterte ihm ein Kamerad zu.

Bychok arbeitet im Gebäude von Lagerkommandant Karl Otto Koch. Dabei lernt er dessen Frau Ilse kennen, später als „Hexe von Buchenwald“ bekannt. Sie soll ein starkes Interesse für Tattoos hegen – ein „Hobby“, für das sie über Leichen geht. „Sie hat Lampenschirme aus der Haut der Häftlinge fertigen lassen“, merkt Geschichtslehrer John Cramer an.

Im August 1944 sieht Bychok amerikanische Bomben auf das KZ fallen. Der Luftangriff gilt dem SS-Bereich, doch auch das Lager der Häftlinge wird getroffen. „Dabei starben 155 Wärter und mehr als 1.000 Gefangene“, berichtet Bychok, der heute in Kiew lebt.

Am 11. April 1945 ist es endlich soweit: das KZ wird befreit. Auch intern formierte sich schon vorher Widerstand gegen die SS. Während die Amerikaner immer näher rücken, fallen 15 Aufseher in die Hände der Häftlinge. Diese wollten Lynchjustiz, doch letztlich ließen sie die Überstellung an ein Gericht zu. „Das ist gut, was sie verdient haben, haben sie bekommen“, sagt Bychok.

Nach dem Krieg kehrt er in seine Heimat zurück. Doch nicht nur innerlich, auch äußerlich hat er sich verändert. So sehr, dass ihn nicht mal seine Mutter wiedererkennt. Die Lage in der ehemaligen Sowjetunion ist nicht einfach, viele Rückkehrer werden als Verräter behandelt. „So ging es mir nicht, aber freudig wurde ich auch nicht aufgenommen“, gibt Bychok zu, der seit vielen Jahren zum Gedenktag nach Buchenwald reist.

Bychok zieht mit seinen Erzählungen die Schüler in seinen Bann, der Ukrainer hinterlässt sichtbar Eindruck. Warum er an diesem Tag seinen Anzug trägt, möchte ein Schüler wissen. Fällt es ihm nicht schwer? Bychok nickt, erzählt, wie er die Streifen anfangs nicht ansehen mochte. Er hat ihn aufbewahrt, wenn auch schweren Herzens. Er möchte seine Geschichte erzählen, das ist ihm wichtig. Und „vielleicht wird es irgendwann einmal verfilmt“, sinniert der 93-Jährige über den Grund, warum er das alte, abgetragene Erinnerungsstück so lange aufbewahrt hat. Heute ist er froh, wenn ihn Jugendliche nach den Ereignissen damals fragen. „Ihr müsst die Geschichte eures Landes kennen. Aber es ist gut, dass ihr heute ein anderes Leben habt. Tanzt, lebt. Das will ich auch, solange ich kann“, gibt er den Schülern mit auf den Weg.

Autor

Ann-Christin Beims Ann-Christin Beims
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