Akkordeon-Urgestein Manni Küppers startet wieder

„Musik nimmt die Last“

Der Mann mit dem Akkordeon: Manfred "Manni" Küppers aus Scheeßel. Foto: Heyne
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Scheeßel – Menschen, die mitschunkeln, singen oder anfangen zu tanzen – das alles ist für Manfred „Manni“ Küppers eigentlich Alltag. Jedenfalls fast, denn in Zeiten der Pandemie wurde das Akkordeon des Wahl-Scheeßelers hauptsächlich zu Übungszwecken ausgepackt. Nun drückt er die Tasten auch wieder vor Publikum: Zum ersten Mal nach der Coronapause darf der singende Stimmungsgarant wieder im Beekehaus und anderen Seniorenheimen auftreten.

Seit vier Jahren erklingt dort einmal im Monat „Hoch auf dem gelben Wagen“, der „Veermaster“ oder „Auf der Lüneburger Heide“ – normalerweise in kleiner Runde mit Mitsängern („Man glaubt gar nicht, was für tolle Stimmen dabei sind“, so Küppers.) und extra groß gedruckten Liederbüchern als Wunschkonzert. Der Auftritt im großen Saal, zu dem sich an diesem Tag weit über die Hälfte der mehr als 60 Senioren versammelt hat, ist eine Premiere. Die Vorfreude ist groß, „viele unserer Bewohner haben tagelang auf diesen Tag gewartet“, weiß Organisatorin Dagmar Radke.

Große Worte braucht der 70-Jährige vorab nicht zu verlieren. Ohne Umschweife ziehen die Senioren mit. Nur gelegentlich schielt der Entertainer aus Leidenschaft in die Textmappe; die Noten für mehr als 100 Stücke – wie viele genau, weiß er nicht –, hat er im Kopf. Musikwünsche erfüllt er gern. Als ein älterer Herr „das mit dem Westerwald“ ruft, lässt er sich die Melodie vorsingen, drückt einige Knöpfe, ein paar Tasten, und meint nach wenigen Sekunden: „Jetzt hab ich‘s glaub ich“. Der Senior nickt begeistert, ab geht die Post.

Es sind die alten Gassenhauer, Volkslieder und Schlager, der kollektive Konsens einer Generation, die ein Wippen in Hände und Hüften und ein Lächeln auch in vorher scheinbar teilnahmslose Gesichter zabert. Einige der Betreuerinnen starten spontan eine Polonaise – auch ihnen geht die Arbeit beschwingter von der Hand.

Genau das schätzt der Tausendsassa der Unterhaltungsmusik, der im Ort weder bei der Weihnachtsfeier der Feuerwehr noch beim Martinsfest oder beim Laternenumzug fehlen darf: „Wenn die Leute Lust haben zu feiern, dann macht es richtig Bock.“

Welche Lieder ihm in die Finger kommen, entscheidet der Routinier spontan, mit einem feinen Ohr für Wünsche: „Wenn da irgendwas kommt, musst du innerhalb von fünf Sekunden einsteigen“, hat ihn die jahrzehntelange Erfahrung als Tanzmucker für Hochzeiten und Feste gelehrt. Genau diese Spontanität mache die Spannung aus: „Klar kann man da auch mal daneben liegen“, sagt Küppers.

Senioren, für die er seit einigen Jahren in der Region, von Sittensen bis neuerdings auch Bremen, spielt, sind sein liebstes Publikum: „Die sind so dankbar – und Musik nimmt die Last“, meint die rheinische Frohnatur, der man die Kindheit und Jugend in der Nähe von Mönchengladbach noch anhört. Dabei ist auch ihm nicht immer zum Lachen zumute, besonders, wenn er hier Bekannte von früher trifft, mit denen das Leben es nicht gut gemeint hat. „Dann muss man schon mal schlucken, aber auch Profi genug sein, das wegzuschieben.“ Sagt einer, der eigentlich gelernter Gärtner ist, sich später zum Bund verpflichtete, nach Rotenburg versetzt wurde und selbst mit 70 noch rund 50 Gigs im Jahr und einer bewegten musikalischen Vergangenheit wohl mehr Mucken auf dem Buckel hat als mancher „gelernte“ Musiker.

Küppers‘ musikalische Ausbildung beschränkte sich zunächst auf zwei Jahre Klavier- und drei Jahr Akkordeonunterricht. „Meine wohl intensivste Übungszeit, mit mindestens einer Stunde pro Tag, an den Wochenenden mehr.“ Musik, sie war im Elternhaus immer präsent: Die Mutter sang im Kirchenchor und spielte mehrere Instrumente, der Vater, Karnevalspräsident und Vorsitzender des Schützenvereins, lud sonntags die Dr.-Böhm-Orgel in den Gärtnerlaster und karrte sie zur Kneipe. Schon bald ist der Junge Mitglied des Akkordeonorchesters, wenig später verdient er sich die ersten „Notgroschen“ mit Tanzmucke gemeinsam mit seinem ehemaligen Musiklehrer. „Mein Manta GTE und Musik nach Feierabend in sieben Kneipen, das waren wilde Zeiten.“

Das Leben kommt anders als gedacht: Der Vater stirbt früh, die Gärtnerei der Familie wird verkauft, der gelernte Gärtner verpflichtet sich beim Bund. „Nach vier Wochen war ich im Visselhöveder Akkordeonorchester, nach acht kam ein Anruf auf die Dienststelle, ob ich nicht mit den Beekscheepers in die USA wolle.“

Nach der Aufspaltung des Trachtenvereins waren fast alle Musiker zu den Originalen gegangen. Auch wenn es mit der Reise nichts wurde, „hab ich mir die Bunten reingekloppt, bis ich alle auswendig konnte“. Es folgten rund 50 Auftritte im Jahr mit den Beekscheepers, später schloss er sich der „Bumskapelle“ der drei Kröger-Brüder von „Happy Music“ an, spielte zehn Jahre lang bei „Hochzeiten aller Farben“ auf. Als er seine Frau Anke kennenlernte, die bei den „Originalen“ aktiv war, wurde er auch dort verpflichtet. Kurze Ausflüge als Bläser bei der Feuerwehrkapelle und in Hemslingen waren nicht von Dauer: „Trompete und Tuba, das war einfach nicht meins.“ Mittlerweile ist es ruhiger geworden. Auch wenn es schwerfalle: „Man muss auch mal Nein sagen können.“ Heute gehören die Wochenenden der Familie, Auftritte wie die einstündigen im Seniorenheim sind dem scheidenden Vorsitzenden des Schützenvereins die liebsten. Auf welchen Auftritt er sich in der Zukunft besonders freut? „Auf den 70. Geburtstag eines Freundes – da spiele ich morgen.“  hey

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