Wildtierexperte Michael Himmel wildert Zwergfledermaus aus - VON DENNIS BARTZ

Rettung für „Batman“

Eine Zwergfledermaus Foto: Dennis Bartz
 ©

Rotenburg. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie hat der Ruf der Fledermaus, die als mögliche Überträgerin des Virus gilt, weiter gelitten. Die meisten Menschen wissen kaum etwas über das geheimnisvolle Tier, das sich in Gruselgeschichten in blutsaugende Vampire verwandelt. „Viele Fledermausarten stehen unter Naturschutz und haben einen hohen ökologischen Nutzen“, erklärt der Fledermausbeauftragte des Nabu in Niedersachsen, Michael Himmel, bei der Auswilderung einer Zwergfledermaus in Rotenburg.

Die flinken Räuber, die nachts auf die Jagd gehen, dienen als Bestäuber, verteilen Samen und vertilgen neben Schädlingen an Nutzpflanzen auch jede Menge Stechmücken, so Himmel. „Etwa 2.000 davon frisst eine Zwergfledermaus pro Nacht. Die größeren Tiere sogar noch mehr.“

Die Tiere hätten ihre Jagd perfektioniert: „Per Ultraschall lokalisieren sie die Stechmücken und nutzen ihren Schwanz wie einen Kescher, um die Beute im Flug zu fangen und danach zu fressen“, erklärt Himmel, während er der Zwergfledermaus vor ihrer Auswilderung zur Stärkung noch einen Wurm gibt.

Gerade einmal sechs Gramm wiegt „Batman“, wie Finder Finn Hofstetter und Mutter Claudia das etwa ein Jahr alte Tier getauft haben. Die geschwächte Fledermaus hatte Anfang Februar Schutz in dem Haus der Familie gesucht und hatte sich mit letzter Kraft auf die Treppe gerettet. Dort entdeckte sie der Zehnjährige.

„Die Zwergfledermaus wog damals 5,49 Gramm, war dehydriert und hatte Ungeziefer. Sie hätte draußen nicht überlebt“, berichtet Wildtier-Experte Himmel. In seinem Wohnzimmer steht ein Terrarium, in dem er pro Jahr etwa 30 kranke oder verletzte Fledermäuse versorgt. „Ziel ist dabei immer die Auswilderung“, macht er deutlich. Ein teures Hobby, das Himmel den Tieren zu Liebe fast ausschließlich mit seiner Rente finanziert.

Vor der Auswilderung gibt er einen spannenden Einblick in das Leben von Fledermäusen: Während die Männchen ihr flatterhaftes Leben nach der Begattung fortsetzen, als wäre nichts gewesen, hängen die Weibchen später gemeinsam in Mutterquartieren und kümmern sich dort um den Nachwuchs.

Den Fledermaus-Männchen kann man keinen Vorwurf daraus machen, dass sie ihre Partnerin im Stich lassen, denn dass diese Nachwuchs erwartet, erfahren sie nie. Nach dem Hochzeitsflug im September lagern die Weibchen die Spermien des Männchens nämlich ein und gehen danach ab November bis in den April hinein in den Winterschlaf. Dort reduzieren sie ihren Kreislauf auf einen Herzschlag pro Minute.

Erst im Frühjahr, wenn es warm genug ist und sie genug Futter finden, leiten sie den Eisprung ein. In Mai und Juni kommen dann die Jungtiere zur Welt. In der Regel bekommt ein Fledermausweibchen nur ein Junges, um das es sich kümmern muss. Bereits nach zwei Wochen hat der Nachwuchs Fell und wagt im Alter von etwa vier Wochen die ersten Flugversuche.

Wie viele andere Wildtiere leiden auch Fledermäuse darunter, dass es zu wenig Insekten gibt. „Wer ihnen helfen möchte, sollte deshalb einen insektenfreundlichen Garten anlegen“, rät Michael Himmel.

Im Landkreis Rotenburg sind nach Einschätzung des Experten vor allem Zwergfledermäuse und Wasserfledermäuse unterwegs. Letztere lassen sich besonders gut nach Einbruch der Dämmerung am Bullensee beobachten. Außerdem lebt in der Region der Große Abendsegler, der eine Spannweite von bis zu 40 Zentimetern hat.

In diesen Wochen kommt der Nachwuchs zur Welt – und ist unter Umständen auf die Hilfe des Menschen angewiesen. „Es kann passieren, dass ein noch nacktes Jungtier herunterfällt. Dann sollte der Finder mich sofort unter der Handynummer 0151/20432823 oder direkt beim Fledermausnotruf unter 0157/30910222 anrufen. Dort meldet sich die erfahrene Tierärztin Dr. Renate Keil in Hannover. Es fallen keine Behandlungskosten an“, betont Himmel.

Wer eine kranke oder verletzte Fledermaus entdeckt, legt diese am besten vorsichtig mit einem Tuch in eine mit ausreichend Luftlöchern versehene Pappschachtel und verschließt diese danach gut. „Fledermäuse haben kleine Daumen an der Spitze ihrer Flügel und sind echte Ausbruchskünstler“, warnt Himmel.

Häufig bekämen Finder den Rat, die geschwächten Tiere an einen Baumstamm zu setzen. Ein verhängnisvoller Fehler, wie Himmel weiß: „Sie werden dort leicht Opfer von Fressfeinden wie Eulen, Krähen, Mardern und Katzen. Die Chance, dass das Tier überlebt, ist gering.“ Himmel macht deutlich: „Alle Fledermäuse, die am Boden gefunden werden oder tagsüber gut sichtbar irgendwo hängen, sind in einer Notlage und brauchen Hilfe.“

So war es auch bei „Batman“, der an diesem Abend in die Freiheit entlassen wird. Dafür trifft sich Himmel mit Finderin Claudia Hofstetter und Nachbarin Ursula Rathje, die den Kontakt zum Fledermausexperten hergestellt hatte. Dieser erklärt den beiden interessierten Frauen: „Es ist sehr wichtig, dass Fledermäuse dort ausgewildert werden, wo sie gefunden werden.“ Mit einem Detektor macht er den Ultraschall des Tieres hörbar. „Die Zwergfledermaus scannt gerade die Umgebung und bereitet sich auf den Abflug vor“, sagt Himmel, während er das Tier vorsichtig in seiner Hand hält. Zum Schutz vor Erkrankungen trägt er dabei einen Handschuh. „Außerdem bin ich natürlich gegen Tollwut geimpft. Die Tiere haben spitze Zähne“, erklärt Himmel.

Dann kommt der große Moment, auf den alle gewartet haben: Der Fledermausbeauftragte öffnet seine Hand, und schon hebt das Tier ab. Gemeinsam mit Hofstetter und Rathje beobachtet er, wie „Batman“ lautlos davon flattert. Nur wenige Sekunden, dann ist das Tier hinter einer Baumkrone verschwunden.

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