Werke von Grafik-Designer Erich Tölke im Haake Meyer - Von Andreas Schultz

Die Charakterköpfe des ET

Grafik-Designer Erich Tölke
 ©privat

Rotenburg. Streng blickt das faltige und konturreiche Männergesicht seinem Betrachter in die Augen. Die Züge um die markante Nase und die leicht nach vorne gekehrte Unterlippe erzählen von Jahrzehnten der Lebenserfahrung, von Aufmerksamkeit und Erwartung, vielleicht auch vom Zuhören. Das mit bunten Stiften auf Pappe gebannte Konterfei ist frei erfunden – eine Kunstfigur, geschaffen von Erich Tölke. Seine Werke sind ab August im Haake Meyer in Rotenburg zu sehen.

Der im vergangenen Jahr verstorbene Grafik-Designer gehört zu den Künstlern, die das Zeichnen aufgrund ihres Könnens und Stils einfach aussehen lassen: Strich um Strich formte er Visagen auf Papier. Zielgenau gesetzte Linien sorgen für ausdrucksstarke Gesichter – gefertigt zum Zeitvertreib in der Pause, als Konzentrationshilfe beim Telefonieren. Einzigartige Partien waren sein Steckenpferd, sagt Karin Tölke, Witwe des Verstorbenen: „Ihn interessierten Charakterköpfe, und die schuf er alle selbst – quasi aus seinem eigenen Kopf heraus, ganz ohne Konzept“.

Was sein Material anging, machte Erich Tölke vor nichts halt: Pappen, Papier, Kataloge, Buchrücken und Millimeterpapier dienten als Grundlage, Kreide, Öl, Aquarellfarben dazu, Gesichter zu schaffen. Vieles von dem, was er in die Finger bekam, hatte irgendwann Haar, (Knollen-)Nase, Kinn und/oder Bart und schaute grimmig, freundlich, traurig oder verträumt. Was er für ein Werk von Dauer hielt, markierte er mit seinem Namen und Jahreszahl, oft aber auch nur mit dem Kürzel „ET“.

Hin und wieder modellierte er seine Charaktere auch aus Ton. „Wenn es um seine Köpfe ging, war vielfach nur der Kugelschreiber im Einsatz. Er hat sich dann halt mal zur Mittagszeit ein paar Prospekte gegriffen und in die abgebildeten Dinge seine Köpfe reingezeichnet“, erinnert sich Karin Tölke mit einem Lächeln. Meist hatte der Künstler seine spontanen Zeichnungen direkt entsorgt, bis ein Arbeitskollege ihn darauf ansprach und beinahe entsetzt gefordert habe: „Schmeiß´ das doch nicht weg!“

Erich Tölke fotografierte, war handwerklich begabt. Viel Herzblut steckte er in die Sanierung eines Fachwerkhauses im Wendland und in den dortigen Garten. Schöne Landschaften und Sonnenuntergänge entgingen ihm dabei nicht: „Er war mit Leidenschaft dabei und hatte schon immer ein Auge für das Besondere“, weiß Karin Tölke. „Er konnte das einfach, ohne je groß Aufhebens davon zu machen“.

Hat er vielleicht sogar sein Talent unterschätzt? Einige der Zeichnungen landeten zu Lebzeiten tatsächlich im Abfall. Zu der Einsicht, dass vieles zu schade zum Wegschmeißen ist, gelangte der Künstler erst spät – genauso wie erst spät der Gedanke reifte, etwas von seinem Opus der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Erst als eine ärztliche Diagnose deutlich aufzeigt, dass die Lebenszeit des Künstlers begrenzt ist, wendet er sich mit der Frage an Vertraute: Wäre das nicht mal was für eine Ausstellung? „Er hat diese Initiative vorher nie ergriffen“, sagt Karin Tölke.

Nun, wenige Monate später, kommen Kisten mit gesammelten Werken auf den Tisch. Ausstellungsplatz ist immer begrenzt, und so steht die Auswahl aus gesammelten Werken an. Dabei kommt einiges ans Licht: Ritzungen in Kohlschraffuren, einfache Zeichnungen auf Ausrissen, hier der verschwenderische Umgang mit Strichen und Details, dort lebt ein Werk von Reduktion und Auslassung. Dient Werbematerial als Unterlage, dann korrespondieren die Linien des Zeichners nicht selten mit denen der gezeigten Produkte. Vielsagendes Starren und verträumte Blicke: So manches Konterfei lädt zu langem Betrachten ein. „Da kann man verweilen, das geht vielen so“, sagt Karin Tölke.

„Er muss immer einen Drang zum Zeichnen gehabt haben, das war etwas Essenzielles für ihn“, fügt sie hinzu. Wer sich selbst davon ein Bild machen will, hat dazu im Haake-Meyer in Rotenburg Gelegenheit. Die Werke hängen ab Mittwoch, 5. August, für zwei Monate in den Räumen.

Autor

Andreas Schultz Andreas Schultz
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