Weitgehende Lockerungen bei schwieriger Situation in Kliniken - VON MICHAEL KRÜGER

Eine andere Corona-Realität

Gerade Notaufnahmen in Kliniken werden immer mehr zur Anlaufstelle für alle möglichen Anliegen u2013 auch wenn das in vielen Fällen medizinisch nicht notwendig wäre. Der Corona-Pflegenotstand setzt den Krankenhäusern zu. Foto: Menker
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Rotenburg – Zehntausende Fans im Fußballstadion, weitgehende Reisefreiheit, nicht einmal mehr eine Maske im Supermarkt oder in der Schule: Corona ist – gefühlt – irgendwie so gut wie vorbei. Die Realität auch hier vor Ort ist aber eine andere. Die Infektionszahlen im Landkreis bleiben auf einem vergleichsweise hohen Niveau, es gibt weiter schwere Verläufe und vor allem: Das Rotenburger Diakonieklinikum schlägt erneut Alarm, weil seine Kapazitätsgrenzen überschritten sind.

Lars Wißmann ist ratlos. Am Mittwochabend tagte die Chefarztrunde im Diako, die Situation ist eindeutig. Nur was tun? „Wir wissen keine Lösung“, sagt er auf Nachfrage. Die Situation hängt natürlich mit der Pandemie zusammen, aber nicht so, wie man zunächst denken könnte: Es sind nicht die wegen einer Infektion mit Covid-19 zusätzlich zu behandelnden Patienten, die die Klinikstruktur ins Wanken geraten lassen. Stattdessen geht es darum, dass weiterhin deutlich mehr Menschen das Krankenhaus aufsuchen, auch wenn das gar nicht nötig wäre. Zudem können nicht so viele Menschen entlassen werden, wie aus medizinischer eigentlich möglich – Pflegeheime sind selbst überlastet und können nicht aufnehmen, viele Familien sind verunsichert, wie in dieser Zeit mit Angehörigen umgegangen werden kann, die betreut werden müssen. „Wir wollen aber niemandem die Schuld zuweisen“, sagt Wißmann, „wenn die Menschen krank sind, sollen sie auch kommen.“ Nur: Das sind längst nicht mehr alle, die zum Beispiel die Notaufnahme aufsuchen. Noch vor wenigen Monaten wurden 50 bis 70 Prozent der Menschen stationär aufgenommen, die täglich in der Notaufnahme landeten. Heute sind es nur noch 30 bis 40 Prozent. Als ein „Sammelbecken für Menschen, die Probleme haben“ bezeichnet Wißmann das Krankenhaus. Statt 70 bis 80 Notfallpatienten pro Tag seien es aktuell 150. Sich um die alle zu kümmern, sei kaum noch möglich. „Wir haben ein Versorgungsproblem.“

Zur Vielzahl der Patienten kommt nämlich ein extrem hoher Kranken- und Quarantänestand beim Pflegepersonal. Gut 700 davon arbeiten im Diako, 250 täglich im Haus. Davon seien aber 30 in Quarantäne, der eigentliche Krankenstand darüber hinaus deutlich erhöht. Wißmann: „Das bedeutet eine Ausfallquote von bis zu 20 Prozent in einzelnen Bereichen.“ Die Situation spitze sich in der Planung bei kurzfristigen Ausfällen durch Testergebnisse zu. Erste Mitarbeiter seien aus dem Urlaub zurückgerufen worden. Das Diako hat bereits eine Station gesperrt, zwei weitere laufen nur noch eingeschränkt. Die Privatstation und eine weitere seien als Corona-Stationen umfunktioniert worden – nicht nur für diejenigen, die wegen einer Covid-Infektion behandelt werden müssen, sondern auch für die, die erst bei der Behandlung im Krankenhaus positiv getestet wurden. 41 Betten sind aktuell so belegt.

Die Ostemed-Klinik in Bremervörde kennt das Problem auch. Das zweite, deutlich kleinere Krankenhaus im Landkreis muss ebenso viel Pflegepersonal ersetzen und daher Mitarbeiter „hin- und her schieben“, wie Sprecherin Dagmar Michaelis bestätigt. Anders als im Diako müssten aber medizinisch nicht akut notwendige Operationen noch nicht verschoben werden. In Rotenburg, so Wißmann, erzeuge das neben den langen Wartezeiten zusätzlichen Frust bei den Patienten, also Kunden. Ihm sei ein Fall bekannt, wo eine Operation bereits vier Mal verschoben wurde. „Das provoziert Ärger.“ Die ganze Situation sei ein „Dilemma“. Umso mehr hoffe man auf ein gewisses Verständnis in der Bevölkerung.

Für Wißmann zeige sich jetzt durch das „Corona-Brennglas“, welche Probleme es in der Branche eh schon gab. Die Bezahlung sei zu schlecht, das Bemühen um Personal zwar groß, aber die Belastungen in der Pandemie auch keine allzu gute Werbung. Für die schlechten Rahmenbedingungen macht Wißmann vor allem die Politik verantwortlich. Die Krankenhäuser könnten es sich gar nicht anders leisten. Geld gebe es nur für Fälle, die behandelt werden – das Vorhalten von Kapazitäten für Situationen wie diese, in denen ein Puffer absolut notwendig wäre, werde nicht honoriert.

Und so lobt Wißmann diejenigen, die unter großem persönlichen Einsatz den Laden „am Laufen halten“. Immerhin sei es ein Lichtblick, dass notwendige Behandlungen nicht leiden. Dass Menschen unnötigerweise sterben, weil sie medizinisch nicht ausreichend versorgt werden können, sei „nach jetzigem Stand glücklicherweise nicht so“.

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