Tierschützerin erreicht mit Aufruf 1,6 Millionen Facebooknutzer - Von Dennis Bartz

Wie Mascarabürsten Igelleben retten

Igel Ignaz fühlt sich sichtlich wohl, während Merwel Otto-Link ihn mit einer der gespendeten Mascarabürsten pflegt. Die Wellnessbehandlung hat einen ernsten Hintergrund: Fliegenmaden stellen eine tödliche Gefahr für Igel da.
 ©Foto: Dennis Bartz

Rotenburg. Ignaz lässt es sich gut gehen: Entspannt liegt der Igel in der Hand von Merwel Otto-Link. Er streckt alle Viere und die Stacheln von sich, während die Tierschützerin ihn mit einer seltsamen kleinen Bürste behandelt. Das ist doch ... tatsächlich: eine Mascarabürste. Bietet die Rotenburgerin, die einen Hundesalon betreibt, nun also auch Schönheitspflege für eitle Igel an? Natürlich nicht. Was wie eine Wellnessbehandlung aussieht, rettet den Igel vor einem qualvollen Tod.

Mit seinen bis zu 8.000 Stacheln ist das Tier eigentlich optimal geschützt. Hunde, Füchse und andere Jäger schrecken vor ihm zurück – die weitaus gefährlicheren Feinde sind viel kleiner und für einen Laien oft nur schwer zu sehen. Sie lauern dort, wo der Igel verletzlich und ungeschützt ist – zwischen seinem dichten Stachelkleid.

Fliegeneier und -maden sind für Igel eine tödliche Bedrohung. Was Otto-Link beschreibt, ist nichts für schwache Nerven: „Fliegen legen ihre Eier auf dem Igel ab. Die Maden schlüpfen innerhalb von 48 Stunden und kriechen dann in sämtliche Körperöffnungen des Tieres. Sie fressen ihn von innen auf. Es gibt dann meist keine Rettung mehr, und dem Igel bleiben nur noch 72 Stunden, ehe das possierliche Tier elendig stirbt.“

So wäre es wohl auch Igel Ignaz, Igelin Frau Wei und anderen Artgenossen ergangen, hätten nicht aufmerksame Tierschützer die Notlage erkannt und sich an Pflegestellen wie die von Merwel Otto-Link gewandt.

„Liegt ein Madenbefall vor, drängt die Zeit. Manchmal entscheiden buchstäblich Minuten über die Rettung des Tieres“, sagt die Igel-Expertin, die auf eine ebenso einfache wie geniale Idee kam: Sie benutze eine ausrangierte Mascarabürste, um Fliegeneier und -maden zwischen den Stacheln zu entfernen. Und das Schönheitsutensil, das in keinem Schminktäschchen fehlt, entpuppte sich dabei als wahre Wunderwaffe.

Einziger Nachteil: Jede Bürste ist nur einmal verwendbar. Dann sollte sie entsorgt werden. Das stellte Otto-Link vor ein Problem: Denn woher sollte sie so viele Mascarabürsten bekommen? Vor 14 Tagen startete sie deshalb einen Aufruf bei Facebook: „Wir haben eine Bitte an Frauen: Für die nächste Saison sammeln wir Mascarabürsten.“

Der Beitrag wurde innerhalb kurzer Zeit zu einem viralen Hit: Fast 5.500 Personen haben den Beitrag bis heute mit „Gefällt mir“ markiert. User haben ihn zudem tausendfach kommentiert und 13.000 Mal geteilt. „Inzwischen haben 1,6 Millionen Menschen den Beitrag gesehen – damit hätte ich nie gerechnet“, so Otto-Link.

Die Hilfsbereitschaft der Igelfreunde und Naturschützer landesweit zeigte sich nicht nur anhand von Klickzahlen: Bereits am nächsten Tag brachte der Paketbote die erste Lieferung gebrauchter Mascarabürsten – und täglich kommen neue Päckchen hinzu, oft bis zum Rand gefüllt und zusätzlich mit Futter, Kotprobenröllchen und anderen Dingen bestückt, die Merwel Otto-Link täglich für die Igel-Pflege braucht. „Ich erhalte Briefe mit ganz lieben Zeilen und hin und wieder sogar etwas Schokolade als Nervennahrung für mich. Ich bin überwältigt über so viel Zuspruch für meine ehrenamtliche Arbeit – die meisten Kosten trage ich ja aus eigener Tasche.“

Ihr Vorrat an Mascarabürsten ist inzwischen so groß, dass sie der neuen Saison entspannt entgegensieht. Mehrere Tausend haben sie bisher erreicht – und noch immer rollt der Nachschub. Sie wird die Bürsten deshalb auf andere Pflegestellen verteilen. „Wir sind ein großes Netzwerk. Im Juni bin ich außerdem beim Pro Igel-Seminar in Münster – auch dorthin werde ich sie mitnehmen.“

Der Schuh drückt derweil an anderer Stelle: Otto-Link braucht tatkräftige Hilfe. „Vielleicht gibt es Igelfreunde, die mich unterstützen möchten, zum Beispiel beim Füttern der Igeljungen, bei der Reinigung der Ställe und als Urlaubsvertretung.“

Im Moment ist es noch mucksmäuschenstill im Winterquartier der Pflegestelle. Denn die übrigen 23 Igel sind im Winterschlaf und lassen sich deshalb nur selten blicken. Nur hin und wieder wachen sie auf, gönnen sich einen Snack und schlummern dann zufrieden weiter. Das gilt bald auch für Ignaz, der kürzlich aufgefunden wurde. Otto-Link: „Ich habe ihn so weit aufgepäppelt, dass er bald seinen Winterschlaf antreten kann.“

Dann verlangsamt sich der Herzschlag des Igels von 200 auf etwa zehn Schläge pro Minute, die Atemfrequenz vermindert sich von 50 auf 13 und die Körpertemperatur sinkt von 36 Grad Celsius auf etwa fünf Grad. Erst im Frühling, wenn die Temperatur konstant über zehn Grad klettert, ist Ignaz wieder putzmunter – und mit ihm hoffentlich seine 23 Artgenossen.

• Interessierte melden sich bei der Igelpflege Rotenburg, Bremer Straße 11, unter Telefon 01522/2846488 oder besuchen die Facebookseite unter www.facebook.de/Igelpflege. Otto-Link freut sich außerdem auf neue Mitglieder in ihrer Facebook-Gruppe „Igelfreunde und die, die es werden wollen“.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
 04261 / 72 -430
 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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