Streit um Fahrstuhl: Rollstuhlfahrer Adrian Al Dris kritisiert Hausverwaltung - Von Dennis Bartz

„Wie ein Kind mit Hausarrest“

Anneliese Herzog und Adrian Al Dris vertreiben sich die Zeit gerne mit Spielen. Seit einem Unfall sitzt der 25-Jährige im Rollstuhl.
 ©Dennis Bartz

Rotenburg. Anneliese Herzog und ihr Freund Adrian Al Dris sind tief enttäuscht. Im September 2016 ist das Pärchen in das schicke Stadthaus am Pferdemarkt 4 in Rotenburg gezogen. Doch die Freude über die gemeinsame Wohnung ist bei den beiden längst verflogen. Denn sie fühlen sich vom Verwalter der Wohnung, der Rotenburger Karina Vermietungs- und Vermittlungsgesellschaft, getäuscht.

Dabei hatte alles zunächst so verlockend geklungen. Für Herzog, Pflegedienstleitung im Haus am Bahnhof, und ihren syrischen Freund schien die freie Wohnung im dritten Stock ein echter Glücksfall zu sein: „Die Wohnung war auf den ersten Blick perfekt: Sie liegt nahe an meinem Arbeitsplatz und außerdem direkt in der Innenstadt. Das ist wichtig für Adrian – besonders die beiden Fahrstühle waren für uns aber entscheidend. Denn Adrian kann keine Treppen steigen, seit er nach einem Unfall vor fünf Jahren querschnittsgelähmt ist und im Rollstuhl sitzt.“

Die Ernüchterung folgte direkt nach dem Einzug: „Wir standen plötzlich vor verschlossener Tür. Der Außenfahrstuhl, der für ihn den Zugang zum Haus ermöglicht, ist in der Woche nämlich oft nur bis 16 Uhr und das komplette Wochenende gar nicht im Betrieb und dann mit einem Gittertor verriegelt“, kritisiert Herzog und fügt resigniert hinzu. „Wenn er denn überhaupt funktioniert.“

Ab Februar habe der Fahrstuhl nämlich häufiger Probleme gemacht – und seit März sei er komplett stillgelegt: „Das betrifft nicht nur uns. Wir sehen auch die Patienten der Chirurgischen Praxis im Haus oft mit Krücken die Treppen hinauf humpeln.“

Objektverwalter Karl Griese bestätigt auf Nachfrage der Rundschau, dass der Fahrstuhl seit Längerem außer Betrieb ist: „Wir haben vor vier Wochen eine Fachfirma mit der Reparatur beauftragt, aber das scheint schwieriger als gedacht. Es fehlt noch ein Ersatzteil.“

Selbst wenn der Fahrstuhl bald wieder funktionieren sollte, ändere dies jedoch an dem eigentlichen Problem wenig, so Herzog: Ihr Freund, der als Flüchtling nach Rotenburg gekommen ist und nur gebrochen deutsch spricht, könne die Wohnung eigenständig nämlich nur dann verlassen, wenn der Außenfahrstuhl in Betrieb ist. Denn dieser bringe ihn barrierefrei von dem Erdgeschoss des Hauses auf die tiefer liegende Straße.

Dorthin führen sonst nur Treppen und eine Autorampe hinter dem Haus, die jedoch zum Befahren mit dem Rollstuhl zu steil sei. „Das ist lebensgefährlich für Adrian alleine – sogar zu zweit ist das kaum zu schaffen“, so Herzog, die ihren Freund seit einigen Wochen trotzdem regelmäßig dort hinauf und herunter schieben muss: „Wir haben doch keine andere Wahl.“

Für die zierliche Frau ist dies jedesmal ein riskanter Kraftakt: „Ich habe immer Angst, dass ich ihn nicht mehr halten kann oder uns ein Auto übersieht – was dann?“

Bevor der Fahrstuhl ausgefallen ist, konnte Al Dris zumindest in der Woche alleine das Haus verlassen. Aber jedes Mal hieß es für ihn dann: Um spätestens 16 Uhr musste er wieder Zuhause sein. „Dann war die Tür zu. Ich fühle mich manchmal wie ein kleines Kind, das Hausarrest hat. Meine Welt besteht meist aus nur 79 Quadratmetern – aus dieser Wohnung“, erklärt er bedrückt.

Wenn ihm die Decke auf den Kopf fällt oder er einen dringenden Arzttermin hat, wagt er es alleine. Er fährt dann mit dem innenliegenden Fahrstuhl bis ins Erdgeschoss und rollt an den Rand der Autorampe. Al Dris: „Ich muss oft viele Menschen ansprechen und lange warten, bis mir jemand hilft. Ich frage nicht jeden: Sie sollten jung und kräftig sein – ich möchte schließlich niemanden gefährden.“

Besonders an kalten Tagen, bei Regen und nach Einbruch der Dunkelheit braucht er oft viel Geduld. „Dann sind nicht viele Menschen unterwegs. Im Winter habe ich einmal eine Stunde vor der Rampe gewartet“, erinnert sich Al Dris, der von einem weiteren Problem berichtet: Viele Passanten glauben aufgrund seines südländischen Aussehens und seiner mangelnden Deutschkenntnisse, er wolle womöglich betteln: „Eine Frau hat mir mal zwei Euro in die Hand gedrückt. Das hat mich sehr traurig gemacht.“

Verwalter Griese macht für die Situation die Mieter verantwortlich: „Es ist schließlich allgemein bekannt, dass der Fahrstuhl nur eingeschränkt in Betrieb ist.“

Dem widerspricht Herzog: „Wir wussten davon nichts. Beim Einzug hat uns das niemand erzählt. Als wir die Wohnung besichtigt haben, konnten wir ihn benutzen.“ Außerdem sei der Hausverwaltung bekannt gewesen, dass Adrian im Rollstuhl sitzt: „Sie hätten uns das sagen müssen. Dann hätten wir uns eine andere Wohnung gesucht.“ Im Mietvertrag stehe nichts darüber, dass die Mieter den Außenfahrstuhl nur eingeschränkt nutzen könnten, so Herzog. Und auch am Fahrstuhl selbst fehle ein entsprechender Hinweis. Das bestätigt Griese und räumt ein: „Das haben wir bislang nicht gemacht.“

An den Betriebszeiten will er auch in Zukunft nicht rütteln. „16 Uhr stimmt aber nicht. Wir schließen in der Woche erst gegen 18 Uhr ab und das komplette Wochenende – dabei soll es bleiben.“ Als Grund dafür nennt Griese die hohen Kosten durch Vandalismus: „Wir hatten in den vergangenen zehn Jahren einen Schaden in Höhe von 50.000 Euro.“

Herzog zeigt grundsätzlich Verständnis für diese Entscheidung. Dass ihr Lösungsvorschlag abgelehnt wurde, versteht sie indes nicht: „Ich hatte mehrfach, im persönlichen Gespräch, telefonisch und auch schriftlich darum gebeten, dass wir wenigstens einen Schlüssel für das Gittertor bekommen – dann wäre das Problem gelöst.“ Griese will sich darauf jedoch nicht einlassen und begründet dies damit, dass das Schloss Teil eines Schließsystems sei – „und der Schlüssel passt auch zu anderen Räumen“.

Herzog gibt dennoch nicht auf: „Der Austausch des Schlosses wäre dann eine vernünftige Alternative und würde Adrian und mir das Leben unheimlich erleichtern. An den Kosten für den Austausch beteiligen wir uns gerne. Sonst bleibt uns doch nur der Umzug.“

Eine beschwerliche Reise

Adrian Al Dris hat auf seiner Flucht aus seiner syrischen Heimat Deir Ez-Zor nach Rotenburg 4.000 Kilometer zurückgelegt. Und das unter schwierigsten Bedingungen: Denn der 25-Jährige ist seit einem Unfall querschnittsgelähmt und sitzt in einem Rollstuhl. 4.000 Euro hat er für die Flucht übers Meer in die Türkei an Schlepper bezahlt. Damit möglichst viele Flüchtlinge in das überfüllte Boot passen, haben die Männer seinen Rollstuhl über Bord geschmissen. Seine Heimatstadt, ehemals belebte Metropole mit fast 300.000 Einwohnern, wurde kurz darauf im Bombenhagel zerstört. Dort lebte Al Dris mit seiner Familie. Er studierte Elektrotechnik und Sport, spielte leidenschaftlich gerne Fußball und war ein erfolgreicher Kickboxer. Nebenbei verdiente er sich Geld als Physiotherapeut. Dann erhielt seine Familie die Warnung, dass die Stadt bombardiert werden sollte und beschloss, die Heimat zu verlassen. Sie wollten alles auf einem Lastwagen verstauen. Dabei passierte es: Der damals 20-Jährige verlor das Gleichgewicht und stürzte auf die Straße. Dabei brach er sich einen Wirbel. Nachdem sich sein Zustand immer mehr verschlechtert hatte, verkauften seine Eltern alles, was sie hatten, um wenigstens ihm und seinem Bruder die teure Flucht nach Deutschland zu ermöglichen. Dort retteten Ärzte mit zwei Operationen sein Leben. Seine Familie lebt noch in der Türkei, sein Bruder in Fallingbostel.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
 04261 / 72 -430
 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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07.04.2017

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