SPD und Grüne in Rotenburg wollen Torsten Oestmann als Weber-Nachfolger - Von Dennis Bartz

„Ein Demokrat der Mitte“

Torsten Oestmann ist Chef der Polizei in Rotenburg. Doch für den Bürgermeisterposten würde er die Uniform an den Nagel hängen.
 © Foto: Dennis Bartz

Rotenburg. Nach einigem Hin und Her steht seit Anfang des Jahres fest, dass die Rotenburger bei der Kommunalwahl im September 2021 einen neuen Bürgermeister bestimmen werden. Denn Amtsinhaber Andreas Weber (SPD) hatte erklärt, nicht für eine zweite Amtszeit zu kandidieren. Wen seine Partei stattdessen ins Rennen schickt, war bis zu dieser Woche ein großes Geheimnis. Nun steht der Kandidat fest – und die Überraschung ist groß: SPD und Grüne in Rotenburg wollen den parteilosen Torsten Oestmann als Weber-Nachfolger. Der 56-Jährige, der in Rotenburg aufgewachsen ist, ist seit einem Jahr Chef der Polizeiinspektion in seiner Heimatstadt. Er tritt gegen Frank Holle (CDU) an. Der Bürgermeister der Samtgemeinde Tarmstedt sucht nach 14 Jahren im Amt eine neue Herausforderung.

Oestmann hatte erst unmittelbar vor dem Pressegespräch am Mittwochabend Freunde, einen Teil der Familie und Kollegen in seine Pläne eingeweiht. Erste Gespräche mit Gilberto Gori (SPD) und Elisabeth Dembowski (Grüne) gab es aber bereits im Juni. „Für mich kam die Anfrage damals überraschend. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht daran gedacht, einen politischen Posten zu übernehmen“, so Oestmann.

Bereits zwei Wochen später hatten die Parteien ihren Wunsch-Kandidaten von dem gemeinsamen Weg überzeugt. „Mit meiner Ehefrau Beate und meinen beiden Söhnen habe ich das als Team entschieden. Die Kernfrage war für mich: Bin ich wirklich bereit, die Uniform an den Nagel zu hängen? Ich habe mich außerdem mit Jürgen Markwardt, dem Bürgermeister von Uelzen ausgetauscht. Er ist ein alter Studienkollege von mir“, so Oestmann im Pressegespräch im Kantor-Helmke-Haus. Ein vertrauter Platz für den Bürgermeister-Kandidaten, der dort einst zur Schule gegangen war.

Oestmann gehört keiner Partei an –  und das soll auch so bleiben. „Ich werde überparteilich auftreten, denn ich passe in keine Schublade. Es geht mir alleine um die Ziele, die verfolgt werden sollen. Ich bin auch für die Ideen fast aller anderen Parteien gesprächsbereit“, betonte Oestmann, der jedoch inhaltlich die größten Schnittmengen mit der Politik der SPD und den Grünen sieht. „Ich bin ein Demokrat der Mitte. Es hat auch persönlich auf Anhieb gepasst. Ich habe in den Findungskommissionen beider Parteien Rede und Antwort gestanden. Es war von Anfang an ein großes Vertrauen da“, berichtet Oestmann, der im Fall einer Niederlage mit gutem Gefühl Polizeichef von Rotenburg bleiben wird: „Das ist und bleibt ein Traumjob für mich.“

SPD und Grüne sind jedoch sicher, den optimalen Kandidaten gefunden zu haben und mit ihm einen erfolgreichen Wahlkampf zu bestreiten: „Wir hatten mehrere Personen im Blick. Aber nach dem ersten Gespräch mit Torsten Oestmann war uns sofort klar: Das ist der richtige Mann für den Posten. Es war uns wichtig, einen Rotenburger zu finden, jemanden der hier aufgewachsen und zur Schule gegangen ist. Es ist das erste Mal in der Geschichte Rotenburgs, dass wir einen unabhängigen Kandidaten haben“, so Gori. Und das soll bei einem Wahlsieg die Arbeit des Stadtrates erleichtern: „Meine Hoffnung ist, dass sich dann mehrere Parteien zusammenschließen und den Gedanken des Bürgermeisters folgen – das hat zuletzt nicht immer geklappt und oft die Arbeit des Stadtrates blockiert.“

Dembowski ergänzt: „Oestmann zeichnet aus, dass seine Biografie sehr viel mitbringt, zum Beispiel den Blick für die Gesellschaft und seine Erfahrung in Personalführung. Das ist sehr wichtig, wenn man dem Rathaus vorsitzt, denn das ist ein großer Dampfer, der zu steuern ist.“

Für Grünen-Vorstand Stefan Fuchs ist Oestmanns größte Stärke die Kommunikation: „Er strahlt Offenheit aus. Ein Bürgermeister ist nicht nur Verwaltungschef und Mitglied des Rates, er ist auch Vertreter der Bürger. Und allen muss er bestmöglich gerecht werden. Dass wir nun einen Kandidaten haben, gibt beiden Parteien Rückenwind für den Wahlkampf. Wir sind überzeugt davon, mit Torsten zu gewinnen und wollen die Ratsmehrheit zurück.“ Die strebt auch Gori an, denn „in Themen, die uns wichtig waren, gab es oft Streit und am Ende konnten wir uns nicht immer durchsetzen“.

Dass der Rotenburger Oestmann genau wie Weber vor fünf Jahren als Bremer Polizeichef in den Wahlkampf geht, habe bei der Kandidatensuche keine Rolle gespielt, erklärt SPD-Vorstand Ingo Krampitz: „Natürlich ist den Bürgern das Thema Sicherheit besonders wichtig. Uns ging es aber darum, dass ein Rotenburger Bürgermeister der Kreisstadt wird, und niemand von außerhalb.“

Unabhängig von dem Ausgang der Wahl möchte Oestmann seinen Wohnort von Sottrum so bald wie möglich nach Rotenburg verlegen. „Das war schon Anfang der 1990er unser Wunsch. Damals gab es aber nichts Passendes für uns. Seit einem Jahr stehen wir wieder auf der Interessentenliste.“

Zu aktuellen Themen wie dem Dauerstreitthema Oberstufe an der IGS möchte sich Oestmann noch nicht äußern: „Dafür ist es zu früh. Ich möchte zunächst alle Fakten auf dem Tisch haben und mit den Fachleuten in der Verwaltung sprechen. Erst dann entscheide ich, in welche Richtung wir marschieren wollen. Aber so viel kann ich sagen: Ich möchte eine ausgleichende Rolle einnehmen. Wir haben eine liebenswerte Stadt, eine solide Basis, auf der wir weiter aufbauen wollen. Die Stadtentwicklung und das Verkehrskonzept sind Themen, die die Rotenburger bewegen.“

Oestmann beschreibt sich als pragmatisch und offen. Er sei kein Freund von „Hinterzimmergesprächen“, sondern stehe für Transparenz. Um den Kopf freizubekommen, geht er übrigens am liebsten Joggen – mit Musik: Hits der 1980er und 1990er-Jahre von Genesis, Dire Straits und Pink Floyd. „Da kommen mir oft die besten Ideen“, so Oestmann.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
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