„Solawi“ auf dem Hof Grafel lädt zum ersten Pflanz-Samstag - VON ULLA HEYNE

Solidarität im Folientunnel

Solawi-Mitbegründer Martin Lenzinger ist der "heimliche Dirigent im Folientunnel. Fotos: Heyne
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Rotenburg – Am Ende des Sandwegs, in den Wiesen hinter Rotenburg, liegt Bullerbü: Blühende Kirschbäume, Koppeln mit gescheckten Eseln, auf dem Weg zwischen Hof und Feldern sausen Kinder hin und her. Wer die nur wenige Kilometer entlang des Grafeler Damms mit dem Auto hinter sich lässt, wird kritisch beäugt: Die meisten Besucher sind, das bestätigt der Blick auf den Parkplatz, mit dem Fahrrad gekommen.

Das Leben auf dem Hof Grafel spielt sich an diesem ersten Pflanz-Samstag der „Solawi“, der „Solidarischen Landwirtschaft“, vor allem in einem der mannshohen, wohl 40 Meter langen Tunnel ab. Die Tomatenstauden in langen Reihen wurden schon am Vortag in die Erde gebracht, heute stehen Auberginen und Paprika auf dem Programm – die Stimmung ist gut, fast ausgelassen.

Immer wieder Angelpunkt der freiwilligen Helfer vom jungen Pärchen über die Familie bis zum Rentner, fast wie ein heimlicher Dirigent: Martin Lenzinger, Mitbegründer des Gegenentwurfs zu Supermarkt-Gemüse und Globalisierung. An ihn richten sich die meisten Fragen: „Wie tief müssen die Löcher?“ („Frag die, die das in der Reihe daneben schon machen“), „Was machen wir mit dem Fenchel?“ (mit einem Blick auf den Pflanzzettel: „Lassen wir erst mal aus“), „Kann ich schon wässern?“ („Wart noch mal eben, bis alle fertig sind.) „Loslassen, zulassen, dass nicht alles perfekt wird und Delegieren“ – das musste der gelernte Landwirt, der bereits auf anderen Solawi-Betrieben Erfahrungen gesammelt hat, erst lernen: „Früher wollte ich am liebsten möglichst viel anpacken, damit es möglichst schnell geht“.

Früher, das ist gerade mal ein halbes Jahr her. Im Herbst trafen sich rund 40 Interessierte, darunter viele Stammkunden des Hofladens und andere Idealisten, um die örtliche Solidargemeinschaft für den landwirtschaftlichen Betrieb ins Leben zu rufen. Das bedeutet: Geteilte Ernte, gemeinsame Entscheidungen, zum Beispiel darüber, was gepflanzt wird – aber auch gemeinsame Verantwortung, auch finanziell, kauft sich jedes Mitglied doch mit einem Anteil ein, um an den Erträgen von Rauke bis Rote Beete teilzuhaben.

Das erfordert auch gute Argumente – denn nicht alle der von Mitgliedern geäußerten Wünsche, etwa nach Süßkartoffeln, für die einfach hier einfach nicht die Bedingungen gegeben sind, sind realisierbar. Lenzinger und seine Mitstreiter – drei der acht auf dem Hof Ansässigen sind in der Solawi engagiert und können sich schon ein bescheidenes Gehalt zahlen, setzen auf Überzeugungsarbeit. Denn es geht nicht nur um Nachhaltigkeit (seit Kurzem ist der in zwölfter Generation geführte Hof von Bioland zertifiziert), Regionalität, die Sozialbilanz und einen möglichst geringen Fußabdruck – sondern auch um Wissensvermittlung und darum, den Mitgliedern die Hintergründe näherzubringen und so zu einem anderen Bewusstsein beizutragen.

Wenn er erläutert, dass beispielsweise Spargel eine Vorlaufzeit von drei Jahren bis zur ersten Ernte und einen Ertrag von gerade mal einem Drittel gegenüber Tomaten hat, verzichtet die Allgemeinheit gern.

Diese Einbindung kommt gut an: An diesem Vormittag, einem der regelmäßigen freiwilligen „Arbeitstage“, fallen der zugewandte Umgang und die glückliche Gesichter derjenigen auf, die seit Stunden an den Pflanzlöchern knien oder auf den Feldern die neue Aussaat vorbereiten – eine veritable Hilfe auf einem Hof, der auch wegen der Energiebilanz auf kollektive Handarbeit statt auf „schweres Gerät“ setzt.

Der Fortschritt, er habe auch seine Nachteile: „Mit festen Gewächshäusern würden wir hier viermal so viele Tomaten ernten – aber was bedeuten die schweren Glashäuser in der Herstellung für die Energiebilanz?“, fragt Lenzinger.

Stattdessen setzt man auf ökologisches Nischenwissen: Statt Nitrat wird Schafwolle aus der Nachbarschaft als Depotdünger genutzt – auf dem Markt würde sie dem Schäfer kaum etwas bringen. Den Landwirt macht sie unabhängig von den steigenden Nitratpreisen, die an die explodierenden Energiekosten gekoppelt seien. Die dunkle Wolle aus dem großen Eimer wird von Uwe Meyer und Jenny Antons zu 20-Gramm-Knäueln geformt, die sich leicht in den Pflanzlöchern versenken lassen. Für die 46-Jährige ist es der erste Einsatz hier. Der Rotenburgerin ist die Nachhaltigkeit wichtig, aber auch der soziale Aspekt: „Ich möchte, dass es den Leuten, die mein Gemüse produzieren, gut damit geht!“

Die Produktionsgärtnerin genießt es, hier die Finger in die Erde stecken zu dürfen. Erdung, das ist für Meyer ein wichtiger Grund, sich hier zu engagieren, vom Pflanzen und Jäten bis zum Steine aufsammeln. Der Business-Coach schätzt die Solidarität, freut sich auf die Einsätze: „Gemeinschaft – das tut gerade jetzt gut!“ Lena Droschinski, Mutter von zwei Kindern, die hier herumtollen, kennt den Hof schon seit der eigenen Kindheit.

Sinnhaftigkeit hat ihren Preis. 85 Euro ist der Durchschnittspreis für einen Anteil – jeder gibt so viel, wie er kann oder mag, keiner soll ausgeschlossen werden. „Wir haben hier eine gute Mischung von Leuten“, gibt sich Lenzinger zufrieden, eine „Monokultur aus Studis und Profs“ wie in Studienstädten ist hier nicht verzeichnen. Gleichwohl ist sich der gelernte Sozialarbeiter bewusst: Bildungsferne Schichten sucht man hier vergebens, die beiden Wohngruppen sozialer Einrichtungen in der Nähe machen das Gefüge bunter. Ausgewählt wurden die Mitglieder nicht: Die ersten 40 Zusagen waren dabei. Mittlerweile sind es 60 – und das Ende der Fahnenstange auf dem 0,6 Hektar großen Hof, der neben den Ausgabestellen der Solawi auch den Hofladen und den Rotenburger Unverpackt-Laden beliefert, ist vorerst erreicht.

In den nächsten Monaten wird aufgrund der gesammelten Erfahrungen „nachjustiert“. Am Ende dieses Samstags steht jedoch erst mal ein gemeinsames Abschlussbüfett – und für wohl alle hier das gute Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben.

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