Schwangerschaftsabbruch: Frauen gegen Straftatbestand - VON ANN-CHRISTIN BEIMS

Weg mit dem Tabu

Ungewollt Schwangere stehen in Deutschland vor großen Hürden, wenn sie einen Schwangerschaftsabbruch möchten.
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Rotenburg – Schwanger? Das ist ein Wort, das viele Frauen freut. Aber eben nicht alle. In manchen, oft verzweifelten Situationen kommt für sie nur eine Abtreibung infrage. Doch das ist eine Straftat, die nur auf Grundlage der sogenannten Beratungsregelung unter bestimmten Bedingungen straffrei ist. Abtreibung ist ein Tabu-Thema, offen reden darüber nur wenige. Um einen Austausch hinsichtlich einer Neuregelung der Gesetzeslage herbeizuführen, unterstützen die Gleichstellungsbeauftragten der Städte Zeven und Rotenburg sowie des Landkreises eine Aktionswoche der Beratungsstelle Stade des „pro familia“-Bundesverbands.

„Ich finde die Tatsache, dass ein Schwangerschaftsabbruch in Deutschland eine Straftat ist, die lediglich unter bestimmten Voraussetzungen nicht strafrechtlich verfolgt wird, nicht hinnehmbar“, macht Kerstin Blome, Rotenburgs Gleichstellungsbeauftragte, deutlich. „Dadurch wird das Recht von Frauen auf Selbstbestimmung eingeschränkt, ungewollt Schwangere werden stigmatisiert.“

Mit Aktionen gedenken sie daher dem 1871 im Reichsstrafgesetzbuch verkündeten Paragrafen 218 – der den Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft zur Straftat erklärte. Ein antiquiertes Gesetz, das Frauen daran hindert, Kontrolle über ihr Leben auszuüben. Die Gleichstellungsbeauftragten wollen erreichen, dass das Thema aus der Tabuzone kommt, mehr in die Öffentlichkeit rückt und aufklären. Das Werbeverbot, de facto ein „Informationsverbot“, macht die Situation für viele, die sich zu einem Abbruch entscheiden, nicht einfacher.

Zwar gibt es Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen, doch der entsprechende Paragraf verbietet jegliche Art der Information. So finden Frauen einen Hinweis darauf, wer Abtreibungen durchführt – aber nicht über das Wie, über die Arten. „Vielen sind die Konsequenzen, die sich aus der aktuellen Gesetzeslage ergeben, vermutlich gar nicht bewusst“, meint Blome.

Die Aktionswoche hat daher das Ziel, dass Frauen, die sich für einen Abbruch entscheiden, nicht länger kriminalisiert und stigmatisiert werden. Aber auch, dass die Beratungspflicht durch ein freiwilliges Angebot ersetzt wird. Frauen haben in Deutschland nur in den ersten zwölf Wochen Zeit, einen Abbruch vorzunehmen.

Überhaupt jemanden dafür zu finden, erweist sich als schwierig. Denn ein Punkt, der den Gleichstellungsbeauftragten bei einer Gesetzesänderung wichtig wäre, betrifft die medizinische Ausbildung – Abbrüche sind kein verpflichtender Bestandteil. Folglich haben immer weniger Ärzte das Wissen, einen solchen Eingriff vorzunehmen. Gerade im ländlichen Raum droht eine Unterversorgung. „Frauen, die sich sowieso in einer schwierigen Lage befinden, müssen eventuell noch eine weite Anreise auf sich nehmen.“

Auch das Diakonieklinikum führt, aus christlicher Tradition, keine Abbrüche mit sozialer Indikation durch. Ausnahmen sind medizinisch notwendige Eingriffe, wenn beispielsweise das Leben der Schwangeren in Gefahr ist, erklärt der Theologische Direktor Lars Wißmann. „Jedes Leben ist grundsätzlich schützenswert. Aus Sicht der christlichen Ethik geht es darum, Leben zu fördern und es Menschen zu ermöglichen, Ja zum Leben sagen zu können. Das gilt auch für das ungeborene Leben.“ Ganz allein werden hilfesuchende Frauen aber nicht gelassen: „Wir respektieren die Entscheidung“, sagt Wißmann. Sie verweisen dann auf Ansprechpartner und Einrichtungen in der Nähe, die professionelle psychische Unterstützung und praktische Hilfen anbieten.

Ein erster wichtiger Schritt wäre vor allem die Streichung des Werbeverbots. Eine Gesetzesreform wäre der nächste. Andere Länder, wie Kanada mit weit liberaleren Regeln, zeigen, dass dort die Zahlen nicht rasant hochschießen. „Statt einer Kriminalisierung von ungewollt Schwangeren sollten wir verstärkt auf Aufklärung setzen und auf kostengünstigen Zugang zu Verhütungsmitteln“, so Blome.

Ein „Herzschlag-Gesetz“, also das Verbot einer Abtreibung, sobald ein Herzschlag festgestellt worden ist, wie im US-Bundesstaat Texas in der Debatte, sieht Blome in Deutschland nicht realisierbar. Doch auch hier gibt es „Hetzkampagnen fanatischer Abtreibungsgegner“, und auch die AfD wirbt „unter dem Slogan ,Willkommenskultur für Kinder’ für restriktivere Regelungen“. Deswegen ist Blome und ihren Mitstreiterinnen eine vernünftige und offene Aufklärung so wichtig. Die kommunalen Gleichstellungsbeauftragten wenden sich immer wieder an zuständige politische Gremien, aber auch jeder einzelne kann örtliche Bundestagsabgeordnete kontaktieren. „Je nachdem, wie die Koalitionsverhandlungen ausgehen, stehen die Chancen für einen Reformprozess ja derzeit gar nicht so schlecht.“

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