Schlagzeuger Hannes Lehmann spricht über die Folgen der Coronakrise - Von Dennis Bartz

„Ich will bereit sein“

Hannes Lehmann probt täglich zwei bis drei Stunden in seinem Proberaum.
 © Foto: Dennis Bartz

Rotenburg. Die Corona-Pandemie hat die Kulturbranche schwer getroffen. Veranstalter müssen seit dem Frühjahr 2020 fast alle Events absagen, Konzerthallen und Clubs sind geschlossen. Wann die ersten Termine nachgeholt werden können und unter welchen Bedingungen diese dann stattfinden, ist ungewiss. Unter der Krise leiden auch die Künstler, die einen Teil oder sogar ihren gesamten Lebensunterhalt mit ihrer Musik verdienen. So wie Hannes Lehmann, der im Landkreis Rotenburg als Schlagzeuger der Industrial-Rock-Band Taina bekannt geworden ist. Der 28-Jährige hatte sich nach Abschluss seines Musikstudiums in Osnabrück Ende 2019 mit dem Engagement bei der bekannten Diepholzer Top-40-Band „Smile experience“ den Traum erfüllt, professioneller Musiker zu sein. Doch bevor er dort richtig durchstarten konnte, bremste ihn die Pandemie aus. Nur sieben der geplanten 50 Shows spielte er im vergangenen Jahr, dann kam der Lockdown. Die Rundschau hat ihn in seinem Proberaum getroffen. Im Interview erzählt er darüber, wie er die bislang schwerste Zeit seiner Karriere erlebt hat.

Ihr habt vor zwei Jahren Euer Bandprojekt „Taina“ auf Eis gelegt. Wie kam es dazu?

Hannes Lehmann: Wir hatten sehr viel Zeit in unser jüngstes Album „Seelenfresser“ gesteckt, das wirklich toll geworden ist. Die Arbeiten daran hatte aber auch sehr an unseren Kräften gezehrt. Dazu kamen viele andere Verpflichtungen – bei mir das Studium, außerdem bin ich Vater geworden. Wir haben uns deshalb 2018 dazu entschieden, eine Pause zu machen. Das bedeutet aber keinen Abschied für immer.

Wie ging es für Dich musikalisch weiter?

Lehmann: Ich habe angefangen, in Top 40-Bands zu spielen, hauptsächlich mit Sound Traffic aus Langwedel, hier und da aber auch in anderen Bands als Aushilfe, wenn mal ein Schlagzeuger ausgefallen ist. Das war mir auf Dauer aber zu wenig. Außerdem war der Aufwand sehr groß, weil ich mein Equipment für jeden Gig aus meinem Proberaum im Keller schleppen, aufbauen, abbauen und zurück in den Keller bringen musste.

Dann kam die Chance auf ein Engagement bei Smile experience ...

Lehmann: Genau. Dort bin ich seit November 2019. Ich habe mir dafür zusätzliches Equipment angeschafft und die Show eingeübt. Für das vergangene Jahr hatten wir 50 Konzerte mit jeweils 2.000 bis 5.000 Zuschauern geplant. Im Oktober sollten wir sogar vor 10.000 Menschen bei der Quotenfete in der ÖVB-Arena in Bremen spielen. Smile war für mich der Einstieg als Berufsmusiker. Ich könnte damit einen Großteil meines Lebensunterhalts verdienen, aber nach wenigen Shows war leider Schluss. Ich habe deshalb noch nicht einmal meine Kosten raus.

Wann Veranstaltungen wieder möglich sind, ist völlig offen. Wie gehst Du damit um?

Lehmann: Ich rechne nicht damit, dass es bald so weit ist. Ein Kaltstart meiner Band ist nicht möglich, denn das bedarf einer gewissen Vorlaufzeit. Dafür ist das Projekt zu groß angelegt. Die Veranstalter müssen Konzerte und andere Events auch lange im Vorfeld planen. Die sind im Moment aber sehr vorsichtig und halten sich verständlicherweise zurück. Die Zeit wird knapp, denn der Sommer ist für uns die Hauptsaison. Wenn wir das Geschäft dann nicht mitnehmen können, lohnt es sich für uns gar nicht mehr, die Maschinerie in dieser Saison anzuwerfen.

Das zehrt bestimmt an den Nerven ...

Lehmann: Das stimmt. Ich war an einem Punkt, an dem ich endlich sagen konnte: Ich bin jetzt Teil dieser Szene. Ich war meinem Ziel so nah, deshalb ist es echt frustrierend. Mein Equipment steht jetzt wieder in meinem Keller und es gibt noch nicht einmal ein Foto von mir mit der Band.

Wie hast Du die Zeit überbrückt?

Lehmann: Ich habe sie bestmöglich genutzt, um meine Bachelor-Arbeit zu schreiben und damit mein Studium zu beenden. Dass wir uns im Moment nicht im Festzelt in den Armen liegen und „Cordula Grün“ singen, ist klar. Dafür ist gerade einfach nicht die Zeit. Aber ich bin mir sicher, dass wir das eines Tages wieder mit einem guten Gefühl tun werden. Wir müssen die älteren und gesundheitlich vorbelasteten Menschen bestmöglich schützen und alles dafür tun, um das Gesundheitssystem zu entlasten.

Meinst Du, dass sich die Branche langfristig erholen wird?

Lehmann: Das denke ich schon. Ich merke, wie sehr den Menschen es derzeit fehlt, diesen Ausgleich zu haben, ausgelassen zu feiern, einen Song mitzubrüllen. Wir Musiker verbreiten gute Laune und das ist ein Ausgleich, den die Menschen brauchen. Das fehlt ihnen jetzt. Die Branche hat aber zweifellos sehr stark gelitten und wir werden auch in 2022 die Folgen noch spüren. Einige Bands und Veranstalter werden das vermutlich nicht überstehen, zum Teil alteingesessne Clubs geschlossen bleiben. Die Big Player werden es als erstes aus der Krise schaffen. Es bedarf dann mutiger Leute, die die Branche wieder ins Laufen bringen. Das wird dauern, aber die Lage wird sich entspannen. Der Durst der Menschen war noch nie so groß wie jetzt.

Machst Du Dir Sorgen um das Fortbestehen Deiner Band?

Lehmann: Ich mache mir schon Gedanken um mein Engagement dort. Die Band hat im vergangenen Jahr sehr viel investiert. Das bricht uns nun womöglich das Genick, weil uns die Einnahmen aus den tollen Konzerten fehlen, die wir im vergangenen Jahr gespielt hätten. Die Band ist für mich das Pferd, auf das ich gesetzt habe.

Wie fängst Du den finanziellen Ausfall auf?

Lehmann: Neben dem Studium habe ich angefangen, bei den Rotenburger Werken zu arbeiten. Ich bin dort als Aushilfe inzwischen fest angestellt und übernehme die alltägliche Betreuung und Pflege in Wohngruppen. Ich war schon drauf und dran, meine Arbeitszeit dort zu reduzieren. Auf den Gedanken würde ich nächster Zeit gar nicht kommen. Ich weiß ja nun, wie schnell diese Blase zerplatzen kann. Außerdem macht mir die Arbeit dort viel Spaß.

Dein einziges Standbein?

Lehmann: Nein, in meinem Studium hatte ich auch einen pädagogischen Teil. Mein Wissen weiterzugeben, macht mir viel Spaß. Einen festen Tag pro Woche gebe ich deshalb Schlagzeug-Unterricht. Ich kann mir gut vorstellen, das auf zwei Tage auszubauen. Dann habe ich eine gute Grundlage für den Notfall. Dafür werde ich meinen Proberaum in die Scheune verlegen, die Musik hallt nämlich durch das gesamte Haus und mein Sohn braucht noch seinen Mittagsschlaf. Ansonsten ist er gerne bei mir im Keller und ist ganz fasziniert von allem, was laut ist.

Der nächste Schlagzeuger in der Familie Lehmann?

Lehmann: Dafür ist es noch zu früh. Er ist ja erst zwei Jahre alt. Der ideale Einstieg ist mit etwa sieben. Für Anfänger ist es wichtig, dass sie nicht nur Unterricht nehmen, sondern auch zu Hause üben. Ein günstiges, aber gutes gebrauchtes Schlagzeug gibt es schon für etwa 150 bis 200 Euro. Der Einstieg gelingt schnell: Bereits in der zweiten oder dritten Stunde schaffen es die meisten, das erste Lied zu begleiten. Bis sie dann aber gute Schlagzeuger sind, dauert es natürlich Jahre und man lernt nie aus.

Wie oft übst Du?

Lehmann: Um weiter auf diesem hohen Level spielen zu können, muss ich zwei bis drei Stunden pro Tag spielen. Das ist gerade nicht so einfach, wenn keine Konzerte im Kalender stehen. Meine Motivation, dranzubleiben, ziehe ich aus der Hoffnung, dass es bald weitergeht. Dann will ich bereit sein. Ich nehme mir immer wieder neue Songs vor, die ich erarbeite. Für mein virtuelles Publikum veröffentliche ich einige Videos auf meinem Youtube-Kanal. Außerdem spiele ich für die Songs anderer Musiker akustisches Schlagzeug ein, zum Beispiel für Steven Wandrey von Tonlicht, außerdem für meine eigenen Bands Ultracore Hyper Machine und Thekenpoet. Der Markt ist aber sehr schwierig, weil derzeit alle Musiker zu Hause sitzen. Außerdem ersetzt das natürlich nicht das Gefühl, live auf der Bühne zu stehen und mit dem Publikum zu feiern.

Wer erste Erfahrungen am Schlagzeug machen möchte oder seinem Spiel den letzten Schliff geben will, der meldet sich bei Hannes Lehmann per E-Mail an hannes.lehmann@mail.de oder schreibt ihn bei Facebook an.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
 04261 / 72 -430
 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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