Rundschau-Serie: Freiwilligendienstler Aaron Kruse über Erziehungsmethoden in China

Ehrfurcht vor dem Vater

Der 18-jährige Abiturient möchte auch mal den Blick über Rotenburg schweifen lassen.
 ©Rotenburger Rundschau

Rotenburg/Wenxian (db). Der 18-jährige Rotenburger Aaron Kruse tauscht die Schulbank gegen das Lehrerpult. Der frisch gebackene Abiturient unterrichtet elf Monate im Rahmen des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes Weltwärts Englisch an der No. 1 Senior High School in Wenxian (China). In der Rundschau berichtet Kruse alle zwei Wochen über das, was er dort erlebt.

Ich sitze wie angewurzelt da und schaue hinüber zu meiner Kollegin neben mir. Passiert das hier gerade wirklich? Ich will etwas tun, aber was? Kann ich überhaupt etwas unternehmen? Ich bin ein gerade einmal 18-Jähriger, der kaum die Landessprache spricht.

Aber starten wir etwas früher in der Geschichte. Mitte Oktober sind alle deutschen Freiwilligen in die Hauptstadt der Region, nach Lanzhou, eingeladen. Dort soll ein erster Austausch der bisherigen Erfahrungen mit Schülern und Umfeld erfolgen. In der Tat ist die Freude beim Wiedersehen groß. Wir reden über unsere Erlebnisse. Abends besuchen wir die lokalen Bars und lassen bei chinesischem Bier und Sonnenblumenkernen den Abend ausklingen.

Aber nicht nur der Austausch ist Anlass für das Treffen in Lanzhou. Am zweiten Tag des Seminars treffen wir den Vorsitzenden des Bildungsministeriums der Region Gansu, die – zur Einordnung – größer als Deutschland ist. Von ihm und seinen Mitarbeitern werden wir in ein teures Restaurant eingeladen und bekommen feinste Fleischspezialitäten serviert. Blöd nur, dass von uns zwölf Freiwilligen neun vegetarisch leben.

Nach dem gemeinsamen Essen und der traditionellen gegenseitigen Ehrerweisung begleitet uns eine Mitarbeiterin des Ministeriums in ein brandneues Museum. In diesem werden mit allerlei zukunftsorientierter Technik viele Höhlen, sowie Gemälde und ganze Tempelanlagen der weit im Norden der Provinz liegenden Wüstenstadt Dunchuan nachgestellt und mit 3-D-Druckern und „Augumented Reality“ (der Möglichkeit, durch eine spezielle Brille Hologramme im Raum erscheinen zu lassen) zum Leben erweckt.

Erneut zeigen uns die Verantwortlichen stolz, wie viel Geld China in die Zukunft steckt. Natürlich lassen wir den Führern im Museum durch gelegentliches staunen und „Ah‘s“ und „Oh‘s“ zu verstehen geben, wie fasziniert wir sind. Denn wenn wir in den vergangenen Monaten etwas gelernt haben, dann, dass Chinesen es lieben, wenn man sie und das, was sie tun, bewundert.

Bevor wir die Heimfahrt antreten, bekommen wir noch einen „Touristen-Pass“, eine Art VIP- Ausweis, geschenkt, mit dem wir in die meisten Sehenswürdigkeiten der Provinz gratis oder zumindest vergünstigt hineinkommen – gültig bis zu unserem Heimflug. Natürlich beginnen bereits im Bus auf dem Weg zurück nach Wenxian damit, mit den Planungen für zukünftige Wochenendtrips.

In Wenxian angekommen, ist es dann soweit: Der dauerhaft kühle Wind in den Bergen, der schon eine Erkältung verursacht hatte, haut mich schließlich völlig um. Hustend sitze ich für eine Woche in meinem Zimmer und verlasse dieses nur zum Unterrichten und zum Essen. Nachdem ich mich zunächst noch gegen einen Arztbesuch sträube, überzeugt mich dann schließlich eine befreundete Englischlehrerin, nachdem auch stetiges Teetrinken keine Wirkung zu zeigen scheint. Sie bringt mich zum Arzt ihrer zehnjährigen Tochter – ich glaube, es ist ein Kinderarzt. Wir warten im Flur des Krankenhauses darauf, dass meine Nummer aufgerufen wird. Dabei beobachten wir direkt gegenüber von uns eine Tür zu einem Zimmer, in der Kindern aus der Hand Blut abgenommen wird. Eine Krankenschwester übernimmt diese Aufgabe und lässt es danach testen.

Schließlich ist ein zehnjähriger Junge an der Reihe, der davon nicht allzu begeistert zu sein scheint. Nachdem sein Vater ihn harsch am Arm packt, sage ich noch zu meiner Kollegin, dass so etwas in Deutschland wahrscheinlich schon ein Problem darstellen könnte. Als der Junge dann aber partout nicht einlenken will, fängt der Vater plötzlich an, ihn in die Kniekehlen zu treten, Backpfeifen zu verteilen und ihm Schläge in den Bauch zu verpassen. Als auch das nicht zu helfen scheint, setzt er sich schließlich auf seinen Sohn und fixiert ihn auf dem Flurboden, sodass die Krankenschwester hinter der Theke endlich vorkommen kann, um dem kreischenden und heulenden Jungen das Blut abzunehmen.

Ich beobachte das ganze Geschehen, das direkt zu meinen Füßen geschieht. In meinem Kopf kreisen in diesem Moment so viele Gedanken. Soll ich eingreifen? Aber was soll ich denn sagen? Der Mann versteht höchstwahrscheinlich kein Englisch. Ich schaue zu meiner Kollegin, aber sie scheint ebenfalls überfordert zu sein. Sie schaut einfach zu, ebenso wie die vielen anderen Eltern, die mit ihren Kleinkindern den Vorfall beobachten.

Da stehen Familienväter, die eingreifen könnten, aber nichts geschieht. Niemand sagt auch nur ein Wort. Die Krankenschwester, eine Frau, die den ganzen Tag mit Kindern arbeitet, macht sogar mit und duldet die Tatsache, dass der Vater seinen Sohn eindeutig körperlich traktiert.

Schließlich ist der Spuk endlich vorbei, nachdem der Vater, der sich offenbar in seiner Ehre gekränkt gefühlt hatte, seinen Sohn einfach auf dem Boden zurücklässt. Wir helfen dem Jungen auf und geben ihm ein Taschentuch, damit er sein Nasenbluten stoppen kann.

Dass in meiner Schule der ein oder andere Lehrer das Lineal nicht nur zum Ausmessen an der Tafel nutzt, habe ich inzwischen mitbekommen, aber das, was gerade passiert ist, ist ein anderes Ausmaß. Ich möchte mir in diesem Moment gar nicht ausmalen, was der Junge Zuhause ertragen muss. Das Schlagen als Erziehungsmethode ist in China nicht verboten. So ist es kein Wunder, dass viele meiner männlichen Schüler in einer Halloween-Stunde auf die Frage, wovor sie Angst haben, ihren Vater angeben. Ich habe in meinem engstirnigen, vielleicht naiven Denken eigentlich Antworten wie „Spinne“ oder „Schlange“ erwartet. Das Bild des Vaters, der seinen Sohn misshandelt, bekomme ich sicher nicht so schnell aus dem Kopf.

Endlich bin ich an der Reihe und gehe ins Arztzimmer. Der Mediziner verschreibt mir schließlich zwei verschiedene Pillen und zwei spezielle Tees, die ich dreimal am Tag einnehme. Und tatsächlich zeigt sich schnell eine positive Wirkung. So kann ich in der vergangenen Woche das erste Mal wieder mit meinem Mitfreiwilligen Jona Wandern gehen.

Gemeinsam besteigen wir einen naheliegenden Berg und besuchen auf dessen Spitze einen kleinen Tempel. Die Aussicht auf Landschaft und Stadt sind atemberaubend. Wie gerne würde ich doch mal Rotenburg so von oben sehen und das bunte Treiben in den Straßen beobachten, wie ich es hier kann. Eben in solchen Momenten des Innehaltens fällt mir ein um das andere Mal auf, wie schnell doch die Zeit an mir vorbeifliegt.

Nachdem nun auch Halloween hinter uns liegt, dachte ich, dass bis Weihnachten nur noch regulärer Unterricht für mich ansteht. Aber nein, nachdem mir ein Schüler erzählte, dass er die nächste Woche Tests schreibt, erkundige ich mich und erfahre, dass ich vier freie Tage habe. Ich nutze die Gelegenheit und plane auf die Schnelle einen kleinen Urlaub mit meinem Mitfreiwilligen, sodass wir ein kleines Abenteuer erleben können. Ich nutze zum ersten Mal Couchsurfing, eine App für das eigene Handy, über die Nutzer kostenlos ihr Sofa oder auch ein Zimmer für Fremde anbieten. Somit verbringen wir drei Nächte bei einer jungen Chinesin und verbringen mit ihr hoffentlich ein paar schöne Tage in der fünf Stunden entfernten Stadt Guangyuan. Aber dazu dann ein anderes Mal mehr.

• Wer den Freiwilligendienst Weltwärts unterstützen will, meldet sich per E-Mail an aaron.kruse@yahoo.com oder telefonisch bei Vater Niels Kruse unter 0170/2227356. Spender erhalten auf Wunsch eine Spendenbescheinigung.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
 04261 / 72 -430
 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

14.11.2019

Ausbildungsmesse in der Berufsbildenden Schule

12.11.2019

Gelöbnis auf dem Rotenburger Pferdemarkt

12.11.2019

Martinsmarkt Visselhövede

11.11.2019

Martinsmarkt Oyten