Reinhard „Luffy“ Lüdemann beendet nach 46 Jahren seinen Dienst bei der Stadt Rotenburg - Von Dennis Bartz

Abschied ohne große Bühne

Der ehemalige Bürgermeister der Stadt Rotenburg, Detlef Eichinger (links), erkannte das Talent von Reinhard Lüdemann.
 ©Rotenburger Rundschau

Hetzwege. „Für Kultur gibt es keine Kurzarbeit, da gibt es nur an oder aus“, sagt Reinhard „Luffy“ Lüdemann und lässt seinen Blick durch seinen Garten in Hetzwege schweifen – zwischen Bäumen liegt ein kleiner See, dahinter lockt der Blick ins Weite. Für den 62-Jährigen, der seine Karriere der Kultur und dem Sport in Rotenburg gewidmet hat, ist die Absage fast aller Veranstaltungen in diesem Jahr hart. „Es ist schon blöd, wie alles gelaufen ist“, sagt er und meint damit auch seinen persönlichen Abschied nach 46 Jahren.

Notgedrungen musste dafür bislang eine E-Mail an Freunde, Kollegen und Wegbegleiter reichen – denn die große Feier zu seinen Ehren, zu der bereits 120 Gäste zugesagt hatten, musste coronabedingt auf unbestimmte Zeit verschoben werden. „Sobald es wieder möglich ist, werden wir das aber nachholen. So ist es mit Bürgermeister Andreas Weber besprochen“, sagt Lüdemann.

Er ist zum 1. Mai in die Freistellungsphase seiner Altersteilzeit eingetreten, die im Dezember 2021 endet, und Lüdemann sagt über seinen Traumjob als Abteilungsleiter: „Sport und Kultur sind mein Lebenselixier. Ich konnte mich einbringen und habe viele meiner Ideen umsetzen dürfen, das ist ein Geschenk. Rotenburg ist reich an Veranstaltungen. Viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich“, so Lüdemann, der sich immer dafür eingesetzt hat, dass die Stadt beide Bereiche finanziell tatkräftig unterstützt. „Denn wenn die Verwaltung das nicht machen würde, müsste sie die Organisation und Umsetzung selbst übernehmen, und das wäre am Ende viel teurer.“

Während des Lockdowns ist Lüdemann, der Mitglied der Kulturinitiativen in Scheeßel und Schneverdingen ist, noch einmal bewusst geworden, wie sehr er Besuche wie die auf dem Hurricane, das dieses Jahr ausgefallen ist, genießt: „In den Vorjahren war ich immer Tage vorher schon losgeradelt und habe mir angeschaut, wie weit sie mit dem Aufbau sind. Dass das Festival und viele weitere Veranstaltungen im Landkreis ausgefallen sind, macht mir echt zu schaffen, dieses Gefühl von Ausgebremstsein. Ich habe einige Tage meine Hurricane-Shirts angezogen, fast so, also könnte ich damit noch etwas ändern. Mir fehlt die Kultur, die Menschen, Begegnungen und Umarmungen – darauf kann ich nur schwer verzichten.“

Lüdemann, der als eines von sechs Geschwistern aufgewachsen ist, liebt Musik. Schon als Jugendlicher schaltete er sofort das Radio ein, wenn er aus der Schule kam. Mit seinem Programm „Talking ‘bout my Generation” tritt er seit fünf Jahren an der Seite von Bobby Meyer auf – doch coronabedingt mussten auch diese Termine abgesagt werden. Die nächsten Themenabende sind aber bereits in Arbeit: „Etwas über David Bowie zu machen, ist mein Herzenswunsch“, so Lüdemann, der seit 1991 das sportliche und kulturelle Leben Rotenburgs geprägt und nachhaltig verändert hat. Er holte zum Beispiel La Strada nach Rotenburg und entwickelte die Idee für das Kulturbankett.

Bis Lüdemann den Posten als Abteilungsleiter übernahm, war die Stadt nur als Zuschussgeber und nicht als Mitveranstalter aktiv. Aber dann erkannte der ehemalige Bürgermeister Detlef Eichinger, dass Lüdemann für die Sache brannte und die Stadt davon profitieren konnte. „Er wollte, dass in Rotenburg etwas los ist“, erinnert sich Lüdemann, der besonders das große Engagement von Hedda Braunsburger und Bernd Braumüller in dieser Zeit lobt. „Eichinger selbst hatte eine besondere Art, mit Anträgen umzugehen: Für ihn stand nicht im Mittelpunkt, wie etwas verhindert, sondern wie etwas umgesetzt werden kann – das ist in Rotenburg bis heute so erhalten geblieben.“

Dass Lüdemann den Karriereweg in der Verwaltung eingeschlagen hat, hat er seinem „Opa Schule“ zu verdanken, der so hieß, weil dieser Lehrer war. Er riet seinem Enkel 1973 dazu, sich im öffentlichen Dienst zu bewerben. Damals wusste Lüdemann, gerade 15 Jahre alt, gar nicht so genau, was dieser „öffentliche Dienst“ eigentlich genau ist. „Mein Opa gab mir die Adressen vom Landkreis und der Stadt Rotenburg, und um seinen Wunsch zu erfüllen, bewarb ich mich bei beiden. Von der Stadt bekam ich als erstes eine Zusage, wohl auch wegen meines Fußballtalents, also sagte ich zu und Opa Schule freute sich“, erinnert sich Lüdemann, der seine Ausbildung im März 1976 erfolgreich abschloss.

Nach seiner Bundeswehrzeit bei den „Goldöhrchen“, den Horchfunkern, kehrte er zur Stadtverwaltung zurück, wo er in verschiedenen Ämtern eingesetzt wurde, ehe er seiner Berufung folgen konnte und 1991 als Abteilungsleiter ins Haupt-, Schul-, Sport- und Kulturamt wechselte. Es war damals noch eine reine Verwaltungsstelle, doch Lüdemann entwickelte sie in den folgenden Jahren immer weiter und interpretierte sie auf seine Art neu. „Zum Schluss machten die Großveranstaltungen mehr als 50 Prozent aus.“

Ein Höhepunkt seiner Karriere war beispielsweise die 800-Jahr-Feier der Stadt Rotenburg 1995, bei der es im Stadion „In der Ahe“ ein Frauen-A-Länderspiel zwischen Deutschland und China gab. Weitere hochkarätige Begegnungen folgten dort: 2003 das U 19 Frauen-Länderspiel zwischen Deutschland und Kanada, Spiele der U 16 Junioren des DFB gegen Nordirland, Rumänien und zweimal gegen Österreich. Profi-Teams wie West Ham United, der FC Bayern München und der Hamburger SV absolvierten Trainingslager in Rotenburg.

2006 verhalf Lüdemann den Bürgern zu einem ganz eigenen Fußballmärchen, als das Team von Trinidad & Tobago auf sein gemeinsames Werben mit Paul Metternich hin für die Weltmeisterschaft in Deutschland in den Wachtelhof zog und der krasse Außenseiter bis zu seinem Ausscheiden nach der Vorrunde das Leben in Rotenburg auf den Kopf stellte.

„Im April 2004 hatten wir einen WM-Arbeitskreis ins Leben gerufen, in dem Paul zur großen Form aufgelaufen ist und ganztags dafür unterwegs war“, erinnert sich Lüdemann, den Ex-Bürgermeister Eichinger als Anerkennung für seine Verdienste zum „Sportminister“ ernannte. Am 4. Juni 2006 boten 3.000 Rotenburger dem Team aus Trinidad & Tobago einen grandiosen Empfang.

Lüdemann ist auch für viele Großveranstaltungen im Kulturbereich verantwortlich gewesen, für diverse Kulturwochen, das historische Festspiel „Der Meistertrunk“ im September 2004 und das erste Rotenburger Kulturbankett 2008 mit 400 Personen rund um den Stadtstreek, sowie alle darauf folgenden. Sein Engagement bringt ihn seinen zweiten Ehrentitel ein. Die Kulturinitiative kürt ihn zum „Kulturminister“. Und diesen „Posten“ füllt er fortan mit großer Leidenschaft aus, zum Beispiel als Mitinitiator und Mitorganisator des „La Strada – Straßenzirkus unterwegs… in Rotenburg“.

Im Juni 2010 blieben ihm nur wenige Tage Zeit, um den Besuch der „Culture Kids“ aus Trinidad & Tobago zu organisieren. „Es war Zufall, dass sie in Rotenburg Halt machten: Eigentlich wollten sie nach Holland zu einem Wettbewerb, hatten aber das Flugzeug eine Woche zu früh gebucht.“

Der Botschafter des Landes erinnerte sich an die Gastfreundlichkeit der Rotenburger während der Weltmeisterschaft und rief deshalb bei Eichinger an. „Es war eine große Herausforderung, aber ich bin heute froh, dass ich sie mit Heinz Gehnke vom Infobüro zusammen angenommen hatte“, so Lüdemann, der sein Händchen für besondere Veranstaltungen auch beim Klassikkonzert anlässlich „40 Jahre Boat People“ in der Realschule 2018 und im Sommer 2019 als Mitorganisator des 10. „Laut & Draußen“ auf dem Pferdemarkt beweist.

Noch bevor die Corona-Pandemie das kulturelle und sportliche Leben fast vollständig zum Erliegen gebracht hat, organisierte Lüdemann Ende Februar seine letzte Sportlerehrung in der Pestalozzi-Sporthalle. Die Ehrung „Stille Stars“ plant er zwar noch mit, doch der geplante Termin musste abgesagt werden.

Für seinen Ruhestand hat sich Lüdemann vor allem eines vorgenommen: „Ich möchte mehr Zeit für die Sachen haben, die mir wichtig sind. Nicht mehr alles schnell, schnell nebenbei.“ Er möchte Seite an Seite von Bobby Meyer bald wieder zu „Talking ‘bout my Generation“ einladen und endlich Gitarre spielen lernen. „Leider habe ich nicht das unfassbare Talent von Bobby. Für mich wird das stumpfes Lernen, weil mir dafür die Grundbegabung fehlt – aber nun ich habe genug Zeit, um es trotzdem zu schaffen.“

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
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