Pflanzenwurzeln – für Flatterulmen eine Standpunktfrage - Von Christiane Looks

Mal flach, mal tief

Diese mehrstämmige Rotbuche steht in Gnarrenburg. Foto: Joachim Looks
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Gnarrenburg. Wenn der äußere Zustand eines Buches etwas über die Häufigkeit der Nutzung aussagt, dann gibt es ein Büchlein in meinem Regal mit Schätzen aus Kinder- und Jugendzeit, das andere weit hinter sich lässt. Es ist Sibylle von Olfers „Etwas von den Wurzelkindern“.

Dieser 1906 herausgegebene Kinderbuchklassiker beschreibt den Jahreskreislauf – vom Aufwachen der Natur zu Beginn des Frühjahrs, wenn Mutter Erde, begleitet von hilfreichen Käfern, müde Wurzelkinder aufweckt, damit sie als Blumen und Gräser mit Ameisen, Marien- und Hirschkäfern sowie vielen anderen hinausziehen, um im Herbst wieder zurückzukehren zur Mutter, die sie freundlich zum Winterschlaf empfängt. Wimmelbilderbücher, die sich im Verlauf der 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts einer immer größeren Beliebtheit erfreuten, gab es zur Zeit Sibylle von Olfers nicht.

Aber ihre liebevolle, Wimmelbilder-nahe Illustration des Lebens unter und über der Erde begeistert seit über einhundert Jahren nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. Faszinierend, wie detailverliebt die Autorin aus dem bizarren Wurzelwerk von Bäumen und Sträuchern eine heimelige Wohnwelt unter der Erde entstehen lässt, an deren Vielfalt ich mich nie satt sehen konnte.

Im Gegensatz zu vielen Menschen haben Pflanzen zumeist einen festen Standpunkt, weil sie verwurzelt sind. Das gibt Halt und versorgt mit Lebensnotwendigem. Beachtlich, was dabei entstand: 1869 wurde in Ägypten der Suezkanal eröffnet, mit dem der Schifffahrt auf dem Weg nach Asien die Fahrt um Afrika herum erspart blieb. Beim Ausbaggern des Kanals kamen Akazien- und Tamariskenreste zu Tage, deren Pfahlwurzeln mal bis in 30 Meter Tiefe reichten. Zum Vergleich: Mais, gern als vielseitig verwertbare Nutzpflanze eingesetzt, wurzelt nur bis zu anderthalb Meter in den Boden, erreicht dagegen aber pro Pflanze über seitliches Wurzelwerk eine Ausdehnung von rund sechs Quadratmetern. Das Wurzelsystem des Roggens, wegen der Bedeutung dieses Getreides – nachweislich seit dem 6./5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in Deutschland angebaut – sehr gut untersucht, belegt gut sechshundert Quadratmeter Boden und beansprucht dazu sechs Liter Erde. Nicht gerade wenig für eine Pflanze, die aber als Wintergetreide auch bis zu minus 25 Grad auszuhalten vermag.

Verhindern ungünstige Bodenbedingungen, dass Pflanzen Wurzeln ausbilden, mit denen größere Tiefen erreicht werden, sondern diese stattdessen eher in die Fläche wachsen, geht das häufig zu Lasten von Standfestigkeit mit der Folge von zum Teil verheerenden Sturmschäden, die vor allem flachwurzelnde Bäume wie Fichten treffen. Aber auch darauf gibt es Antworten: In tropischen Ländern, wo unter dortigen Bedingungen entsprechend angepasste Baumarten enorme Stammhöhen erreichen, führen Brett- oder Stützwurzeln zu einer besseren Verankerung. Die einzige einheimische Baumart, welche Brettwurzeln ausbilden kann, ist die Flatterulme, Ulmus laevis, der Baum des Jahres 2019. Sie ist zwar ein Tiefwurzler, aber in Feuchtwäldern stabilisiert sie sich zusätzlich durch auffällige Brettwurzeln. So gewappnet steckt sie in Überschwemmungsgebieten längere Überflutungszeiten ohne größere Schäden weg.

Flatterulmen wachsen bei uns vor allem in feuchten Wäldern Mecklenburg-Vorpommerns, Brandenburgs und Groß-Berlins, sowie in den Flusstälern der Donau, am Oberrhein und der Rhein-Main-Ebene. In unserer Region sind sie sehr selten. Trotz dieser ungünstigen Ausgangslage gibt es aber auch hier sehenswerte Bäume mit eindrucksvollen Wurzeln. Ein interessantes Beispiel findet sich in Gnarrenburg auf einem Parkplatz an der Hindenburgstraße 59. Dort wächst eine alte, vielstämmige Rotbuche, die im Laufe der Zeit oberirdische Wurzelausläufer beachtlicher Stärke ausbildete.

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