Natur-Looks: über Sinn und Zweck von Landschaftselementen

Muss das bleiben oder kann das weg?

Großer Auftritt eines Landschaftselements in der Neubauer Heide Foto: Joachim Looks
 ©

Landkreis Rotenburg – Drei Jahrzehnte lang erreichte ich meinen Dienstort in der Mitte Verdens über die Bundesstraße 215, während mein Mann das Glück hatte, seine Arbeitsstelle am südlichen Stadtrand Verdens über Dörfer anfahren zu können – ein bedeutend beschaulicherer Arbeitsweg. Auf diesem Weg konnte lange Jahre ein markanter Einzelbaum in landwirtschaftlicher Fläche beobachtet werden. Wir hatten ihn mal zu jeder Jahreszeit aus immer demselben Blickwinkel abgelichtet, um ein Vier-Jahreszeiten-Bild daraus zusammenzustellen, das zu einem besonderen Anlass verschenkt werden sollte. Jahre nach diesem Projekt lag der Baum eines Tages gefällt am Boden, ehe er vollständig fortgeräumt und sein Standort der Ackerfläche einverleibt wurde.

Als malerische Gestaltungsmittel kamen Bäumen, aber auch Sträuchern im 19. Jahrhundert in bewusst gestalteter Landschaft eine besondere Bedeutung zu, wurden sie doch zielgerichtet zur Blickführung eingesetzt, um Bildabfolgen und Räume durch den Wechsel zwischen Freiflächen und Gehölzen zu schaffen. Es wurde großer Wert darauf gelegt, durch geschickte Pflanzung eine räumliche Tiefe vorzutäuschen, wie es auch in der Malerei vorkommt. Dichte Gehölzgruppen verbargen wenig Ansehnliches, während anderes mithilfe sorgfältig überlegter Durchbrüche in dichtem Pflanzbestand herausgehoben wurde. So gepflanzt glich der Auftritt eines einzeln gestellten Baumes in durchkomponierten Landschaftsszenen dem des Stars im Theater.

Heute werden Landschaften selten nach ästhetischen Gesichtspunkten gestaltet. Entscheidend sind andere Kriterien. Dabei fallen viele natürliche oder einst bewusst angelegte Landschaftselemente wie Einzelbäume, Hecken, Baumreihen, Feldgehölze, Feuchtgebiete und Feldraine großflächig arbeitender Landwirtschaft zum Opfer.

Bei Flurbereinigungen verschwanden manche Feldraine, einst entstanden als Grenzstreifen zwischen Äckern und Fluren, und sie sind bis heute durch Bewirtschaftung höchst gefährdet. Dabei stellen sie als Restbestände linearer Strukturelemente Rückzugsräume für auf Wirtschaftsflächen nicht überlebensfähige Wildpflanzen und wichtige Lebensräume für Niederwild, Vögel und Kleinlebewesen bereit.

Ein mit Gehölzen bewachsener Streifen, selbst wenn er nur zehn Meter lang und fünfzehn Meter breit ist, verhindert nur zu oft rationelles Wirtschaften. Er macht unter modernen Arbeitsbedingungen ökonomisch keinen Sinn. Als Hecke ist sein Wert aber nicht nur ein ästhetischer, Landschaft gliedernder, sondern ein ökologischer, denn Gehölzstreifen schützen nicht nur vor Verwehungen und mindern Bodenaustrocknungen, sondern stellen für Pflanzen und Tiere ebenfalls wichtige Lebensräume dar. Außerdem beugen sie, sinnvoll vernetzt, Artenverlust durch ihre unbedingt erforderliche Trittbausteinfunktion vor. Denn wer als Tier nicht von A nach B gelangt, wird langfristig Schwierigkeiten haben, erfolgreich zu überleben, weil Insellagen zum Problem werden, wenn Vermehrung aus einem zu kleinen Genpool erfolgt.

Erstaunen kommt zumeist auf, dass bereits fünf in einer Reihe von mindestens fünfzig Meter Länge stehende Bäume als schützenwertes Landschaftselement angesehen werden. Hier greift, dass sie als eindeutig von ihrer Umgebung abgrenzbarer Landschaftsbestandteil eine gemeinsame ökologische Funktion für Boden, Wasser und Klima haben. Dies erklärt ihren Schutzstatus als Landschaftselement.

Ähnliches gilt für Feldgehölze. Als Solches wird schon eine fünfzig Quadratmeter große, mit gehölzartigen Pflanzen bestandene Fläche angesehen. Hier greift wie bei der Baumreihe, dass sich betreffende Flächen wegen ihrer einheitlichen Struktur als Gehölz von ihrer Umgebung sichtbar abgrenzen und eine gemeinsame, ökologische Funktion für Boden, Wasser und Klima haben.

Feuchtgebiete sind wichtige Lebensräume für Amphibien und zahlreiche Insekten. Wenn sie wie zahlreiche Tümpel ohne menschliches Zutun entstanden, zählen sie zu natürlichen Landschaftselementen. Da ihr Bestand durch Entwässerungsmaßnahmen auf anliegenden Flächen oft bedroht wird, werden Neuanlagen von entsprechenden Gewässern mit öffentlichen Geldern gefördert. Auf diese Weise entstehen Landschaftsszenarien, bei denen der ökologische Wert im Vordergrund steht, die aber dem im 19. Jahrhundert dominierendem Prinzip des Malerischen bei der Gestaltung von Landschaftsräumen nicht nachstehen.

Neugierig geworden auf einen malerischen Landschaftsraum mit entsprechendem Landschaftselement? Er bietet sich dem neugierigen Auge auf dem Weg von Stuckenborstel nach Ottersberg linksseitig der B 75. Zwischen Bundesstraße und der Wieste, einem Nebenfluss der Wümme, liegt die sogenannte Neubauerheide. Historische Karten weisen sie als ehemals nicht ackerbaulich geprägtes Gebiet aus. Heute gibt es dort Ackerflächen, sie dominieren den Bereich aber nicht. Auf einer Grünlandfläche ungefähr vierhundert Meter hinter dem letzten, rechts gelegenen Haus Stuckenborstels Richtung Ottersberg steht links der Straße in etwa einhundert Meter Entfernung ein wunderbar gewachsener Einzelbaum in der Grünfläche. Es ist eine Stieleiche mit einer großen, kugelförmigen und dicht beasteten Krone, die sich wirkungsvoll von der sie umgebenden Gehölzkulisse abhebt – Neubauerheides Star! Der Baum ist nicht nur als Landschaftselement geschützt, er ist zusätzlich als Naturdenkmal 073 in die Liste der Naturdenkmale im Landkreis Rotenburg (Wümme) eingetragen.

28.02.2021

Landpark Lauenbrück

12.02.2021

Winterlandschaft in Rotenburg

22.12.2020

Weihnachtsbilder

29.10.2020

Herbstfotos der Leser