Melanie Heitmann und Stefan Krallinger reisen mit ihrem Mercedes 190D um die Welt - Von Dennis Bartz

Overlander

Zwischenstopp an der Route 66 u2013 der Mercedes 190D, Baujahr 1990, ist ein rollendes Kunstwerk. Mehr als 600 Unterschriften zieren den Wagen.
 ©Melanie Heitmann

Otterstedt. Die edelsten Duschen gibt es in Kolumbien, das beste Frühstück in Costa Rica und die schönsten Zelte in Portugal – ach, das wussten Sie nicht? Kein Wunder, das steht nämlich so vermutlich in keinem Reiseführer. Denn dieses Insiderwissen über weit entfernte Länder haben Melanie Heitmann aus Otterstedt und Stefan Krallinger aus Salzburg in den vergangenen Jahren gesammelt. Die beiden sind Overlander – seit mehr als dreieinhalb Jahren reisen sie rund um den Globus. Aber nicht etwa in einem modernen Flieger oder in einem schicken Kreuzfahrtschiff – sie legen stattdessen alle Wege mit einem Mercedes 190D zurück, Baujahr 1990. 415.000 Kilometer zeigt der Tacho bereits – und das Ziel Australien, das Heitmann und Krallinger bis Ende 2020 erreichen wollen, ist noch viele tausend Kilometer entfernt.

Im Januar 2015 ist das Pärchen mit ihrer Mission „5c100c“ gestartet. Ihr Ziel: Sie wollen mit ihrem „Benz“, wie sie ihr Fahrzeuge liebevoll nennen, fünf Kontinente (5c – five continents) und 100 Länder (100c – 100 countries) bereisen. Inzwischen haben sie einen Großteil ihrer Reise zurückgelegt. „Wir fahren mit meinem alten Auto einmal um den Erdball und sammeln Unterschriften in allen Kontinenten. Denn wir haben den Eindruck, dass die Welt immer mehr auseinanderdriftet und wollen sie damit ein bisschen vereinen“, sagt Krallinger.

Der Benz, den er ursprünglich für 2.000 Euro erworben hatte, wird zum rollenden Kunstwerk. Weit mehr als 600 Unterschriften zieren das Auto bereits – neben Menschen aus vielen Ländern haben Prominente wie der Magier David Copperfield, Ski-Ass Marcel Hirscher, Youtube-Star Casey Neistat und Milliardär Sir Richard Branson unterschrieben. Noch gibt es zum Glück einige freien Stellen, denn ihr Trip ist noch lange nicht zu Ende.

Erst nachdem sie Australien erreicht haben, ist Schluss. Dann soll der Benz zurück nach Deutschland verschifft und für einen guten Zweck versteigert werden. Krallinger und Heitmann bekommen Unterstützung von Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG. Er hat die beiden bei einem Zwischenstopp in der Heimat persönlich in Stuttgart empfangen. „Das war eine tolle Erfahrung. Er hat sich 15 Minuten Zeit für uns genommen und natürlich auch unterschrieben“, freut sich Heitmann.

Zetsche möchte den beiden helfen, einen Höchstpreis für das einzigartige Fahrzeug zu erzielen. Die gesamten Einnahmen („Wir wollen mindestens 20.000 Euro erzielen“) möchten sie dann an die gemeinnützige Organisation Plan International spenden.

Aber wie kommt man auf die Idee, so einen waghalsigen Trip zu starten? Das sei so etwas wie „eine Schnapsidee“ gewesen, gesteht der 37-jährige Krallinger, der gelernter Hotelkaufmann ist und zuvor zwei Pubs im Salzburger Land geführt hatte. Er war 2011 bei der Charity-Rallye „Dust and Diesel“ gestartet. Mit seinem Fahrzeug reiste er in 14 Tagen bis nach Afrika. „Mir kam der Gedanke: Das müsste man viel größer aufziehen“, erinnert sich Krallinger, der seine Freundin Melanie schnell mit seiner Idee begeistern konnte.

Die Reiseverkehrskauffrau und studierte Tourismuswirtin kündigte ihren gut bezahlten Job sowie ihre Münchner Wohnung und bereitete sich auf den Trip ihres Lebens vor. Impfungen gegen zahlreiche Krankheiten und das Beantragen von Visa bestimmten fortan ihren Alltag. Außerdem galt es, Freunde und Familie von dem gemeinsamen Plan zu überzeugen: Einige erklärte den für verrückt, andere waren sofort begeistert. Heitmanns Vater Bernd erinnert sich, dass besonders der Start hart gewesen sei: „Die Angst, dass etwas passieren könnte, war bei uns sehr groß. Inzwischen machen wir uns weniger Sorgen. Die beiden machen das toll.“

Mit 15.000 Euro starteten Heitmann und Krallinger im Januar 2015 in ihr Abenteuer. Sie merkten jedoch schnell, dass sie davon nicht lange leben könnten. Es dauerte vier Wochen, bis der Benz mitsamt „Haus“, einem Anhänger mit Zeltaufbau, von Hamburg aus nach Südamerika verschifft war. Solange mussten die beiden täglich ihre Unterkunft bezahlen und Essen organisieren – denn selbst kochen war bis dahin nicht möglich. „Für zwei Personen summiert sich das sehr schnell“, erinnert sich Heitmann. Aber dann konnte es endlich losgehen.

Der erste Teil ihrer Reise dauerte 18 Monate. Von Südamerika fuhren die beiden über Nord- und Mittelamerika nach Alaska, weiter durch den Yellowstone-Nationalpark bis zur Ostküste der USA und erreichten schließlich Kanada, ehe sie über Florida New York ansteuerten. „Wir waren bis dahin keinen Tag zu Hause“, so Heitmann. In der Zwischenzeit hatten die beiden gelernt, mit wenig Geld auszukommen, erinnert sich Krallinger: „Für uns drei – den Benz, Melanie und mich – brauchen wir nur etwa 1.000 Euro pro Monat.“

Das Ersparte wäre dennoch schnell verbraucht gewesen. Also mussten Krallinger und Heitmann für zusätzliche Einnahmen sorgen. Sie starteten damit, professionelle Fotos und später auch Videos mit einer Drohne zu machen. Potenzielle Auftraggeber sind Campingplätze und Hotels. Kein schnell verdientes Geld, denn die Akquise ist aufwendiger als gedacht: „Für einen Auftrag schreiben wir etwa 200 Adresse an“, berichtet Krallinger. Zusätzlich unterstützen Sponsoren das Paar. Das dritte Standbein sind Einnahmen aus der Vermietung von Krallingers Wohnung in Salzburg über den Anbieter Airbnb. Inzwischen gelingt es ihnen damit sogar, etwas anzusparen.

Die Entscheidung für den Benz mit Zelt-Anhänger sei goldrichtig gewesen, betonen die beiden, die bereits viele Overlander mit Bulli getroffen haben. Ihr Vorteil: Sie haben mehr Platz. Nach nur fünf Minuten steht die 16 Quadratmeter große Behausung, die sogar etwas Luxus bietet: zwei Schlafkabinen, Küche und sogar ein Sofa. „Wenn wir länger als eine Nacht an einem Ort bleiben, machen wir es uns darin so richtig gemütlich und stellen sogar Kerzen und ein wenig Deko auf“, so Heitmann.

„Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“ sagt ein Sprichwort. Das gilt natürlich auch für die beiden Abenteurer, die unter anderem im April 2015 einen Vulkanausbruch in Pucòn, Chile, erlebten. „Da wurde es tagelang nicht hell und feine Asche legte sich zentimeterdick überall ab. Es dauerte Wochen, bis alles wieder sauber war“, erinnert sich Krallinger.

Er sitzt die meiste Zeit am Steuer des Benz. Seine Freundin schreibt derweil E-Mails, verfasst Beiträge für die Facebook-Seite und plant Routen.

Das Surfen im Internet sei zum Glück fast überall auf der Welt möglich, wissen die beiden aus Erfahrung – nur in Deutschland gebe es viele Probleme. „Wir waren irgendwo im Nirgendwo in Polen, in der Sahara und in Nicaragua mobil. Aber als wir nur ein paar Kilometer außerhalb von Berlin unterwegs waren, konnten wir nicht einmal simple E-Mails versenden. Da hinken wir weit hinterher.“

In besonderer Erinnerung bleibt den beiden der 25. September 2015. Damals besuchten sie das Patenkind von Krallinger, den elfjährigen Yanpir, der in einem Dorf in der Nähe von Pirua in Peru lebt. „Der Bürgermeister hat uns dort wie Staatsgäste empfangen. 400 Kinder hatten sich versammelt, haben getanzt und ein Theaterstück extra für uns aufgeführt. Das war beeindruckend.“

Besonders gut gefallen hat es ihnen auch in Kolumbien. „Die Menschen dort sind unglaublich freundlich und hilfsbereit.“ Als der Benz eine Panne hatte, hielten sie bei einem Tante-Emma-Laden, um dort ein Ersatzteil zu kaufen. „Plötzlich sah ich, wie zwei Männer an unserem Benz herumschraubten. Natürlich bin ich wütend aus dem Geschäft gestürmt. Aber dann habe ich bemerkt, dass sie den Wagen reparierten. Sie haben dafür einen Wasserschlauch aus ihrem eigenen Auto aus- und bei uns eingebaut. Sie wollten dafür nicht einmal Geld haben“, staunt Krallinger. Viermal sei es in Kolumbien zu ähnlichen Situationen gekommen.

Also alles ein großes spaßiges Abenteuer? Nicht ganz. Denn es gibt auch Schattenseiten. Krallinger: „Es ist beispielsweise sehr stressig, weil wir sehr viele Dinge zur selben Zeit erledigen müssen. Außerdem fehlt uns oft ein geregelter Ablauf. Jeder Tag ist anders und voller toller neuer Eindrücke.“ „Das klingt erst einmal gut. Aber das kann einem auch zu viel werden, weil die Zeit zum Verarbeiten fehlt“, ergänzt Heitmann. Was wie Urlaub klingt, bedeute zudem viel Arbeit: „Wir müssen nebenbei Wäsche waschen, Visa organisieren und Videos produzieren“, erklärt Krallinger.

Das Kochen komme dabei oft zu kurz. Die Lösung: Fast Food. „Wir haben McDonalds-Restaurants in fast allen Ländern getestet“, lacht Heitmann. „Zum Glück schmeckt der Hamburger überall gleich.“

Die Versorgung mit Ärzten sei zudem nicht überall optimal. „Wir gehen deshalb zum Zahnarzt, wenn wir zwischendurch in Deutschland sind. Zum Glück werden wir ansonsten selten krank“, freut sich Krallinger. Einmal hatte es seine Freundin aber doch erwischt. Noch bevor der Zika-Virus hierzulande bekannt war, war die Otterstedterin daran erkrankt.

Dreimal wurden die beiden zudem Opfer von Kriminalität. In Bolivien gerieten sie an einen korrupten Polizisten, der statt umgerechnet 50 Cent satte 20 Euro Maut von ihnen verlangte. Sie zahlten und erhielten dafür sogar noch seine Unterschrift auf ihrem Benz. Dazu wie bei jeder Unterschrift als Erinnerung ein gemeinsames Foto.

Zu den nächtlichen tierischen „Einbrechern“ wie Hunden, Schildkröten in Peru und einer Vogelspinne in Ecuador gesellte sich ein unerwünschter menschlicher „Gast“: „Ich bin von Geräuschen wach geworden und sofort aus der Kabine gestürzt. Da war der Dieb aber bereits geflüchtet.“

In Santiago de Chile schlugen Kriminelle eine Scheibe des in einer noblen Wohngegend abgestellten Benz ein und ließen viele Sachen mitgehen. „Unsere teure Kamera war weg, sogar Unterwäsche und unsere Zahnbürsten hatten sie mitgenommen.“ Die Tat war den Nationalnachrichten von Chile einen langen Beitrag wert. In den darauffolgenden Tagen wurden die beiden mit ihrem auffälligen Gefährt überall erkannt.

Nach einem kurzen Zwischenstopp in Otterstedt vor ein paar Wochen setzen die beiden Abenteurer ihre Fahrt fort. „Wir sind über Polen, Litauen und Lettland bis nach Moskau gefahren. Von dort ging es in vier Tagen über 4.000 Kilometer durch Sibirien nach Nowosibirsk weiter ins wunderschöne Altai Gebirge. Inzwischen sind wir in der Mongolei angekommen“, berichten die beiden gut gelaunt in einer Whatsapp-Nachricht an die Rundschau.

Sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Stück auf engstem Raum zusammen – ist da nicht schlechte Stimmung vorprogrammiert? „Natürlich streiten wir uns auch mal, besonders wenn die Hitze an den Nerven zerrt. Unser Benz hat schließlich keine Klimaanlage. Aber dann reden wir in Ruhe darüber. Wir haben schließlich gar keine andere Wahl, als uns zu vertragen. Denn aus dem Weg gehen können wir uns ja nicht“, lacht Heitmann.

• Wer die weiteren Stationen der Weltreise verfolgen will, abonniert die Facebook-Seite www.facebook.com/stefan5c100c.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
 04261 / 72 -430
 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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