Mehr als nur Spazierengehen: Achtsames Wandern lenkt den Blick auf das Wesentliche - Von Nina Baucke

Mit Wald und Wolke

Der Blick ins Grüne allein sorgt im Wald schon für Entspannung. Und es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Und auch einmal hinzuhören. Fotos: Nina Baucke
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Rotenburg. Wie aus weiter Ferne ist der überhaupt nicht weit entfernte Verkehr auf der Rotenburger Ärztekreuzung zu hören. Denn in das Geräusch der Motoren mischen sich jetzt Vogelstimmen, eine, zwei, immer mehr drängen den Zivilisationskrach in den Hintergrund. Obwohl sie ja eigentlich nicht lauter sind – denn am Ende ist es nur die Frage, worauf sich der persönliche Fokus richtet. Im dritten Teil der Rundschau-Serie „Dör’t Moor Schnack“ dreht sich alles um eine besondere Art, in der Natur unterwegs zu sein: dem achtsamen Wandern – in diesem Fall im Ahewald in Rotenburg.

Höher, schneller, weiter – Ines Stein aus Scheeßel hatte irgendwann genug davon: „Da war dieses Hamsterrad, tagtägliche Anforderungen, die Familie. Es war soviel, dass irgendwann klar war: Ich brauche mal einen Ruhepol. Selbst beim Fahrradfahren habe ich oft auf die Uhr geguckt – wie schnell war ich, wieviel habe ich geschafft?“, sagt sie. Bis es bei der Architektin Klick macht: „Ich habe festgestellt, wenn ich bewusst in die Natur gehe, kann ich vielmehr entdecken. Das tut körperlich, aber auch seelisch gut. Und ich wusste: Das möchte ich weitergeben.“ An der Sebastian-Kneipp-Akademie im Allgäu absolviert sie eine Schulung zur Erlebniswanderleiterin – und stößt dabei auf das Thema „Achtsames Wandern“. „An sich kann das jeder jeden Tag machen, das ist das Schöne daran“, sagt Stein, die Mitglied im Kneipp-Verein ist und dort sowie an der Volkshochschule entsprechende Kurse gibt. „Aber nicht jeder bekommt das so ohne Weiteres hin, und da gebe ich den Impuls. Und dafür muss man nicht in die Alpen, das geht auch im Scheeßeler Holz oder im Ahewald.“

Achtsames Wandern – das bedeutet, bewusster zu wandern. Beobachten, wie auf heimischen, bekannten Routen sich im Laufe der Jahreszeiten jeden Tag etwas verändert, wie sich im Frühling an den Zweigen Knospen entwickeln und mit den Tagen und Wochen aus den Knospen Blätter und Blüten. „Aber Achtsamkeit heißt noch mehr“, weiß Stein. „Es geht darum, wahrzunehmen, was man gerade macht und nicht mit tausend anderen Dingen im Kopf beschäftigt zu sein. Nicht beim Laufen schon an den Schreibtisch zu Hause denken, sondern: Hier ist der Weg, auf dem ich gerade gehe, gepflastert, hier geht es in den Wald, der Boden wird weicher.“ Das hört sich zwar einfach an, ist es allerdings nicht, dafür gibt es im Alltag zu viele Ablenkungen, viele Gedanken im Kopf. Das aktuelle Tun in den Mittelpunkt stellen – dabei helfen auch die Markierungen, beispielsweise auf dem Nordpfad, auf die die Wanderer achten müssen.

Sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, die fünf Sinne in Gang zu bringen – dafür gibt es beim achtsamen Wandern entsprechende Übungen, die Ines Stein mit den Teilnehmern ihrer Kurse macht. Schon die erste ist eine Herausforderung: Fokussieren, Geräusche, die an den Alltag erinnern und vielleicht auch etwas Störendes haben, ausblenden und sich auf andere Klänge konzentrieren – wie die Vogelstimmen. „Einfach mal hinhören: Wieviele unterschiedliche Vogelstimmen sind es, woher kommen sie – über mir, hinter mir, vor mir? Nah dran oder weiter weg?“, rät Stein. „Einen Ort hören“ heißt die Übung. „Wir lenken unsere Aufmerksamkeit weg von dem, was uns ärgert, hin zum Positiven“, so Stein. „Das sieht man am Beispiel des Nordpfads ,Wümme und Varelrer Heide‘: Einige stören sich an der Straße, die mit zur Route gehört. Klar stört sie, aber es gibt positive Dinge, auf die ich die Aufmerksamkeit lenken kann – die Natur, die Heide, die Wümmewiesen. Das ist eine Einstellungsfrage.“ Aber nicht nur Geräusche spielen eine Rolle, sondern auch das, was das Auge sieht. „Der Blick ins Grüne hilft dabei. Gerade hier im Ahewald gibt es schöne Bäume, das Sonnenlicht, wie es durch die Bäume fällt, wie es auf Blätter und Tannennadeln trifft, die Bewegung der Zweige im Licht, wenn etwas Wind aufkommt. Oder die Sonnenstrahlen durch den Nebel scheinen. Wolken zu beobachten – am Himmel wie auch ihre Spiegelungen auf der Oberfläche von Gewässern.“ Nebel hat dieser Tage eher wenig zu bieten, „aber manche Übungen kann man nunmal nicht planen“, erklärt die Scheeßelerin mit einem Lachen. „Wenn andere Gedanken im Kopf auftauchen: wegschieben!“

Ein Hilfsmittel aus ihrer Sicht ist die Fotografie. „Ich suche ja bewusst ein Motiv und den besten Bildausschnitt, und das ist eine gute Art und Weise, sich auf die unmittelbare Umgebung zu konzentrieren“, sagt Stein. Wie mit dem Sehen ist es auch mit dem Riechen: „Es hilft, die Waldluft tief einzuatmen, den Duft von frischem Holz, nasser Erde und gemähtem Gras wahrzunehmen.“ Zwei Sekunden in die Nase einatmen, vier Sekunden durch den Mund ausatmen, macht sie vor.

Eine weitere Übung hat es in sich: achtsames Gehen. Und das fordert ziemlich die Konzentration heraus, denn es geht darum, den hinteren Fuß erst zum nächsten Schritt anzuheben, wenn der vordere komplett abgerollt ist. „Ich bin ganz bei dem einen Schritt, überlege bewusst, wann ich den anderen Fuß anhebe. Das ist allerdings in Wanderschuhen etwas schwierig, barfuß oder auf Socken geht das besser“, sagt die Erlebniswanderleiterin. „Das tut zum Beispiel auf Wiesen sehr gut. Denn da kommt zu der Konzentration noch das sinnliche Erleben dazu: Wie fühlt sich das Gras unter der Fußsohle an?“ Ines Stein nennt es „Bodyscan“: „Man unternimmt eine Körperreise: Wie spüre ich meine Fußsohlen, wie stehe ich auf dem Waldboden – locker oder verkrampft, und wie fühlt sich der Wind an den Fingerspitzen an?“

Auf einer Bank breitet sie ein paar Stücke Traubenzucker, ein Hustenbonbon mit Zitronengeschmack und eine kleine Kanne mit Espresso aus. „Espresso gehört für mich mittlerweile zum Wandern dazu“, erklärt sie mit einem Lachen. „Das ist für mich hier draußen im Wald ein Luxus, den ich bewusst genieße.“ Das Getränk und die Bonbons hängen mit einer weiteren Übung zusammen, die das Schmecken auf die Probe stellen. „Wir nehmen an der frischen Luft, nach körperlicher Aktivität Geschmack anders und bewusster wahr – weil wir uns hier draußen darauf konzentrieren. Wir haben Zeit dafür, genauso, wie für das Tortenstück bei der Einkehr zum Ende der Tour.“

Was allerdings auch zum achtsamen Wandern gehört: „Immer seinen eigenen Müll wieder mitzunehmen“, betont Stein. „Was vorher in den Rucksack hineingepasst hat, passt auch danach wieder hinein – das gilt für den Tetrapak als auch für die Bananenschale.“

Egal, ob Hören, Sehen, Fühlen, Schmecken oder Riechen: „Achtsames Wandern hat zweierlei Auswirkungen auf den Körper, physisch und psychisch. Beides gehört dabei zusammen“, erklärt Stein. „Denn das, was wir mit den Sinnen aufnehmen, sendet Signale in unserem Körper aus, was dafür sorgt, dass der Blutdruck sinkt und das Herz-Kreislauf-System erstarkt. Überhaupt ist Wandern gut für das Immunsystem, es ist ein ganzheitlicher Sport, bei dem alle Muskelgruppen beansprucht werden, die Blutzirkulation in Gang kommt und es den Schlaf fördert.“ Mit den Übungen will Stein bei den Wanderungen lediglich kleine Impulse geben, hinzuschauen und zu entdecken. „Manche haben Schwierigkeiten, sich darauf einzulassen, aber je häufiger man das macht, umso besser. Es hilft, zur Ruhe zu kommen, bei sich und in der Natur zu sein“, betont sie. „Das ist wie ein Tag Urlaub.“ Und das gilt auch für den ständigen Begleiter, den fast jeder mittlerweile in der Jackentasche hat: „Handy auf stumm schalten und in den Rucksack packen“, rät Stein. Passt schon, denn zum Waldboden fühlen, Vogelstimmen lauschen und Wolken beobachten ist es sowieso unnötig.

Mehr Informationen, auch zum Wettbewerb „Deutschlands schönster Wanderweg“, bei dem der Nordpfad „Dör't Moor“ zur Wahl steht, gibt es auf der Internetseite www.nordpfade.de, bei facebook und bei Instagram.

Autor

Nina Baucke Nina Baucke
 04261 / 72 -433
 nina.baucke@rotenburger-rundschau.de

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