Leserin Alexandra Gossen lernt die Arbeit der Wildtierstation am Westermoor kennen - Von Dennis Bartz

Happy End für Pünktchen

"Die Fütterung eines Rehkitzes ist aufwendig", sagt Regina Buchhop von der Wildtierstation. Foto: Heike Ziener
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Rotenburg. Wer Rehe in freier Wildbahn beobachten will, der braucht ein wenig Glück und benutzt dazu am besten ein professionelles Fernglas. Denn die scheuen Wildtiere sind vorsichtig und halten Abstand zum Menschen. Aber was ist, wenn ein knopfäugiges Rehkitz scheinbar Kontakt sucht und Hilfe braucht? Eingreifen oder nicht? Vor dieser schweren Entscheidung stand kürzlich Alexandra Gossen aus Rotenburg. Die Tierfreundin entschied sich dazu, zu handeln. Damit andere Menschen wissen, wie sie sich in einer solchen Situation verhalten sollten, erzählt sie ihre Geschichte in der Rundschau.

„Ich hatte festgestellt, dass ich keine Eier für das Frühstück am nächsten Morgen hatte und fuhr deshalb von Rotenburg aus mit dem Fahrrad zu einem Bauernhof nach Wohlsdorf. Der Weg zurück durch die Felder und den Wald ist sehr schön, und so entschied ich mich, einige Kilometer Umweg zu fahren und das schöne Wetter zu genießen. Vor mir lag ein holpriges Stück Weg die Brockeler Straße entlang. Ich bremste etwas ab und hörte plötzlich ein Geräusch, das wie ein Weinen klang. Ich stieg ab, schaute genau hin, und da sah ich es: Auf langen zittrigen Beinchen stand ein Rehkitz nur einen Meter vom Weg entfernt. Es war sehr klein, hatte süße Punkte auf dem Rücken, schwarze unglückliche Rehäuglein, große Ohren und es schrie. Es schrie so herzzerreißend und verloren, dass ich nicht einfach weiterfahren konnte“, beschreibt es Gossen, die als Großstadtkind wenig Erfahrung mit der Natur auf dem Land hat.
Gossen wartete am Straßenrand und schaute nach der Ricke, konnte sie aber nicht entdecken. „Das Rehkitz schrie weiter. Es sah schwach und hungrig aus. Ich hatte das Gefühl, dass es jeden Moment umkippen könnte. Das weckte meine Muttergefühle. Ich zog mir Handschuhe über und nahm es in die Hand. Es drückte sich dabei fest an mich und hörte sofort auf zu schreien und zu zittern. Ein unbeschreibliches Gefühl. Da war so viel Vertrauen.“
Zwei Frauen, die zufällig vorbeikamen, halfen Gossen dabei, das Rehkitz in eine Tasche und darin in den vorderen Fahrradkorb zu legen. „Das Kleine machte es sich darin gemütlich und war ganz still“, so Gossen, die sich mit dieser ungewöhnlichen Fracht an Bord vorsichtig auf den Weg nach Hause machte.
Dort angekommen wickelte sie das Tier in ein Handtuch und legte es in einen Karton auf dem Balkon. „Das Rehkitz war mucksmäuschenstill und schlief ganz süß und ruhig. Ich nutzte den Moment, ging in den Supermarkt und kaufte etwas Babynahrung und eine Babyflasche. Aber davon wollte es nichts zu sich nehmen“, beschreibt Gossen. Weil sie sich Sorgen machte, fragte sie ihre Tochter in Bremen um Rat.
Diese gab ihr die Nummer von der Wildtierstation am Westermoor in Unterstedt. Dort meldete sich Regina Buchhop, die ihr deutlich machte, dass sie sich falsch verhalten hatte: „Das erste, was ich am Telefon hörte, war: ,Sie haben der Mutter ihr Kind geklaut.‘ Da war ich natürlich zunächst sprachlos und überrascht. Ich erzählte ihr meine Geschichte und schlug vor, das Kleine zu ihr zu bringen. Inzwischen war es 23 Uhr.“
Buchhop schaute sich das Rehkitz an und gab Entwarnung: „Es war putzmunter und gut ernährt. Ich vermute, dass es nur Langweile hatte und alleine die Gegend erkunden wollte. Ricken lassen ihre Kitze oft stundenlang alleine. Sonst sind sie aber sehr fürsorglich und vorsichtig. Wenn sie Zwillinge haben, legen sie diese an verschiedenen Stellen ab, um die Chance zu erhören, dass zumindest eines überlebt, falls das andere gerissen wird.“
Buchhop und Gossen machten sich zusammen auf den Weg, um das Rehkitz an der Stelle wieder auszusetzen, an der es die besorgte Tierfreundin zuvor aufgelesen hatte. Unterwegs erzählte ihr Buchhop viel Wissenswertes über das Leben eines Rehes – und den Umgang damit. „Die beste erste Hilfe ist immer: Finger weg und mit einer Wildtierstation telefonieren. Das gilt nicht nur für Rehe, sondern für alle Wildtiere. Meine Kollegen und ich schauen uns das Tier an und entscheiden danach, was am besten für das Tier ist“, erklärte Buchhop.
Ein Rehkitz mitzunehmen sei streng genommen sogar eine Straftat: „Das ist Wilddieberei. Das Tier gehört dem Jagdpächter. Auch ich darf nicht einfach so ein Tier mitnehmen. Meine Zusammenarbeit mit der Jägerschaft im Kreis ist aber sehr vertrauensvoll. Letztes Jahr habe ich fünf Rehkitze groß gezogen.“
Die Aufgabe liegt der erfahrenen Expertin am Herzen. „Aber sie ist auch sehr aufwendig. Rehe sind Wiederkäuer, die sehr empfindlich auf die Fütterung reagieren. Leider geben sogar Tierärzte nicht immer die richtigen Tipps. In einem Fall haben Bürger einem Rehkitz auf Anraten des Arztes Kuhmilch verdünnt mit Schlagsahne verabreicht. Das Ergebnis war ein lebensgefährlicher Durchfall.“
Nichts tun ist häufig die beste Entscheidung: Das gelte auch für Jungvögel, die Tierfreunde oft leichtfertig und aus dem falschen Glauben, damit etwas Gutes zu tun, einfangen. „Vögel sind nicht sofort Flugkünstler, wenn sie das Nest verlassen und brauchen ein paar Tage, in denen sie üben. Das ist ganz normal. Sie werden von ihren Eltern aber weiterhin gefüttert“, betont Buchhop, die über die häufigsten Fehler aufklärt: „Auf keinen Fall sollten Menschen einem Küken Wasser in den offenen Schnabel träufeln. Denn dann ist vorprogrammiert, dass das Tier erstickt, weil bei offenem Schnabel die Luftröhre frei liegt.“ Bei der Fütterung von Küken werden demnach immer wieder dieselben Fehler gemacht, warnt Buchhop: „Viele Menschen geben den Tieren Mehlwürmer zu fressen und wissen nicht, dass zuvor der Kopf abgetrennt werden muss. Die Würmer können das Küken im Magen verletzen.“
Ungeeignet sind demnach auch Regenwürmer, betont Buchhop: „Sie sind das Schlimmste, was man einem Jungvogel anbieten kann. Würmer haben oft Parasiten im Darm. Die Eltern schütteln diese heraus, bevor sie ihre Küken füttern. Deshalb kann man hin und wieder bebachten, wie Vögel Regenwürmer auf den Boden schlagen.“
Für das Rehkitz von Alexandra Gossen gab es ein Happy End, weil sich die Rotenburgerin rechtzeitig Hilfe bei Buchhop geholt hatte. Die Expertin rieb das Rehkitz kräftig mit Gras ab, damit es nicht nach Mensch riecht, und ließ es dann frei. Das Rehkitz rannte zielstrebig in den Wald. Dann war es still. „Wichtig ist es dabei, das Gras mitzunehmen, weil es den menschlichen Geruch angenommen hat“, betont Buchhop.
Nachts um drei Uhr machte sie sich noch einmal auf den Weg, um nach dem Rehkitz zu schauen. „Da war es aber nicht mehr zu sehen. Ich habe nur eine Ricke entdecken können, die bestimmt froh war, ihr Kitz wieder bei sich zu haben.“
Für Gossen war es ein unvergesslicher Abend: „Ich habe dieser wunderbaren Frau für ihre gute Tat und wichtige Arbeit vom ganzen Herzen gedankt. Es ist schade, dass wir die Natur und die Tiere um uns herum oft nicht besser kennen. Ich freue mich über die Begegnung und mein neues Wissen.“

• Die Wildtierstation ist auf Spenden angewiesen. Wegen der Coronapandemie konnten zunächst geplante Spenden-Veranstaltungen wie der Flohmarkt und ein Basar nicht stattfinden. „Wir freuen uns über Walnüsse und Haselnüsse sowie Royal Canin Hundewelpenmilch. Außerdem brauchen wir noch ein funktionstüchtiges Kinderreisebett“, zählt Buchhop auf. Sie ist unter Telefon 04269/5886 erreichbar. Dort können sich auch Handwerker melden, die dabei helfen wollen, ein Hüttendach neu zu decken. Finanzielle Spenden gehen an die Wildtierstation am Westermoor, Sparkasse Rotenburg-Osterholz, IBAN DE75 2415 1235 0075 4271 38, BIC BRLADE21ROB oder an https://paypal.me/wildtierstation.
• Wer Fragen zu Igeln hat, meldet sich bei der Igelpflege Rotenburg. Vorsitzende Merwel Otto-Link ist telefonisch unter 01522/2846488 erreichbar. Weitere Infos gibt es auf der Facebook-Seite des Vereins.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
 04261 / 72 -430
 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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