Landwirte sehen Existenz bedroht und erhoffen sich Rückhalt von der Politik - VON DENNIS BARTZ

„Sind es leid, ständig Dresche zu kriegen“

Sprechen über die Sorgen der Landwirte in der Region: Cord Meyer (l.) und Henning Poppe. Foto: Bartz
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Waffensen – „Wir wollen nicht klagen“, sagt Cord Meyer von Klangens Hof in Höperhöfen. 200 Schweine, 400 Hähnchen und 800 Hühner leben dort – „ein wenig wie in Bullerbü“, sagt er. Doch das Bilderbuch-Idyll sei stark gefährdet, nicht nur in seinem Betrieb – die gesamte Branche leide unter der aktuellen Situation. Die Lage der Landwirte sei ernst. So ernst, dass einige um ihre Existenz bangen, viele andere bereits aufgegeben hätten. „Die Landwirtschaft wird hierzulande immer mehr abgehängt“, kritisiert Meyer.

Dieser Meinung ist auch Henning Poppe vom Poppe-Hof in Waffensen: „Wir wollen retten, was noch zu retten ist“, beschreibt dieser die Stimmungslage. Auch Henning Poppe leitet einen Familienbetrieb, „einen der kleinsten konventionellen im gesamten Landkreis“, wie er sagt: mit 250 Sauen, 1.000 Mastschweineplätzen und 22 .000 Hähnchen. Die Redaktion trifft die beiden Landwirte im Mehrgenerationenhaus Worthmanns Hoff in Waffensen. Sie sprechen dort über die Folgen der Afrikanischen Schweinepest (ASP) sowie der Pandemie und fordern mehr Rückendeckung von der Politik.

„Wenn man für längere Zeit den notwendigen Deckungsbeitrag nicht erwirtschaftet, dann kann man seine Arbeit auch gleich lassen“, erklärt Cord Meyer. Er habe insgesamt zwar 2. 000 Schweinemastplätze, doch die meisten seien unbelegt. Er setze stattdessen vermehrt auf Weideschweinehaltung und produziere nur noch das, was er selbst verarbeiten und vermarkten könne – er betreibt Regioboxen in Hellwege, Sottrum und Höperhöfen, bietet seine Waren auf drei Wochenmärkten an und beliefert Schlachter. Wie lange noch, das weiß er nicht: „Derzeit geht eine Branche den Bach runter und irgendwann ist das Geschrei groß, wenn es kein hiesiges Schweinefleisch mehr zu kaufen gibt“, warnt Cord Meyer.

Auch Henning Poppe reduziert notgedrungen seinen Tierbestand: „Er schrumpft gerade in sich zusammen.“ Eine andere Wahl habe er nicht: „Wir haben Kosten in Höhe von 56 Euro pro Ferkel – pro Tier machen wir beim Verkauf einen Verlust von etwa 20 Euro. Bei 9.000 Ferkeln pro Jahr sind das 180.000 Euro. Das ist auf Dauer nicht machbar. Wir produzieren nur noch so viele Ferkel, wie wir selbst aufziehen können“, so Poppe.

Er kritisiert, dass es dem Verbraucher im Supermarkt mit unklarer Kennzeichnung unnötig schwer gemacht werde. Der Kunde entscheide sich zwar lieber für hiesiges Fleisch, der Hinweis „Hergestellt in Deutschland“ sage aber nichts darüber aus, woher die Tiere kommen. „In den örtlichen Verkaufswagen ist das anders, weil sie den Landwirt kennen und ihm vertrauen. Wir achten auf das Tierwohl und werden regelmäßig vom Veterinäramt kontrolliert“, betont Poppe.

Sein Betrieb sei an den Schlachthof in Loxstedt angeschlossen – dieser setze bei der Herkunft auf fünfmal Niedersachsen: Die Schweine seien hier geboren, aufgezogen, gemästet und geschlachtet worden, sie hätten außerdem Futter aus Niedersachsen bekommen. „Wir hoffen darauf, dass der Lebensmitteleinzelhandel dafür irgendwann entsprechend bezahlt – noch ist das leider nicht der Fall“, so Poppe. Es sei zwar eine Preisanpassung bis Ende des Jahres angekündigt, „allerdings nur im Frischfleischbereich, an der Bedientheke und im Vakuum-SB-Bereich. Das macht nur 35 Prozent des Marktes aus.“

Die beiden Landwirte kritisieren außerdem, dass sie mit billig produzierter Ware aus Übersee konkurrieren müssten. „Das muss dann aber bitte auch entsprechend deklariert werden“, findet Cord Meyer, der betont, dass große Mengen Schweinefilet importiert würden, weil der Bedarf allein mit heimischen Tieren nicht mehr gedeckt werden könne. „Wir essen pro Jahr die Filets von 140 Millionen Schweinen in Deutschland, haben aber nur 28 bis 30 Millionen Tiere. Alle reden von ,Nose to Tail‘, also von der Verarbeitung des gesamten Tieres, aber der Speiseplan sieht das nicht vor. In Asien sind Ringelschwänze und Schnuten eine Delikatesse“, so Meyer weiter.

Die mögliche Selbstversorgung in Deutschland mit Schweinefleisch liege zwar auf dem Papier bei 112 Prozent, in die Gesamterzeugung werde aber das gesamte Schwein eingerechnet. Das, was nicht gefragt sei, werde gerne dorthin exportiert, wo die Lohnkosten niedrig und der Absatzmarkt groß sei.

Doch auch dies sei derzeit schwierig: Denn wegen der Schweinepest seien die Exportmärkte weitgehend geschlossen. Auch hierzulande werden die Landwirte ihre „Reste vom Schwein“ jedoch schwer los, denn: „Es wird Verarbeitungsware aus dem Ausland zugekauft, weil das billiger ist“, so Cord Meyer.

Umso wichtiger sei es, dass Verbraucher mehr darüber aufgeklärt würden, was ihnen im Supermarkt-Regal angeboten wird: Wer an chilenisches Schweinefilet denkt, der stelle sich große Weideflächen vor, auf denen die Tiere frei laufen könnten. Doch die Realität sehe anders aus: „Chile ist in den vergangenen Jahren zum fünftgrößten Schweineproduzenten weltweit avanciert. Der größte Schweinehalter Chiles hält 2,3 Millionen Schweine an nur einem Standort – und mit diesem Filet sollen wir dann im Wettbewerb mithalten und zulasten der Produktivität auch noch am Tierwohl schrauben. Das ist völlig unmöglich“, so Cord Meyer, der sagt: „Hier hätte kein Landwirt 10.000 Schweine oder mehr, wenn er mit 3.000 Schweinen seine Familie ernähren könnte.“

Die Bemühungen, die Situation zu verbessern, gestalte sich für Landwirte schwierig, betonen Cord Meyer und Henning Poppe. Der Agrardialog des Bauernverbands habe im vergangenen Jahr nicht den gewünschten Erfolg gezeigt, unter anderem, weil auch der Lebensmitteleinzelhandel und der Milchindustrieverband daran mitgewirkt hätten. „Und dann ist es für den Bauernverband schwer, Partei für ihr eigenes Klientel zu ergreifen“, so Meyer, der sich Unterstützung von der Politik wünscht. „Freihandelsabkommen ohne Leitplanken gehen auf Kosten der hiesigen Landwirtschaft. Sie stirbt dann still und langsam. Ich führe bereits den letzten Betrieb im Dorf.“

Die ehemalige Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner (CDU), habe mal erklärt, dass das einzige Qualitätskriterium für den Eintritt in den EU-Binnenmarkt für Schweinefleisch zum Zeitpunkt der Einfuhr die Freiheit von Rückständen wie Wachstumshormonen, Pflanzenschutzmittel und Medikamenten sei. „So etwas ist für uns aber längst selbstverständlich“, so Cord Meyer. Ihm sei es stattdessen wichtig, dass künftig grundsätzlich dieselben Regeln gelten und auch ein Blick auf die Haltungs- und Arbeitsbedingungen vor Ort geworfen werden müsse.

„Wenn wir minderwertige Lebensmittel gegen hochwertige Produkte aus Deutschland eintauschen wollen, dann muss das nur jemand klar sagen. Dann treten wir den Rückzug an und machen etwas anderes“, so Meyer. Er frage sich inzwischen, ob Tierwohl und familiengeführte Landwirtschaft überhaupt noch gewollt sei. Meyer weiter: „Wenn das noch so ist, müssen wir Betriebe aber auch vor den Seilschaften der großen Lebensmitteleinzelhändler geschützt werden.“

Bei der Forderung nach den Tierwohlstufen drei (Außenklima) und vier (Premium) gingen Wunsch und Wirklichkeit nämlich weit auseinander, wenn weiterhin dieselben Preise gezahlt werden sollen und sich zeitgleich die Kosten für die Landwirte bis zu verfünffachen. Jeder wisse beispielsweise, dass Schweine auf Stroh schwieriger zu halten seien und dabei immer die Gefahr bestünde, sich die Afrikanische Schweinepest oder Endoparasiten in den Stall zu holen.

Auch die Situation der Milchviehbetriebe sei problematisch: „Der Milchindustrieverband hat natürlich kein Interesse daran, dass die Milchmenge reguliert wird, damit die Preise steigen, weil er selbst Molkereien in seinen Reihen hat, die nur gewinnbringend arbeiten können, wenn sie unter Volllast fahren“, so Meyer. Wer jetzt von Entlastung spreche, weil es 40 Cent pro Liter Milch gebe, der hätte nur noch nicht erkannt, dass die Landwirte selbst 45 Cent Kosten pro Liter hätten. „Allein die Düngekosten sind um etwa 400 Prozent gestiegen, wenn wir überhaupt noch etwas bekommen. Kalkammonsalpeter, der übliche Stickstoffdünger, der hier ausgebracht wird, hat Ende 2020 noch 26,50 Euro gekostet, heute 68 Euro“, rechnet Cord Meyer vor. Grund für die Preissteigerung seien unter anderem höhere Energiekosten.

Auch der Verbraucher selbst trage mit seiner Kaufentscheidung aktiv dazu bei, wie es der Landwirtschaft ginge. „Vorm Supermarkt wollen alle noch, dass Hähnchen eine große Freilauffläche haben – im Supermarkt ist die Entscheidung dann oft eine andere“, so Henning Poppe. Die teureren Hähnchen aus besserer Haltung blieben dann oft liegen, weil der Kunde stattdessen zum Billigsten greift. „Wir können ihm daraus keinen Vorwurf machen“, betont Poppe.

Die neue Regierung müsse anders als die alte wissenschaftlich arbeiten und dürfe keine ideologischen und emotionalen Luftschlösser bauen. „Sie können nicht politisch 30 Prozent Bio-Produkte fordern, wenn wir uns in den vergangenen 30 Jahren zu fünf Prozent hingearbeitet haben. Dann bricht der Markt komplett zusammen“, ist sich Cord Meyer sicher.

Mobile Hühnerställe, wie sie auf den Feldern von Klangens Hof stehen, verursachten höhere Kosten, machten mehr Arbeit und hätten auch einen weiteren Nachteil: „Wir verlieren etwa 20 Prozent der Hühner an Habichte, Bussarde, Kolkraben und Füchse. Wenn von den 240 Hühnern in einem Mobil 180 überleben, dann ist es schon gut für uns gelaufen.“

Täglich müsse ein Mitarbeiter rausfahren, die Eier einsammeln, wöchentlich das Mobil umstellen und den Kot entsorgen sowie füttern – „dann kann das Ei nicht dasselbe kosten wie aus der Legebatterie“, so Cord Meyer, der nicht aufgeben will: „Wir machen das eben gerne.“

Beide Landwirte sprechen sich für eine klare Deklaration aus. Der Verbraucher müsse genau nachvollziehen können, woher das kommt, was er kauft. „Das ist für die Nahrungsmittelindustrie aber ein No-Go. Sie wollen global mit Lebensmitteln schachern. Dann kommt eben Sesam aus Indonesien, Palmfett aus Sri Lanka und Erdbeerkonzentrat für die Marmelade aus China, wenn das billiger ist“, so Meyer. Tausende Container Lebensmittel kämen pro Woche aus China in Hamburg an. „Wollen wir das wirklich?“, fragt Cord Meyer. Seine klare Antwort: „Nein.“

Beide Landwirte würden ihren Kindern derzeit eher davon abraten, in ihre Fußstapfen zu treten. „Die meisten Landwirte haben heute schlaflose Nächte und sind es leid, ständig Dresche zu kriegen und für alles verantwortlich gemacht zu werden“, so Cord Meyer. Wenn ein Betrieb 150 Menschen ernähren könne, dann frage er sich, warum nicht auch 150 Menschen einen Betrieb ernähren könnten. Die Lebensmittel würden zwar im Supermarkt teurer, davon bekämen die Landwirte aber nichts ab. „Wir verkommen zum Restgeldempfänger.“

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