Landrat kritisiert Innenminister Pistorius für „unwahre“ Aussage - Von Dennis Bartz

Luttmann: Bis Jahresende weitere 1.000 Flüchtlinge

Landrat Hermann Luttmann rechnet damit, dass der Flüchtlingsstrom 2016 fortsetzt.
 ©

Rotenburg. „Zahlen, die heute aufgestellt werden, sind vielleicht morgen schon für den Papierkorb“, sagte Landrat Hermann Luttmann am Montag beim Pressegespräch im Kreishaus und beschrieb damit das vermutlich größte Problem der aktuellen Flüchtlingssituation: Es fehlt die Planungssicherheit. Denn wieviele Menschen tatsächlich im Kreisgebiet aufgenommen werden müssen, wisse aktuell niemand. Man stochere im Nebel, erklärte Luttmann weiter und betonte: „Es ist eine große Aufgabe für alle Beteiligten.“

Derzeit leben laut Aussagen Luttmanns im Landkreis 1.200Flüchtlinge und Asylbewerber. 700 davon sind seit Januar nach Rotenburg gekommen. Weitere 1.000 sollen bis Ende des Jahres folgen. Der Landkreis sei damit besser aufgestellt als viele andere Regionen. „Wir sind nicht dermaßen betroffen“, so Luttmann, der die Arbeit der Kommunen und ehrenamtlichen Helfer ausdrücklich lobte: „Sie machen einen sehr guten Job.“

Enttäuscht zeigte sich Luttmann dagegen von der Landesregierung und geradezu verärgert über die Aussagen des Niedersächsischen Innenministers Boris Pistorius. Dieser habe in der vergangenen Woche im Landtag erklärt, dass bislang keine kranken Flüchtlinge verteilt worden seien. „Ich möchte den Minister nicht der Lüge bezichtigen, aber wenn er das so im Parlament gesagt hat, ist dies die Unwahrheit. Das ist so nicht richtig“, umschrieb es Luttmann und berichtete von einem Fall, der im August im Landkreis passiert sei. Erst drei Tage, nachdem dem Landkreis 69 Flüchtlinge am 10.August zugeteilt worden waren, sei man darüber informiert worden, dass darunter auch ein Mann mit Windpocken im Endstadium gewesen sei. „Dabei war dies in Hannover schon zwei Wochen bekannt. Wir haben uns dann in einer Hau-Ruck-Aktion den Impfstoff besorgt und den Mann isoliert.“ Windpocken seien besonders für Schwangere eine Gefahr, erklärte Dr. Frank Stümpel, Leiter des Gesundheitsamtes, der jedoch relativierte: „Wir haben im Landkreis eine Impfquote von über 95 Prozent.“ Es gebe zwar vereinzelt Erkrankungen, diese würden sich aber meist verlaufen, weil das Virus auf geimpfte Menschen stieße. So sei es auch in dem aktuellen Fall gewesen: Der erkrankte Flüchtling habe niemanden angesteckt. „Das ist gefühlt kein Einzelfall“, kritisierte Luttmann. „Künftig dürfen keine kranken Flüchtlinge mehr verteilt werden.“ Luttmann rechnet damit, dass in 2016 eine ähnlich hohe Zahl an Flüchtlingen und Asylbewerbern aufgenommen werden muss: Wenn Kanzlerin Angela Merkel erklärt, dass das Recht auf Asyl keine Obergrenze kenne, seid dies schließlich „auf allen Smartphones dieser Welt zu lesen“. Er sprach eine weitere Problematik an: „Im Landkreis leben derzeit 250 abgelehnte Asylbewerber: Es muss aber auch abgeschoben werden.“ Der Landkreis möchte auf den Flüchtlingszustrom reagieren: In den kommenden Monaten soll mehr Personal eingesetzt werden, eine Börse für Ehrenamtliche soll online gehen und neue Asylbegleiterkurse sollen angeboten werden.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
 04261 / 72 -430
 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

26.08.2020

Kinder machen Theater

13.07.2020

In Krieg und Frieden

03.07.2020

Kettensäge und Kreativität

24.04.2020

Frühlingsbilder