Künstler-Trio zeigt Werke im Kaufhaus Karo - VON ANDREAS SCHULTZ

Freunde, Flucht und Farbe

Künstlerfreunde: Hussein Khalaf (von links), Erich Milkereit und Sharif Ahmad Alkhatib kommen aus unterschiedlichen Ländern u2013 verbunden sind sie über die Malerei.
 ©Andreas Schultz

Rotenburg – „Kunst verbindet“, so fasst Erich Milkereit knapp zusammen, wie er Hussein Khalaf und Sharif Ahmad Alkhatib als Freunde gewonnen hat. Das Trio zeigt ab dem 26. August im Kaufhaus Karo seine Arbeiten im Rahmen einer Schaufensterausstellung. Titel: „Eine grenzenlose, künstlerische Begegnung in Rotenburg“.

Freundschaften entstehen manchmal unerwartet. Diese hat ihre Wurzeln in der Flüchtlingshilfe. Sharif Ahmad kommt 2015 aus Sorge um die Sicherheit seiner Familie nach Deutschland, lässt Krieg und Unruhen in Syrien hinter sich. Ein Teil der Familie von Hussein Khalaf verlässt nach dem Völkermord an den Jesiden 2014 den Irak, er selbst kommt 2018 über die Familienzusammenführung in die Bundesrepublik. Der Syrer und der Iraker finden über Milkereit zusammen, der sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert, Deutsch lehrt und bei Behördenangelegenheiten hilft.

Der Rentner mit abgeschlossener Karriere in der Verwaltung bringt zunächst Khalafs Tochter Hadya Sleman die Landessprache bei, dann ihrer Mutter. In der Wohnung der Geflüchteten sind überall Bilder des Vaters – so dauert es nicht lange, bis Erich und Hussein darüber ins Gespräch kommen, wenngleich es Letzterem sprachlich oft noch nicht so locker von der Hand geht. „Aber das geht schon. Wir haben uns verstanden“, versichert der 71-Jährige lächelnd.

Den Kontakt zu Sharif Ahmad stellt Martina Hoffstedt von der Ehrenamtskoordination des Diakonissen-Mutterhauses her. Er war künstlerisch aufgefallen, als er nach seiner Ankunft in Deutschland die Wände des Spielzimmers in der Flüchtlingsunterkunft in Scheeßel für die Kinder mit Comic-Figuren verschönerte: Minnie-Maus, Pluto und viele andere mehr, fast mannshoch.

Die Idee wird geboren: einfach zu dritt im Freien zusammen malen. „So haben wir uns auch einige Male getroffen“, berichtet Milkereit. Die Atmosphäre: immer nett. Sie fördert den Austausch über die Lebenszustände in den beiden anderen Welten: Dass man oft nicht aus einer Polizeikontrolle kommt, wenn man nicht den passenden Schein aus der Geldbörse zieht, dass der nächste Arzt meilenweit entfernt sein kann. Dazu die beiden Grundzutaten der Kreativität: Acrylfarbe und Kaffee. Das wird noch öfter vorkommen, ist Milkereit sicher: „Die Idee lebt“.

Wenn Hussein Khalaf seine Bilder betrachtet, ist das für ihn „wie ein Gespräch mit Freunden“. Der 47-Jährige bringt Vertrautes auf die Leinwand, genießt das Wiedererleben. In der alten Heimat im Irak sind es traditionell jesidisch gekleidete Menschen, Tempelanlagen, in der neuen beispielsweise der Rotenburger Pferdemarkt und ein Panorama vom Bullensee. „Malen ist alles. Alles kann Kunst sein oder werden“, übersetzt seine Tochter Hadya im Gespräch mit der Presse für ihn. Kunst sei nicht nur das Geschaffene, sondern finde sich schon in der Betrachtung eines Motivs, in der Wahrnehmung.

Wo Hussein und Erich eher auf Realismus setzen, findet man Sharif oft auch im Surrealen. Der 34-Jährige mag nicht nur kräftige Farben, sondern auch die Bündelung gesehener Elemente in neuen Werken. Er liebt es, zu experimentieren.

Die beiden Geflüchteten stellen aber auch klar: Über die Flucht selbst malen sie nicht. Das Erlebte schmerzt zu sehr: „Es fällt schwer, sich an diese Situationen zu erinnern, ich möchte lieber schöne Dinge zeigen“, sagt Sharif und fügt hinzu: „ Beim Malen vergisst man die Vergangenheit, die Dinge, die passiert sind.“

Für Erich begann das Malen als Ausgleich für seine Arbeit als „Verwaltungsmensch“, wie er selbst sagt. Seine Arbeit an der Leinwand ist geprägt von Urlaubsreisen. Meer und Dünen faszinieren ihn. Unterschiedliche Wettereinflüsse und Tageszeiten machen für ihn Dünen zu unterschiedlichen Welten. „Man kann beobachten, schauen, was vor sich geht. Und so ist es ja auch im Leben. Es gibt immer etwas Neues kennenzulernen.“ So wie Sharif und Hussein beim gemeinsamen Malen im Garten. „Man tauscht sich aus, lernt voneinander. Und schon sind wir uns nicht mehr fremd“, sagt Milkereit. Man nehme viele Facetten beim anderen auf, lernt, wie anders und teilweise fragil das Leben an anderen Orten der Erde ist. „Und dann nimmt man auch seine eigene Umwelt anders wahr“, sagt der Flüchtlingshelfer.

Wer die Produkte der gemeinsamen Malstunden sehen möchte, findet sie demnächst im Kaufhaus Karo. Start der Schau ist am Donnerstag, 26. August, um 17 Uhr im Kaufhaus Karo am Neuen Markt in Rotenburg.

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