Krebs-Bloggerin Carina Flatow ist tumorfrei und heiratet im nächsten Sommer - Von Dennis Bartz

„Jetzt lebe ich!“

Carina Flatow lässt sich trotz ihrer schweren Erkrankung die Freude am Leben niemals nehmen. Fotografin Malin Steffen hatte bei ihren Trips die Kamera immer griffbereit.
 ©Rotenburger Rundschau

Rotenburg/Delmenhorst. Eine junge Frau mit langen braunen Haaren betrachtet ihr Spiegelbild. Sie dreht sich ganz langsam, um das Brautkleid, das sie zur Probe trägt, von allen Seiten zu bewundern. Es ist ein Traum vieler Mädchen, der für Carina Flatow in diesem Moment wahr wird – aber die 30-Jährige erlebt ihn mit gemischten Gefühlen. Zu viel ist in den vergangenen Jahren passiert und zu zerbrechlich scheint ihr noch immer das Glück, das nach wie vor alle sechs Monate auf die Probe gestellt wird. „Die Situation im Brautladen war surreal für mich“, erzählt die Rotenburgerin, die seit dem Sommer in Delmenhorst wohnt.

Carina, alias „Little Talks“, ist Krebsbloggerin und hat mehrere 1.000 Follower auf Facebook. Auf ihrer Seite, die vor dem Ausbruch ihrer heimtückischen Erkrankung zunächst ein Beauty-Blog werden sollte, war lange Zeit kaum Platz für die schönen Dinge des Lebens – Themen wie Hochzeit oder der Wunsch nach eigenen Kindern spielten dort keine Rolle. Zu schlecht waren die Prognosen ihrer Ärzte, die Carina, nachdem ihr Vulvakrebs zum dritten Mal ausgebrochen war, keine Hoffnung mehr machten.

Als die Rundschau Carina im März 2016 zum ersten Mal traf, hatte sie gerade einen schwerwiegenden Entschluss gefasst: Einmal noch wollte sie ihrem Körper eine OP und Chemotherapie zumuten – aber dann sollte Schluss sein. Zu diesem Zeitpunkt lag bereits ein langer und kräftezehrender Leidensweg hinter ihr. Statt wie ihre Freundin für Jungs zu schwärmen, zu verreisen und tanzen zu gehen, musste sie Chemotherapien, Bestrahlungen und Operationen über sich gehen lassen. Monate ihres Lebens hatte sie im Krankenbett verbracht.

„Ich habe genug und möchte nicht mehr gegen die Erkrankung, sondern fortan nur noch für mein Leben kämpfen. Ich weiß, dass ich sterben werde und ich habe keine Angst vor dem Tod. Aber ich habe Angst davor, nicht gelebt zu haben“, erklärte Carina, die damals 28 Jahre alt war. Das Zitat „Ich möchte meinem Leben nicht mehr Tage geben, sondern meinen Tagen mehr Leben“ von Cicely Saunders machte sie zu ihrem Lebensmotto.

In ihrem Blog veröffentlichte sie neben einigen traurigen Beiträgen und tränenreichen Videos viele lustige Mitschnitte und Bilder – mit einer großen Prise schwarzen Humors: „Nimm das, el Tumor“ stand beispielsweise unter einem Bild, das sie mit Spaßbrille und Nacktmännerposter in einer gynäkologischen Ambulanz zeigt. Siebezeichnete sich selbst in Anlehnung an ihre Krankheit manchmal als Superheldin „Vulvarine“.

Damals sah es so aus, als würden ihr nun noch Monate zum Leben bleiben – und diese Zeit wollte sie bestmöglich nutzen. Deshalb startete Carina mit ihrer besten Freundin Malin Steffen beim Crowdfunding-Anbieter Startnext im Internet das Projekt „Little Talks on Tour“ – 16.000 Euro kamen dafür zusammen. Carina wollte damit die Reisen in fünf europäische Städte finanzieren: nach Amsterdam, Paris, Brighton, Barcelona und zuletzt nach London. Malin sollte sie als Fotografin begleiten – für professionelle Bilder von einer Art Abschiedstournee als Geschenk und Erinnerung für alle, die Carina unterstützt haben.

Sie meldete sich in den Monaten darauf von ihren Reisen, zwischenzeitlich hatte sich ihre gesundheitliche Situation verschlechtert. Sie musste die Fahrten und Flüge mehrfach verschieben und war zeitweise auf einen Rollstuhl angewiesen.

Mit neuem Mut

Eineinhalb Jahre später trifft die Rundschau Carina wieder – sie ist kaum wiederzuerkennen, als sie in dieser Woche freudestrahlend die Tür zu ihrer Wohnung öffnet. Die Strapazen ihrer Erkrankung sieht man ihr zwar noch an, aber sie sieht gut aus – nicht mehr so blass, dünn und geschwächt wie beim ersten Mal. „Die letzte OP in Kiel war erfolgreich. Ich bin tumorfrei“, sagt Carina, als sie durch den Flur ins Wohnzimmer führt. Es sind nicht die einzigen guten Neuigkeiten, mit denen sie überrascht. Sie zeigt auf ein gerahmtes Bild auf einem Schränkchen hinter ihr: „Ich bin verlobt und möchte im Sommer 2018 heiraten.“ Ihren Freund Eike hatte sie beim Musizieren kennengelernt. Er spielte Gitarre, sie sang dazu – aus dem Duett wurde ein Paar mit tierischer Begleitung: Posie – englisch für Blumensträußchen – war als Straßenhund nach Deutschland gekommen, ehe sie die beiden aufgenommen haben. Während des Gesprächs schlummert die schwarze Mischlingshündin in ihrem XXL-Hundebett. „Ich gehe gerne mit ihr Gassi“, erzählt Carina. Die Bewegung tut ihr gut – und ist wichtig.

Denn dass sie tumorfrei ist, bedeute nicht, dass sie auch gesund ist, erklärt sie: „Als krebsfrei gelten Patienten erst nach fünf Jahren. Ich muss alle sechs Monate zur Kontrolle und habe leider noch immer sehr mit den Folgen der Erkrankung zu kämpfen. Ich muss weiterhin Medikamente nehmen.“ Erst kürzlich war sie für mehrere Wochen im Krankenhaus. „Ich brauche noch Zeit, um wieder auf die Beine zu kommen.“

Carina möchte die Advents- und Weihnachtszeit nutzen, um Kraft für ihre letzte Städtereise zu sammeln. Im Januar geht es nach London. „Eigentlich wollten wir dorthin schon im Dezember fliegen, aber soweit war ich noch nicht.“ Besonders freut sie sich auf einen Besuch in den Harry-Potter-Studios: „Ich bin großer Fan.“

Sobald sie zurück ist, starten die letzten Arbeiten an dem Bildband, der „Little Talks on Tour“ heißen soll. Dafür wollen Carina und Malin einen passenden Verlag suchen. „An erster Stelle steht für mich, dass das Buch so gestaltet wird, wie wir es uns vorstellen und der Entstehungsprozess für Carina nicht zu stressig wird“, sagt die Fotografin, die im Krankenhaus ständig an Carinas Krankenbett war und dort gute Laune verbreitet hatte. So gibt es ein Video, dass die beiden Frauen scherzend bei einem Trinkspiel zeigt, aufgenommen im sterilen Wartezimmer der Uniklinik in Kiel. Carina trinkt jedoch keinen Schnaps – es ist Kontrastmittel, das sie wegen des ekligen Geschmacks nur schlückchenweise herunterbekommt.

Malin erklärt, was mit den Einnahmen des Bildbandes passieren soll: „Keiner von uns wird daran etwas verdienen. Alles, was wir einnehmen, geht je zur Hälfte an Flugkraft und Recover your Smile.“ Beide Organisationen (siehe Info rechts) liegen Carina sehr am Herzen.

Der Bildband soll eindrucksvoll alle Phasen ihrer Krebstherapie zeigen. Bei der Auftakttour nach Amsterdam war Carina noch gut zu Fuß, später in Paris und Brighton war sie auf den Rollstuhl angewiesen. „Zwischendurch war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt alle fünf Reisen antreten können würde. Ich war in Paris so blass und dürr – jetzt geht es mir besser und auf meinen letzten Städtetrip nach London begleiten mich Malin und mein Verlobter. Das ist ein schönes Happy End, mit dem ich niemals gerechnet hätte. „Das Buch soll voller Hoffnung stecken. Denn das bin ich auch.“

„Einigen wäre es lieber gewesen, dass ich sterbe“

Ihren Facebook-Blog hat Carina zwischenzeitlich abgeschaltet. Denn nachdem sie vor einiger Zeit geschrieben hatte, dass sie tumorfrei ist, gab es neben vielen Glückwünschen auch Kommentare, die sie sehr verletzt haben. „Es gab Menschen, die meine Erkrankung angezweifelt und gefordert haben, ich sollte doch die ausstehenden Reisen jemandem geben, der es nötiger hat. Bei einigen von diesen hatte ich sogar das Gefühl, dass es ihnen lieber gewesen wäre, dass ich sterbe, damit sie das Ende bekommen, mit dem sie gerechnet hatten.“

Bald hat sie ihre nächste Kontrolluntersuchung – und die Angst, dass der Krebs zum vierten Mal ausbrechen könnte, sei immer noch da. „Ich denke oft an die vielen Freunde, die nicht dasselbe Glück wie ich hatten. Bei meinen besten Freund, der in Berlin lebt, können die Ärzte leider nichts machen. Ich hoffe auf ein kleines Wunder für ihn. Ich hatte ja selbst lange keine Zukunft. Aber jetzt lebe ich!“

Sie möchte etwas zurückgeben: „Den Blog werde ich bald fortsetzen. Ich möchte mich bei denen bedanken, die mir Kraft und Hoffnung geschenkt hatten. Ohne sie hätte ich es vielleicht nicht geschafft. Ich möchte anderen Mut machen, an sich zu glauben.“

Bis zu ihrem Umzug nach Delmenhorst hatte sie ehrenamtlich einer jungen Mutter aus Neu Guinea Deutschunterricht gegeben. Und auch für 2018 hat sie große Pläne: Sie möchte Menschen mit Behinderung auf ehrenamtlicher Basis unterstützen und als Botschafterin für die Organisation Flugkraft aktiv sein. „Ich möchte weiter gesund werden, und für den Sommer plane ich meinen Hochzeit.“ Dann trägt sie ein wunderschönes Kleid – wie damals vor dem Spiegel – die Erfüllung eines Kleinmädchen-Traums.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
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 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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