Karin Wahl hört nach 15 Jahren auf / Termine nicht mehr gefragt - VON GUIDO MENKER

Lesen nur noch bei Festen

Die Leseoma Karin Wahl geht in den Ruhestand.
 ©Menker

Rotenburg – Es liegt der Ausdruck des Bedauerns in der Luft, während Christine Braun über die langjährige Zusammenarbeit mit Karin Wahl spricht. Natürlich bedauert sie, dass die 79-Jährige von sofort an nicht mehr als Leseoma in der Rotenburger Stadtbibliothek zur Verfügung steht. Doch zugleich bedauert sie eben auch, dass das über viele Jahre relativ regelmäßige Angebot für Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren nicht mehr so gefragt ist und diese Lesestunden daher künftig nur noch im Rahmen von Festen und Veranstaltungen stattfinden.

Die Veränderung beim Leseoma-Angebot hängt allerdings nicht damit zusammen, dass Karin Wahl sich entschieden hat, in den Ruhestand zu gehen. „Mit den erweiterten Betreuungszeiten in den Kindertagesstätten hat sich diese Entwicklung schon länger abgezeichnet“, berichtet Christine Braun. Dennoch hofft sie, das Team der jetzt noch drei Leseomas wieder ein wenig erweitern zu können – so ganz arbeitslos sind sie schließlich nicht.

Dass diese ehrenamtliche Mitarbeit in der Stadtbibliothek viel Freude machen kann, wird deutlich, wenn Karin Wahl über die vergangenen 15 Jahre spricht, in denen sie immer bestens vorbereitet zu den Lesungen gekommen ist. „Meistens habe ich mehr mehrere Bücher herausgesucht. Und je nach dem, ob mehr Jungen oder Mädchen da waren, habe ich dann eine Auswahl getroffen.“ Diese hatte sie zuvor zu Hause schon laut gelesen, um sich mit den Texten entsprechend vertraut zu machen. Es waren Geschichten vom Bauernhof, aus der Welt der Tiere, kleine Abenteuer, aber auch von Rittern, Indianern und Prinzessinnen. „Und manchmal hatte ich auch einen Krimi dabei“, erinnert sich die Frau, die in der ehemaligen DDR lange Jahre in Rostock gelebt hat, nach der Wende zum Arbeiten nach Sylt zog und schließlich zu ihrer Tochter nach Rotenburg gekommen ist.

„Das war 2004. Und als ich angekommen war, wollte ich etwas Ehrenamtliches machen“, erinnert sich die 79-Jährige. Ein Jahr lang war sie beim Eine-Welt-Laden am Ball, dann kam sie während eines Festes in der Stadt mit der Stadtbibliothek in Kontakt. Von da an war sie nicht nur „Dauergast“ im Erdgeschoss des Kantor-Helmke-Hauses, um sich selbst immer wieder mit reichlich Lesestoff einzudecken, sondern auch, um mit Kindern in kleinen Gruppen regelmäßig gute Zeiten auf Augenhöhe zu haben.

„Natürlich habe ich mich immer auf den Boden gesetzt“, betont die Mutter zweier Kinder. Von Kindesbeinen an habe sie selbst gerne gelesen. „Das war eine Ablenkung und eine gute Beschäftigung“, sagt sie. Nicht zuletzt deshalb war es ihr immer auch ein Anliegen, diese Erfahrung an Kinder weiterzugeben. „Und dabei kommt so viel Dankbarkeit zurück“, berichtet sie. Gerne erinnert sie sich auch an die kleinen Geschichten mit den Kindern. Ein kleiner Junge, der Max hieß, habe sie einmal mit den Worten „Oh, wir haben uns ja lange nicht mehr gesehen“ begrüßt. So etwas bleibe unvergessen. „Frau Wahl hat ein großes Talent dafür, zu den Kindern eine ganz besondere Beziehung aufzubauen“, sagt die stellvertretende Bibliotheksleiterin Nadeschda Zilke.

Dieses Talent ist nicht zuletzt dann gefragt, wenn Unruhe aufkommt. „Dann versuche ich, die Mädchen und Jungen mit einzubeziehen. Dafür braucht man schon ein bisschen Fingerspitzengefühl. Aber es ist nie ein Kind aus der Reihe getanzt.“ Vielleicht liegt es auch daran, dass Karin Wahl sich stets viel Mühe gegeben hat. Für die Kleinen hat sie jedes Mal Kekse gebacken, und passend zu den Geschichten, die sie ihnen vorlesen wollte, hat sie verschiedene Utensilien mitgebracht. Gerade damit hat sie die Kinder gepackt. Mal war es eine Schale mit Erdbeeren zur Geschichte über einen Gärtner, mal waren es passende Plüschtiere oder einfach nur ein Woll-Knäuel. „Sie strahlen, sie freuen sich. Sie kommen auf einen zu. Da ist nichts Falsches, nichts Gespieltes“, beschreibt Karin Wahl die Reaktionen der Kleinen. „Sie fühlt die Kinder“, lobt Nadeschda Zilke.

Und das alles hat sehr positive Folgen: Viele Kinder, die in ihren Lesestunden waren, sind heute selbst Dauergäste in der Stadtbibliothek – im Julius-Club etwa, oder auch als Kunden, die sich regelmäßig Bücher ausleihen. Daran wird Karin Wahl auch festhalten. Sie liest halt gerne – und trifft so zwischendurch auch dieses „tolle Team“.

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