Journalist Andreas Babel spricht über das Schicksal eines 13-jährigen NS-Opfers - Von Dennis Bartz

„Bis dahin leb’ wohl, mein Karlchen“

Eckart Willumeit wurde von seiner Mutter "Karlchen" genannt. Der behinderte Junge wurde im Alter von 13 Jahren ermordet.
 ©Rotenburger Rundschau

Rotenburg. Als „Euthanasie-Morde“ ging die Tötung tausender behinderter Menschen während der NS-Zeit in die Geschichte ein. Am Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgsort töteten vor allem junge Assistenzärztinnen nachweislich mindestens 56 behinderte Kinder aus ganz Nordwestdeutschland. Die unfassbaren Vorgänge in der Hamburger Klinik und den späteren Lebensweg der beteiligten Ärztinnen und Krankenschwestern beschreibt der Journalist Andreas Babel in seinem Buch „Kindermord im Krankenhaus“. Am Montag, 21. November, 19.30 Uhr, hält er einen Vortrag im Auditorium der VHS Rotenburg, Kantor-Helmke-Haus. Er geht dort auch auf das Schicksal des 13-jährigen Eckart Willumeit ein, der in Rotenburg untergebracht war und später in Lüneburg ermordet wurde.

Worauf sind Sie bei Ihren Recherchen gestoßen?

Andreas Babel: 2009 habe ich enthüllt, dass die langjährige Chefin der Kinderklinik des Allgemeinen Krankenhauses Celle, Dr. Helene Darges-Sonnemann, während der NS-Zeit in einem Hamburger Krankenhaus behinderte Kinder getötet hat. Diese Kinder waren von staatlicher Seite und sogenannten Gesundheitspolitikern als „Ballast-Existenzen“ und als „lebensunwert“ gebrandmarkt und verunglimpft worden.

Welcher Aspekt ihres Vortrags ist für die Rotenburger besonders interessant?

Babel: Ich werde auf ein Opfer der NS-Zeit aus Celle eingehen. Eckart Willumeit war in der Heil- und Pflegeanstalt in Rotenburg untergebracht und erhielt dort einen Brief seiner Mutter. Er ist später in Lüneburg im Alter von 13 Jahren getötet worden.

Haben Sie bei ihren Recherchen mit Angehörigen aus Rotenburg gesprochen?

Babel: Die Angehörigen der Opfer sind oft nicht bereit, über ihre getöteten Familienmitglieder zu sprechen, da es auch heutzutage noch vielfach als Makel empfunden wird, ein behindertes Mitglied in seiner Reihen gehabt zu haben. Die Angehörigen des 1942 in Lüneburg ermordeten Eckart waren aber bereit, über das Wenige, was sie aus der Familiengeschichte wussten, zu reden. Sie nahmen auch an einer Trauerfeier in Lüneburg teil, bei der die Hirnschnitte von in Lüneburg getöteten und in Hamburg sezierten Kindern beigesetzt wurden. Ich war auch zugegen – es war sehr ergreifend und fast nicht auszuhalten.

Was wissen Sie über den Jungen?

Babel: Eckart verbrachte einige Jahre in verschiedenen Heil- und Pflegeanstalten, so auch in Rotenburg. Sein Vater war der Malermeister Gottlieb Willumeit, der nach der Wahl vom 17. November 1929 bis zur Neuwahl am 12. März 1933 für die NSDAP dem damaligen Celler Stadtrat angehörte und bei der Geburt seines vierten Kindes am 21. Juni 1928 bereits 44 Jahre alt war, seine zweite Frau Marie Willumeit bereits 43. Beide Eheleute waren in jeweils zweiter Ehe miteinander verheiratet. Es gab zwei ältere Brüder und eine Schwester, die nach England geheiratet hat. Seine Mutter unterhielt regen Briefkontakt zu ihrem Sohn in Rotenburg. Eckart, in seiner Familie „Karlchen“ genannt, starb am 18. Februar 1942 im Alter von nur 13 Jahren.

Hat er seiner Mutter von Medikamententests und weiteren Verbrechen in Rotenburg berichtet?

Babel: Davon ist mir nichts bekannt. Eckarts Hirn wurde aber nach seinem gewaltsamen Tod in Lüneburg nach Hamburg transportiert, wo es seziert wurde. Die Hirnschnitte lagerten noch bis ins 21. Jahrhundert in der Sammlung des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE), wo sie der Medizinhistoriker Marc Burlon im Rahmen der Recherche für seine Doktorarbeit fand. Die aus Lüneburg stammenden Hirnschnitte sind im August 2013 auf dem Lüneburger Friedhof Nordwest beigesetzt worden.

Wie gelangte Eckart von Rotenburg nach Lüneburg?

Babel: Die Patienten und Bewohner der Rotenburger Anstalten wurden in andere Anstalten verlegt, weil die Einrichtung in Rotenburg als Hilfslazarette für die vom Bombenkrieg betroffenen Städte Bremen und Hamburg umgebaut und umgenutzt werden sollten. Und an der damaligen Lüneburger ,Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt‘ ist während des Krieges eine so genannte Kinderfachabteilung eingerichtet worden.

Zu welchem Zweck?

Babel: In diesen etwa 30 getarnten Tötungseinrichtungen wurden behinderte Kinder systematisch ermordet. Sie wurden aus anderen Heilanstalten gezielt an diese Orte verlegt. Ein Gremium aus drei so genannten Gutachtern entschied anhand eines Meldebogens, welches Kind zu töten wäre, ohne die Patienten jemals gesehen zu haben. Die Kinder wurden in der Einrichtung in Lüneburg, die für ganz Niedersachsen zuständig war, mit einer Überdosis des Schlafmittels Luminal getötet, aufgrund dessen sie eine Lungenentzündung bekamen, die nicht behandelt wurden. Daran starben die Kinder dann meist nach zwei bis drei Tagen. In ganz Deutschland wurden so mindestens 5.000 Kinder und Jugendliche getötet. Im Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgsort, das ich in meinem Buch „Kindermord im Krankenhaus“ untersucht habe, mordeten die Ärztinnen ebenfalls mit Luminal.

Was war Inhalt des Briefs, den Eckart von seiner Mutter erhielt?

Babel: In dem Brief an ihren Sohn vom 28. August 1937 schrieb sie unter anderem: ,Wir beide spielen auch mal wieder zusammen, wenn ich komme, und ein Würstchen bringe ich dir dann auch mit. Bis dahin leb’ wohl, mein Karlchen. Alle denken an dich und grüßen dich: Opa und Oma, Onkel Friedo, Onkel Ernst und Tante Meta, Ruth und Helmut, Wolfgang, Werner und Almuth und – du ich glaube Cäsar wollte dich auch grüßen, er bellte so komisch gestern.‘ So schreibt eine liebende Mutter, die von den Ärzten der Anstalt in deren wahrer Absicht getäuscht wurde. Wie die allermeisten der noch lebenden Angehörigen hat auch Eckarts Mutter nicht gewusst, was die Anstaltsärzte mit ihrem Sohn vorhatten.

• Das Buch: „Kindermord im Krankenhaus“ von Andreas Babel ist im Verlag Edition Falkenberg erschienen, zweite Auflage 2016, 240 Seiten mit zahlreichen Fotos, 16,90 Euro, ISBN 978-3-95494-057-8.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
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 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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