Interview: „Vissel for future“ löchert Parteien zum Thema Klima - VON JENS WIETERS

„Wir müssen Kinder und Enkel retten“

Harald Gabriel erhofft sich nicht nur viele Besucher zum Diskussionsabend, sondern auch klare Worte von den Politikern zum Thema Klima.
 ©Wieters

Visselhövede – Eine riesige Insel Plastikmüll auf dem Pazifik, halb Südeuropa brennt, lange Dürren selbst in der Norddeutschen Tiefebene, dann wieder heftige Überschwemmungen mit katastrophalen Folgen: Der Klimawandel schreitet immer weiter voran. „Jeder auf unserem Planeten ist aufgerufen, sein Handeln zu überdenken“ sagt die Gruppe „Vissel for future“, die als eine der ersten im Landkreis Rotenburg am weltweiten Klimastreik der Bewegung „Fridays for Future“ teilgenommen hat. Die Visselhöveder Initiative um Harald Gabriel und Isa Roth will auch weiterhin ihre Mitmenschen animieren, mitzuhelfen, dass das Klima doch noch zu retten ist. Da spielt auch die Kommunalpolitik eine Rolle, wenn auch eine kleine. Dennoch veranstaltet die Gruppe eine Podiumsdiskussion, bei der sie den Bürgermeisterkandidaten und den Parteien zum Thema auf den Zahn fühlen. Im Interview berichten Roth und Gabriel, was sie sich von dem Abend versprechen.

Wie kann man von Visselhövede aus das Klima retten?

Isa Roth: In dem wir die Klimakrise in ihrer Tragweite ernst nehmen und hier und jetzt anfangen zu handeln. Es geht schon lange nicht mehr darum, was man für das Klima tun kann oder könnte, sondern was geschehen muss, um ernsthaft die Grundlagen für menschliches Leben auf diesem Planeten zu erhalten. Wir müssen nicht das Klima retten, sondern uns beziehungsweise unsere Kinder und Enkel. Das heißt: Wir müssen uns auf allen Ebenen umstellen: auf Bundes und Landesebene in der Kommunalpolitik sowie jeder einzelne Bürger und jede Bürgerin.

Harald Gabriel: Der Weltklimarat hat gerade Anfang August nach Auswertung des derzeitigen Forschungsstandes nochmals herausgestellt, dass der menschengemachte Klimawandel sehr viel dramatischer und schneller fortschreitet als bisher angenommen und die Weichen jetzt neu gestellt werden müssen. Die Extremwetterereignisse von der Eifel bis zu den Bränden in Südeuropa haben uns das leider noch mal sehr nahe gebracht: Klimawandel ist kein Problem der fernen Zukunft, sondern ist auch hier Realität, und die Klimakrise muss jetzt angepackt werden.

Wie kann man gegensteuern?

Gabriel: Krisenmanagement funktioniert nur, wenn alle daran mit höchster Priorität mitwirken. Von der internationalen und nationalen Politik braucht es einen konkreten Maßnahmeplan für die Umsetzung der Pariser Klimaziele von maximal 1,5 Grad Erderwärmung wie zum Beispiel eine echte Kohlenstoffdioxid-Bepreisung und den umgehenden Kohleausstieg. Aber auch bis zur kleinen Kommune herunter kann und muss gehandelt, denn hier werden viele Maßnahmen erst konkret. Deshalb ist zum Beispiel auch die Kommunalpolitik in Visselhövede gefordert, ihren Beitrag zu leisten, die Klimaziele vor Ort umzusetzen und mit gutem Beispiel voranzugehen.

Was kann eine Kommune tun, um zumindest klimaneutraler zu arbeiten?

Roth: Für konsequenten Klimaschutz ist noch viel Luft nach oben von der Energienutzung in den kommunalen Immobilien über das Radwegenetz bis zum städtischen Fuhrpark. Das Thema Klimaschutz wurde in der Kommunalpolitik bisher aber leider nicht systematisch angefasst. Anders als in anderen Gemeinden gibt es hier kein Klimaschutzkonzept. Es sollte Standard sein, dass die Klimarelevanz bei allen städtischen Maßnahmen schon von Anfang an mitgedacht wird und abgecheckt wird.

Gabriel: Damit hierfür konsequent gehandelt wird, haben wir von „Vissel for future“ angeregt, eine Stelle für Klimaschutzmanagement zu schaffen. Dafür gibt es in diesem Jahr eine 75-prozentige Förderung vom Bund. Damit könnte mit einem Klimaschutzkonzept ein Überblick geschaffen werden, wo derzeit die wichtigsten Hebel für die Kohlendioxid-Vermeidung sind und gezielt gehandelt werden. Gleichzeitig könnten noch Kosten gespart werden, indem Einsparungsmöglichkeiten genutzt werden.

Wie sieht es aktuell mit der Stelle aus?

Gabriel: Die Stadtverwaltung bereitet die Antragstellung dafür vor, aber die Entscheidung wurde auf den neuen Rat vertagt. Insofern wird dies ein erster Prüfstein, ob die Parteien es ernst meinen mit dem Klimaschutz.

Wie kann jeder einzelne Bürger dazu beitragen, dass sich etwas ändert?

Roth: Neue politische Rahmenbedingungen und klimabewusstes, alltägliches Handeln von uns allen müssen ineinandergreifen. Im Alltag kann und sollte jeder da anfangen, wo es für ihn geht. Sei es beim regionalen Einkauf, bei der Reduktion von Fleischkonsum, beim Reparieren statt Wegwerfen oder mit Fotovoltaik auf dem Dach.

Gabriel: Ich glaube, wir stehen vor einem großen gesellschaftlichen Umbruch, in dem wir alle besonders in den nördlichen Industrieländern unsere Konsumgewohnheiten ändern müssen. Wirtschaftswachstum mit Ressourcenverbrauch ist auf unserem endlichen Planeten eben auch endlich. Nachdem wir Jahrzehnte nicht die Grenzen des Wachstums beachten wollten, wie es der Club of Rome schon vor 50 Jahren gefordert hat, gilt es nun zu lernen, dass weniger mehr sein kann. Und das beginnt auch von unten, indem wir daran arbeiten, unseren persönlichen CO2-Abdruck kontinuierlich zu verbessern.

Wenn die Ziele so wichtig sind, warum kandidieren Sie nicht für den Stadtrat?

Roth: „Vissel for future“ versteht sich als offene Initiative und nicht als Partei. Ich schätze das Engagement der Vertreter im Stadtrat sehr. Ich denke aber, dass es parallel auch sehr wichtig ist, dass sich Bürger und Bürgerinnen mit ihren Themen auch unabhängig von Parteien und Gremien engagieren und ihre Anliegen eigeninitiativ weiterentwickeln.

Das heißt?

Roth: Als offene Initiative mit einem klaren Schwerpunkt können wir hier freier agieren und an Lösungen arbeiten. Ich denke, dass solche Bürgerinitiativarbeit gerade für drängende Themen eine wichtige Ergänzung zur etablierten Politik ist. Wir bringen unsere Anliegen aber in die Politik ein und sind hier mit Parteien, Gremien und Verwaltung im konstruktiven Austausch.

Was erwarten Sie bei dieser Thematik von der künftigen Bürgermeisterin oder dem künftigen Bürgermeister?

Gabriel: Wir erwarten von einem neuen Bürgermeister oder einer Bürgermeisterin Offenheit für Umwelt- und Klimathemen, die hinter Wirtschaftsinteressen und Verwaltungszwängen oft in den Hintergrund treten. Wir erwarten Mut, für ein zukunftsfähiges Visselhövede auch unpopuläre Themen anzupacken, und wir hoffen auf ein gutes Händchen dafür, Parteien und Bürger für solche Zukunftsaufgaben zu einem gemeinsamen Handeln zu motivieren.

Wie können die Parteien auf Ortsebene mitwirken?

Roth: Wir hoffen, dass beim Klimaschutz die Parteien gemeinsam handeln und hier nicht an Parteigrenzen halt gemacht wird. Das bedeutet, dass bei allen Entscheidungen Klimaschutz mitgedacht wird. Die Ideen und Wünsche der Bürger mögen ernstgenommen und deren Umsetzung im Rat ernsthaft geprüft werden. Außerdem ist eine Koordination durch die Klimaschutzmanagerin wichtig.

Wie binden Sie Oberschüler während der Podiumsdiskussion ein?

Gabriel: Es sollen nach Abstimmung mit der Schulleitung drei zehnte Klassen dabei sein. Leider ist dadurch, dass die Veranstaltung direkt zu Beginn des Schuljahres stattfindet, keine intensive schulische Vorbereitung möglich. Wir haben aber angeregt, dass in den Klassen Wünsche und Forderungen für den Klimaschutz gesammelt und exemplarisch von den Schülern vorgestellt werden.

Warum sollten die Visselhöveder Einwohner die Veranstaltung besuchen?

Roth: Wir planen die Veranstaltung nicht als Wahlkampfveranstaltung mit gegenseitigen Abgrenzungen, sondern als Informationsveranstaltung, wo auch Raum ist für Fragen der Bürger. Es wird also sicherlich spannend und eine gute Möglichkeit für Jung und Alt, sich einen Eindruck von den Kandidaten zu machen.

Erfährt die Gruppe „Vissel for future“ eigentlich immer noch Zulauf, oder begegnen die Menschen ihr eher mit Skepsis?

Roth: Unsere Initiative wächst weiter. Wir haben jetzt rund 115 Menschen im Verteiler und einen festen Kreis von Aktiven. Es ist jedoch auch weiterhin Raum für Menschen, die im Bereich Klima oder Ökologie aktiv werden wollen. Denn wir verstehen uns als offene Plattform für Ideen und Engagement von Bürgern und Bürgerinnen. Also, einfach mal zu unseren monatlichen Treffen kommen.

Hat Corona das Thema ein wenig in den Hintergrund gedrängt?

Gabriel: Die Corona-Krise hat die weitaus folgenschwerere Klimakrise zwar überschattet. Wie wir bei den jüngsten Überschwemmungen gesehen haben, lässt sie sich aber nicht wirklich in den Hintergrund drängen. Gleichzeitig haben in der Corona-Krise aber auch wichtige Ansätze für Änderung im Konsumverhalten Aufschwung bekommen – wie stärkere Regionalität, selbst kochen und gärtnern oder radeln statt fliegen.

Die nächsten Aktionen von „Vissel for future“?

Gabriel: Nächste Woche startet im Landkreis die Regio Challenge – eine Woche essen, was um die Ecke wächst. Wir beteiligen uns in Visselhövede mit einer Backaktion und einem Sauerkraut-Workshop in Riepholm sowie einer Info- und Kochaktion auf dem Marktplatz für regionale Biolebensmittel. Außerdem läuft das Repaircafé jetzt wieder regelmäßig. Dort können die Leute kaputte Geräte zum Reparieren bringen. Im Oktober geht es dann an den Start für das neue Konzept im Haus der Bildung, wo wir gemeinsam mit anderen Organisationen ein Veranstaltungsangebot vorbereiten. Wir freuen uns darauf, endlich auch wieder zu öffentlichen Diskussionsveranstaltungen einladen zu können. Dafür gibt es schon viele Ideen für einen spannenden Herbst und Winter.

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Die Runde

Die Gruppe „Vissel for future“ veranstaltet am Mittwoch, 8. September, eine Gesprächsrunde mit den Bürgermeisterkandidaten und Parteien zur Wahl-, Klima- und Umweltpolitik in Visselhövede. Beginn ist um 18 Uhr in der Aula der Oberschule Auf der Loge 7. Jedermann ist eingeladen und bekommt Einlass gemäß der aktuellen Corona-Regelungen. Unter Umständen sind noch Tests erforderlich. Weitere Informationen gibt es unter www.visselforfuture.de. Die Kontaktadresse: info@visselforfuture.de.

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