Gleichstellungsbeauftragte Brigitte Borchers geht in den Ruhestand - Von Dennis Bartz

„Erst in 300 Jahren am Ziel“

Brigitte Borchers verabschiedete sich Ende Dezember vom Rat der Stadt Rotenburg mit einem Lied.
 ©Dennis Bartz

„Raus mit’n Männern aus’m Reichstag, und raus mit’n Männern aus’m Landtag, und raus mit’n Männern aus’m Herrenhaus, wir machen draus, ein Frauenhaus!“

Rotenburg. 28 Jahre lang machte sich Brigitte Borchers für die Geschlechtergleichstellung in Rotenburg stark – am 31. Dezember war ihr letzter Arbeitstag. Die 65-Jährige verabschiedete sich in der jüngsten Ratssitzung mit einem Appell an alle Männer („Teilen Sie Macht und Ressourcen und Arbeit. Bezahlte und unbezahlte Arbeit.“) und bewies Bühnentalent, als sie das Stück „Raus mit‘n Männern aus dem Reichstag“ sang und dazu Akkordeon spielte. Komponist Friedrich Holländer hatte den Song 1926 für Chanson-Sängerin Claire Waldoff geschrieben. Im Interview mit der Rundschau zieht Borchers Bilanz.

Frau Borchers, sind Sie zufrieden mit der Wahl Ihrer Nachfolgerin?

Brigitte Borchers: Ich bin sehr zufrieden. Dr. Kerstin Blome war eine meiner Favoritinnen unter den Bewerberinnen. Ich glaube, sie bringt alles mit, was eine Gleichstellungsbeauftragte braucht, zum Beispiel Kommunikationsstärke und Durchsetzungsvermögen.

Am 1. November 1990 haben sie als Sachbearbeiterin für Gleichstellungsfragen ihren Dienst angetreten, im Dezember 1993 sind Sie zur Frauenbeauftragten bestellt worden. Wie schwer haben wir Männer Ihnen damals den Job gemacht?

Borchers: Als ich anfing, war der Posten noch exotisch. Generell war es so, dass Frauenbeauftragte lange mit dem Vorwurf der Lächerlichkeit zu kämpfen hatten. Viele in der Verwaltung fanden zum Beispiel damals, dass Frauen längst gleichgestellt sind. Dabei gab es lange Zeit nirgends Frauen in den Abteilungs- oder Amtsleitungen – geschweige denn an der Verwaltungsspitze. Das wurde aber für ganz normal gehalten, so, als entspreche es der göttlichen Ordnung.

Ist dieses Denken heute aus den Köpfen der Menschen verschwunden?

Borchers: Vielerorts schon, aber längst nicht überall. Es muss sich noch vieles tun, damit wirklich alle Frauen dieselben Chancen haben wie Männer. Auch für das Erreichte müssen wir jeden Tag wieder kämpfen.

Bis 2002 waren Sie Frauenbeauftragte, danach wurde der Posten in Gleichstellungsbeauftragte umbenannt. Mit welchem Begriff fühlen Sie sich wohler?

Borchers: Ich bevorzuge die Bezeichnung Frauenbeauftragte. Es geht zwar um beide Geschlechter, aber die Waage ist immer noch im Ungleichgewicht. Wir haben eine Schere in der Gesellschaft, die sehr deutlich ist: 21 Prozent Lohn- und Gehaltsunterschied bei gleicher Arbeit lassen sich nicht wegdiskutieren, die sind da. Deutlicher kann man es nicht machen, dass etwas nicht in Ordnung ist. In Bremen heißt es „Zentralstelle zur Verwirklichung der Gleichstellung der Frau“. Das ist in meinen Augen die passende Bezeichnung, denn darum geht es immer.

Vergessen Sie dabei nicht uns Männer?

Borchers: Nein. Denn ich denke, es tut auch Männern nicht gut, so, wie die Gesellschaft läuft. Es kann nicht das Ziel sein, dass sie sich kaputt arbeiten, wenn ein Kind geboren wird, weil sie die Familie ernähren müssen. Und Frauen auf der anderen Seite zu Hause bleiben und in der Falle sitzen, weil sie im Beruf den Anschluss verlieren. Es hat sich trotz Elterngeld plus in der Praxis noch nicht durchgesetzt, dass es viel besser wäre, wenn beide Elternteile beispielsweise 30 Stunden arbeiten.

In welchen weiteren Bereichen sehen Sie Defizite bei der Gleichstellung von Frau und Mann?

Borchers: Es ist zum Beispiel immer noch so, dass bei den Paaren, die sich für einen gemeinsamen Ehenamen entscheiden, mehr als 90 Prozent der Frauen bei einer Hochzeit bereitwillig ihren Namen hergeben.

So wie meine Ehefrau ...

Borchers: Grundsätzlich soll das ja auch jede selbst entscheiden. Aber ich wundere mich, dass so viele Frauen kein Bewusstsein dafür haben, dass der Name auch etwas mit ihrer Identität zu tun hat – anders als Männer. Genauso selbstverständlich wird immer noch angenommen, dass die Mutter wichtiger für die Kinder ist als der Vater. Im aktuellen Gleichstellungsbericht der Bundesregierung steht, dass Frauen 50 Prozent mehr Zeit für die sogenannte Care-Arbeit aufwenden als Männer, also in der Pflege und für die Kinderbetreuung. Es ist doch skandalös, dass sich da nichts ändert.

Haben sich auch Männer an Sie gewandt?

Borchers: Es gab ein paar Männer, die wollten Elternzeit nehmen und hatten deswegen Probleme mit ihrem Arbeitgeber. Da war es natürlich in meiner Zuständigkeit, sie darin zu unterstützen. Ich hätte mir gewünscht, dass sich mehr Männer mit solchen Anliegen an mich wenden und das Ziel haben, aus ihren Rollen auszubrechen. Damit haben viele Männer nämlich Probleme: Sie müssen immer die starken, toughen Alleskönner sein.

Ich kenne viele Männer, die nicht so sind – mich selbst eingeschlossen.

Borchers: Das ist schön zu hören. Aber wenn Männer beispielsweise etwas Neues für eine Stelle lernen müssen, gehen sie da mit einem anderen Selbstverständnis heran und sagen: „Das bekomme ich schon hin.“ Frauen gestehen sich eher ein, dass sie daran arbeiten müssen. Für Männer kann es anstrengend sein, immer ihrem gesellschaftlichen Bild gerecht zu werden.

Zu diesem Bild gehört auch, dass sie einer Frau die Tür aufhalten sollten. Legen Sie Wert darauf?

Borchers: Nein, das tue ich nicht. Im Gegenteil. Ich gehe manchmal sogar etwas schroff damit um, weil ich solche Verhaltensweisen eher ablehne. Ich lasse mir auch nicht gerne in die Jacke helfen. Es ist viel umständlicher, wenn sie mir hingehalten wird, weil ich dann immer erst nach dem Ärmel suchen muss. Ich frage mich: Was soll das? Ich kann das doch selbst. Ich muss auch nicht zuerst begrüßt werden, das ist mir ganz egal.

Für uns Männer geht es dabei um die nette Geste.

Borchers: Ich will das auch niemandem verbieten. Ich erwarte aber nicht von einem Mann, dass er immer der Starke ist, immer voran geht.

Wenn es draußen in Strömen regnet, würde ich immer bereitwillig den Müll rausbringen. Läuft also in meiner Beziehung etwas falsch?

Borchers (lacht): So lange Sie dafür im Gegenzug nicht erwarten, dass Ihre Frau den Abwasch macht, ist das in Ordnung.

Könnte ein Mann ein guter Gleichstellungsbeauftragter sein?

Borchers: Nein, das denke ich nicht. Ihm fehlt dafür die Diskriminierungserfahrung einer Frau.

Hat sich jede Frau schon einmal diskriminiert gefühlt?

Borchers: Vielleicht nicht direkt. Aber dass Männer und Frauen für denselben Job unterschiedlich bezahlt werden, hält jede Frau für einen Skandal. Jobs in der Pflege, die meist von Frauen ausgeübt werden, sind insgesamt zu schlecht bezahlt. Und es ist bezeichnend, dass wir in Rotenburg an allen städtischen Kindergärten zusammengerechnet nur einen Erzieher haben.

Sind Sie trotzdem zufrieden mit dem, was Sie erreicht haben?

Borchers: Ich denke, dass sich in den 28 Jahren sehr viel verändert hat. Es gibt gute Beratungsstrukturen hier, beispielsweise ein Frauenhaus, Wildwasser und Simbav. Rotenburg ist sehr offen gegenüber Gleichstellung.

Nennen Sie gerne ein paar positive Beispiele. Wo geht Rotenburg voran?

Borchers: Das hört sich jetzt vielleicht erstmal albern an, aber zum Beispiel bei „One Billion Rising“, einer weltweiten Kampagne gegen Gewalt an Frauen und Mädchen, tanzen jedes Jahr viele Frauen und Männer auf dem Pferdemarkt mit. Dieses und weitere Themen sind in der Öffentlichkeit angekommen und die Akzeptanz ist groß.

Sehen Sie in den anderen Kommunen des Landkreises größere Probleme?

Borchers: Ja, es ist nicht gut, dass fast alle anderen Gleichstellungsbeauftragten ehrenamtlich oder nebenamtlich arbeiten müssen. Das wertet die Aufgabe ab und es muss für die Frauen auf den Posten frustrierend sein, wenn sie mehr oder weniger in der Bedeutungslosigkeit versacken. Gleichstellung ist ein Fulltime-Job, der zwingend hauptamtlich sein sollte.

Für welche Themen hätten Sie gerne mehr Zeit gehabt?

Borchers: Ich habe mich zwar sehr gut vernetzt in Rotenburg, aber ich habe es nicht geschafft, ein aktives Frauennetzwerk zu erhalten – denn das gab es zu Anfang noch. Ich fände es außerdem gut, wenn in der Stadtverwaltung Gender-Mainstreaming eingeführt würde. Das würde bedeuten, dass bei allem, was geplant und getan wird, immer von vornherein von allen Verantwortlichen zu prüfen wäre, wie sich das Handeln auf Männer und auf Frauen auswirkt. Das würde manches ändern, aber es funktioniert nur dann, wenn die Verwaltungsspitze dahinter steht. Und die habe ich letztlich nicht überzeugen können.

In welchen Alltagssituationen bemerken Sie, dass Gleichstellung noch nicht überall angekommen ist?

Borchers: Dafür ein kleines Beispiel: Frauen werden in manchen Restaurants später bedient als Männer. Vor allem von männlichen Kellnern. Vielleicht ohne Absicht werden wir da übersehen und andere Tische, die manchmal erst sehr viel später besetzt werden, kommen zuerst dran. Ich wollte das zunächst gar nicht glauben, aber vor allem in eher traditionell gepflegten Restaurants mache ich oft diese Beobachtung. Ansonsten merke ich davon im Alltag wenig, weil ich selbstbewusst auftrete. Das war schon als Kind so – ich wollte schneller auf dem Baum sein als die Jungs.

Haben Ihre Eltern Sie darin bestärkt?

Borchers: Ja, für sie war Gleichberechtigung von Mädchen schon damals ganz selbstverständlich. In der Pubertät habe ich wie jede andere meine Rolle in der Gesellschaft gesucht und war alles andere als selbstbewusst. Später war ich Teil der Frauenbewegung in den 1970er-Jahren und habe zum Beispiel gegen den Abtreibungsparagrafen 218 demonstriert.

Schaffen Sie es in Ihrer Freizeit, die Rolle der Gleichstellungsbeauftragten zu verlassen?

Borchers: Naja, nicht immer. Und das kommt in meinem Freundeskreis nicht nur gut an. Ich korrigiere beispielsweise, wenn nur in männlicher Form gesprochen wird. Weil ich das nicht okay finde.

Haben Sie selbst hin und wieder das Gefühl, dass Sie zu weit gehen?

Borchers: Das kommt vor. Ich war mal mit zwei befreundeten Paaren im Urlaub. Wir haben abends getanzt und einer der Männer hat die Musik ausgesucht. Da lief dann ein Stück nach dem anderen, das von Männern performt wurde. Deshalb habe ich nachgefragt, ob er nicht auch Songs von Frauen hat, damit eben beide, Männer und Frauen, Geld mit ihrer Musik verdienen. Natürlich nervt sowas die anderen. In solchen Situationen wünsche ich mir etwas mehr Gelassenheit. Aber noch lieber wäre es mir natürlich, wenn Künstlerinnen und Künstler ganz selbstverständlich die gleiche Aufmerksamkeit bekämen.

Womit haben wir Sie in den vergangenen 28 Jahren verärgert?

Borchers: Das generische Maskulinum in Zeitungen stört mich immer noch immens – es sollten Frauen und Männer benannt werden, also Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer. Vor 25 Jahren hat mal eine Redakteurin zu mir gesagt, sie dürfe vorerst nichts mehr über Gleichstellung schreiben. Ihr Redaktionsleiter fürchte, dass Anzeigenkunden sonst abspringen könnten. Aber diese Zeiten sind zum Glück vorbei.

Glauben Sie daran, dass der Posten der Gleichstellungsbeauftragten irgendwann nicht mehr gebraucht wird?

Borchers: Es gibt dazu interessante Berechnungen: Wenn die Gleichstellung demnach im selben Tempo fortschreitet wie bisher, dann wären wir erst in mehr als 300 Jahren am Ziel – das dauert also noch ein wenig.

Welchen Beruf hätten Sie ausgeübt, wenn Sie nicht Gleichstellungsbeauftragte geworden wären?

Borchers: Ich habe Kunstgeschichte, Philosophie und Literatur studiert und hatte danach eine befristete Stelle in einem Museum. Ich hätte damals gerne als Kunsthistorikerin weitergearbeitet. Ich wäre auch gerne Musikerin geworden, aber dafür fehlte mir der Fleiß. Ich kann gut singen und spiele ordentlich Klavier und Akkordeon, ich war auch eine gute Flötistin. Aber diesen Berufswunsch habe ich ja viele Jahre lang wenigstens im Nebenjob als Kabarettistin umgesetzt. Früher war ich in der Rotenburger Stadtkantorei aktiv und singe jetzt in der Bremer Kantorei St. Stephani. Dafür habe ich nun wieder mehr Zeit.

Womit werden Sie außerdem Ihre Freizeit verbringen?

Borchers: Das weiß ich noch nicht. Erstmal bin ich gespannt, wie sich das anfühlen wird, nicht mehr zu arbeiten. Vielleicht gehe ich noch einmal zur Uni. Außerdem habe ich viele Interessen, einen großen Freundeskreis und vor allem Enkelkinder, die darauf warten, dass ich mehr Zeit mit ihnen habe. Ich wohne zudem in Bremen, da wird man früher oder später zur Werder-Sympathisantin. Ich möchte auf jeden Fall mal ins Stadion und mir ein Spiel dort ansehen.

Was wünschen Sie sich für Rotenburg?

Bochers: Rotenburg ist eine tolerante, freundliche und liberale Kleinstadt. Ich wünsche mir, dass das so bleibt. Man weiß ja nie, wie sich Gesellschaft und Politik dort entwickeln – darum mache ich mir aktuell leider Sorgen.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
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 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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