Freiwilligendienstler Aaron Kruse spricht über „Made in China“

Milliarden für die Weltspitze

In vielen Fabriken in China wird auf Handarbeit gesetzt. Arbeitskräfte sind billig und die Sicherheitsvorschriften gering.
 ©Rotenburger Rundschau

Rotenburg/Wenxian (db). Der 18-jährige Rotenburger Aaron Kruse tauscht die Schulbank gegen das Lehrerpult. Der frisch gebackene Abiturient unterrichtet elf Monate im Rahmen des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes Weltwärts Englisch an der No. 1 Senior High School in Wenxian (China). In der Rundschau berichtet Kruse alle zwei Wochen über das, was er dort erlebt.

Ob Schuhe, T-Shirt oder Jacke – jeder von uns hat im Kleiderschrank Produkte aus Fernost, die das Label „Made in China“ tragen und damit von einer langen Reise vom Produktionsort bis zum Verbraucher zeugen. Was aber bedeutet „Made in China“ für die Chinesen selbst? Und welche wirtschaftliche Zukunft hat ein Herkunftsland von Billigprodukten? Dieser Frage bin ich nachgegangen.

„Made in China“ ist wohl eines der am weitesten verbreiteten Label, nicht zuletzt deshalb, weil China an der Spitze der Exporteure weltweit steht.

Denke ich an „Made in China“, so kommen mir Bilder von dunklen Fabrikhallen in den Kopf, in denen minderbezahlte Arbeiter eng an eng unter menschenunwürdigen Bedingungen an Nähmaschinen sitzen und T-Shirts westlicher Marken zusammennähen, oder andere, die Smartphones zusammenschrauben. So geht es, glaube ich, nicht nur mir. Traurig genug, dass das an vielen Orten der Realität entspricht. Dokumentationen der Öffentlich-Rechtlichen wie „Der Preis der Blue-Jeans“ führen es uns das eine ums andere Mal vor Augen, was unser Konsum in Europa für direkte Einflüsse auf die Menschen in China und Südostasien hat.

Anders als in Deutschland setzen die Unternehmen in China nach wie vor primär auf Handarbeit, da jene aufgrund des geringen Stundenlohns und mangelnder Sicherheitsvorschriften oftmals günstiger ist als voll automatisierte Maschinen. Das geht oft nicht auf Kosten der Qualität, aber viel zu oft auf Kosten der Gesundheit der Menschen.

Seit einigen Jahren verlegen immer mehr Firmen ihre Produktionsstandorte in andere asiatische Staaten wie Vietnam oder Thailand. Grund dafür ist unter anderem der immer weiter ansteigende chinesische Mindestlohn und immer strengere Kontrollen gegen Schwarzarbeit vonseiten des Staates. China möchte sich weiterentwickeln, raus aus der Rolle des Schwellenlandes. Einen ersten großen Schritt dahin leitete Peking bereits im Mai 2015 ein, mit dem Zehn-Jahres-Plan „Made in China 2025“. Zu den kurzfristigen Zielen gehören umfassende Verbesserungen der Produkt- und Arbeitsqualität. In einem zweiten Schritt bis 2035 will China viel Geld in die Wissenschaft stecken, um sich bis dahin im Mittelfeld der Industriemächte zu positionieren. Langfristig bis 2049 zum 100-jährigen Jubiläum will die Volksrepublik an der Weltspitze der Industrienationen stehen. Das CSIS („Center for Strategic and International Studies”) leitete diesen Plan von der deutschen „Industrie 4.0“ ab, einer um 2011 gestarteten Initiative für eine allgemeine Verbesserung und Modernisierung der Deutschen Industrie. Diese Pläne wirken beim Lesen zunächst wie populistische Propaganda, aber tatsächlich startet Peking damit, riesige Investitionen in zukünftige Technik zu stecken, wie zum Beispiel in den Bereich der Künstlichen Intelligenz. Während sich Deutschland in diesem Feld mit Investitionen von drei Milliarden Euro bis 2025 begnügt, kündigt China Investitionen in Höhe von insgesamt 150 Milliarden Dollar bis 2030 an. So viel investiert sonst kein anderer Staat.

Schon jetzt ist China auf bestem Wege, den Wettbewerb auf diesem Feld zu gewinnen. Außerdem möchten die Verantwortlichen in die Schlüsselindustrien investieren. Dazu zählen neben Schiffbau und Raumfahrttechnik auch Bereiche wie Biomedizin sowie große Investitionen in die Pharmaindustrie. Basis für all diese Pläne sind neun strategische Aufgaben, denen sich der Staat stellt: Er möchte weg von Massenproduktion hin zu mehr eigener Innovationen, ein Qualitätsbewusstsein für „Made in China“ schaffen und die umweltfreundliche Produktion fördern. Kurzgesagt: die gesamt chinesische Industrie aufrollen.

China plant den Weg zu einer zukunftsträchtigen und innovativen Weltmacht. Der Staat und die Industrie wollen vor allem eines: „überlegen“ sein, und das wenn möglich in jedem Bereich. Deutschland dient China dabei gerne als Vorbild.

In „meiner“ Stadt Wenxian kommt von solchen Investitionen in die Zukunft nur ein sehr begrenzter Teil an. Ein Großteil der chinesischen Industriezonen liegt an der fortschrittlichen und reicheren Ostküste des Landes. Die Gründe dafür sind zahlreich: Nicht nur bietet die Nähe zur Küste durch ihre weit entwickelte Infrastruktur für den Transport große Vorteile, sondern auch der hiesige Fachkräftemangel und das natürliche Umfeld von Wüste und Gebirge im Nordwesten des Landes lässt kaum Raum für große Industrie. Aber zumindest an der Infrastruktur arbeitet man auch hier schon: Neben großen Schnellstraßen, die durch das riesige Gebirge und endlos erscheinende Tunnel gebaut werden, versucht China durch immense Investitionen eine Basis für zukünftige Fachkräfte zu schaffen.

Weil ich selbst bisher nur einen oberflächlichen Blick in die Strukturen des Landes gewinnen konnte, habe ich darüber ausführlich mit einer jungen Kollegin gesprochen, Wen Shuli, und sie mit meinen Eindrücken konfrontiert.

Auf die Frage, was sie mit „Made in China“ verbinde, meinte sie knapp, dass sie zunächst einen gewissen Stolz empfinde, da es ein eigenes Produkt sei und aus dem eigenen Land stamme. Allerdings verbinde sie mit China auch eine eher eine schlechte Produktqualität. „Made in China“ im Ausland könne man nicht mit demselben Label in China vergleichen. Chinesische Kunde bekämen demnach oft eine schlechtere Qualität.

Mit „Made in Germany“ verbinde sie hingegen hohe Qualität. Sie nennt beispielhaft vor allem Autos und Bier. Viele Chinesen geben dafür gerne etwas mehr aus, um zu zeigen, dass sie sich importierte Güter leisten können. Auch deswegen sind gefälschte westliche Produkte in China weit verbreitet.

• Wer den Freiwilligendienst Weltwärts unterstützen will, meldet sich per E-Mail an aaron.kruse@yahoo.com oder telefonisch bei Vater Niels Kruse unter 0170/2227356. Spender erhalten auf Wunsch eine Spendenbescheinigung.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
 04261 / 72 -430
 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

13.12.2019

Wintervergnügen in Sothel

13.12.2019

Weihnachtsmarkt Westerholz

11.12.2019

Weihnachtsmarkt Visselhövede

06.12.2019

Weihnachtsmarkt Sittensen