Francesca Rechter und Chiara Schramm über ihren Weg zum erweiterten Realschulabschluss - Von Nina Baucke

„Mehr Selbstbewusstsein“

Francesca Rechter (links) und Chiara Schramm haben den erweiterten Realschulabschluss in der Tasche. Foto: Nina Baucke
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Rotenburg. Chiara Schramm (18) aus Mulmshorn hat vor einigen Jahren ohne Abschluss die Schule verlassen. Francesca Rechter (20) aus Wense erwartet von sich mehr als Hauptschule. Beide haben nun die zweite Chance, die ihnen ein Kurs der Rotenburger Volkshochschule gegeben hat, genutzt: Sie gehörren zu den 36 jungen Menschen, die kürzlich dort ihren Haupt- beziehungsweise Realschulabschluss gemacht haben – unter anderem unterstützt von Birgit Lynge, pädagogische Mitarbeiterin der VHS. Die Rundschau hat sich mit ihnen über Motivation und Herausforderungen unterhalten.

Frau Rechter, Frau Schramm: Warum haben Sie diesen Kurs besucht?

Chiara Schramm: Ich war auf der Hauptschule in Lauenbrück, bis ich nach der neunten Klasse abgegangen bin. Dann war ich auf den Berufsbildenden Schulen in Rotenburg, aber ich wusste nicht, was ich will. Irgendwann dachte ich: Setz dich auf den Hosenboden, mit einem Hauptschulabschluss kommst du sonst nicht weit. Und dann hat eine Schulsozialarbeiterin mir erzählt, dass man hier diesen Kurs machen kann. Francesca Rechter: Ich bin in Hamburg zur Schule gegangen, hatte dann aber mit einem Todesfall zu kämpfen. Ich habe in Stade den Hauptschulabschluss gemacht, aber das reichte mir nicht, ich habe viel höher Erwartungen an mich. Daher bin ich das jetzt angegangen, um meine Ausbildung machen zu können. Ich bin ja jetzt auch schon 20. Schule ist Pflicht, die Volkshochschule ist freiwillig. Wie motiviert man sich für diesen Weg? Schramm: Aus meiner Familie und meinem Umfeld haben mir immer wieder einige gesagt, dass sie mit mir gar nicht zu diskutieren bräuchten, ich hätte ja keinen hohen Bildungsstand. Ich wollte ihnen darauf zeigen, dass ich mehr kann. Man wird als Hauptschüler heute ziemlich runtergemacht. Rechter: Die Möglichkeiten sind einfach andere. Ich hätte auch einfach einen Realschulabschluss machen können, meinen Ausbildungsplatz hatte ich schon in der Tasche. Aber es war mir einfach für mich wichtig, den erweiterten zu machen: mehr Möglichkeiten und mehr Selbstbewusstsein. Wie haben Familie und Freunde reagiert? Schramm: Meine Mutter ist sehr stolz auf mich. Andere behaupteten, den Abschluss auf diesem Weg zu machen, sei für Dumme. Aber ich dachte mir: Rede du nur weiter, mir ist egal, wie ich es schaffe, Hauptsache ich schaffe es. Rechter: Mir war es auch egal, wie. Meine Mutter hatte dieses Angebot in der Zeitung gesehen. Und ich finde es gut, den Abschluss hier zu machen: Die Lehrer sind anders. Inwiefern anders? Rechter: Sie gehen mehr auf uns ein. Sie haben keine anderen Klassen – oder jedenfalls merken wir das nicht, dass sie noch an anderen Schulen sind. Wir merken nur, dass sie sich Zeit für uns nehmen. Schramm: Ich hatte zu meinen Lehrern hier ein besseres Verhältnis als zu denen an meiner alten Schule. Da war ich nur eine von vielen Schülerinnen. Hier waren wir Schützlinge für sie, sie haben uns geholfen, dass wir es packen. Birgit Lynge: Hier wird jeder gesehen, jeder wird einzelnd von Lehrkräften wahrgenommen. Und unsere Lehrer haben den Auftrag, nicht zu hart zu urteilen, nicht auszusondern, wie es häufig leider in Schulen passiert. Hier geht es darum, mit dem Schüler gemeinsam daran zu arbeiten, dass es mit der Note klappt. Und dazu gehört, immer wieder das persönliche Gespräch zu suchen. Ich denke, die Jugendlichen merken, dass wir ihnen wirklich helfen wollen. Ist auch das Verhältnis zwischen den Absolventen hier anders, als zwischen Schülern? Rechter: Wir sehen uns nicht so als Konkurrenten. Schramm: Wir haben uns mehr untereinander geholfen. Als ich vor den Prüfungen einen Zusammenbruch hatte, haben sich andere zu mir gesetzt und gesagt: Komm, wir helfen dir jetzt. Das hätte ich, denke ich, an der Regelschule nicht so erlebt. Wie sehen ansonsten die Alterunterschiede in den Kursen aus? Rechter: Ich bin mit 19 Jahren hierher gekommen und hatte am Anfang vor allem Angst, dass ich die älteste bin. Und am Ende war ich die älteste Absolventin war. Aber generell sind die Altersunterschiede untergegangen – hier sind ja ohnehin alle über 18 Jahre, anders, als das auf der Regelschule der Fall gewesen wäre. Lynge: Wir hatten einige mit 27 Jahren, im Abendkurs sogar über 30-Jährige. Das sind häufig Frauen, die früh Kinder bekommen haben und jetzt sagen, sie wollen ihren Kindern ein Vorbild sein. Eine von ihnen hat drei Kinder, hat dann ihren Schulabschluss nachgeholt – und nun will sie studieren. Ich bewundere das sehr. Denkt man irgendwann mal angesichts des Tempos, mit dem hier der Stoff vermittelt wird, auch mal: Das wird mir doch zuviel? Rechter: Auf jeden Fall! Von den Schulen sickert durch: Wir sind jetzt fertig, und das macht uns den Druck. Schramm: Meine Motivation war nur dann weg, wenn ich festgestellt habe, dass wir kürzere Ferien haben. Aber das war dann am Ende nicht so schlimm. Gleicht die Zusammenstellung der Fächer der an einer Regelschule? Rechter: Wir hatten kein Sport oder Wirtschaft, ansonsten sind die Fächer die selben wie an einer normalen Schule: Chemie, Mathe, Deutsch, Englisch ... Schramm: ... Biologie, Geschichte und Politik. Rechter: Wir hatten dazu Unterricht, in dem wir Bewerbungsgespräche trainiert haben und auf das Arbeitsleben eingegangen sind. Das war praktisch, denn direkt danach habe ich mein Bewerbungsgespräch geführt – erfolgreich! Wie geht es nach den Zeugnissen weiter? Schramm: Ich gehe in Zeven weiter zur Schule, zur BBS, Fachgymnasium Gesundheit und Soziales. Ich will mein Abitur schaffen. Danach würde ich gerne Politik und Geschichte auf Lehramt studieren. Lynge: Viele entdecken hier, dass das Lernen nicht so schlimm ist wie in der Schule. Sie erkennen: Viele haben mir eingeredet, ich bin doof, aber ich kann tatsächlich was. Dafür müssen sie dann aber auch hart arbeiten. Sie merken, wir respektieren sie, wir nehmen sie für voll. Keiner in der Klasse hat einen geraden Lebenslauf: Unter ihnen sind Schulverweigerer, junge Leute, die „Null Bock“ auf Schule hatten. Einige haben schlimme Zeiten hinter sich, einige kommen aus Heimen, aus zerütteten Familien. Das kann alles sehr schnell passieren, im Teenageralter ist man nunmal sehr labil. Wir wollen zeigen, dass die letzte Hoffnung nie verloren ist. Wir machen klar: Das hier ist Erwachsenenbildung, ihr macht das also allein für euch. Frau Schramm, hätten Sie vor zwei Jahren gedacht, dass Sie sich mal so etwas vornehmen? Schramm: Nein. Ich habe mir immer meine Lehrer angeschaut und mich gefragt, warum man sich das antut, auch mit den anstrengenden Schülern! Und zu studieren hatte ich auch nie im Kopf, ich habe noch nicht einmal an das Abitur gedacht. Hier habe ich dann mehr und mehr gedacht: Hey, du bist doch gar nicht so schlecht! Eigentlich könntest du das doch auch schaffen! Ärgert man sich manchmal, dass man sich erst jetzt richtig reingehängt hat? Schramm: Ja. Aber das gehört jetzt zu meinem Leben, so war es, so ist es. Das ist halt meine Geschichte. Jetzt geht’s an eine neue Schule – und die Schüler sind alle zwei Jahre jünger als ich. Die haben mit 18 ihr Abi, ich mit 21. Da nervt es mich heute schon, dass ich damals so dämlich war. Aber besser spät als gar nicht. Rechter: Ich habe jetzt eine Ausbildungstelle als Altenplfegerin in Hamburg, aber auch ich ärgere mich, dass ich es erst so spät geschafft habe – auch, wenn es bei mir anders auch nicht funktioniert hätte. Meine Freunde arbeiten alle schon, verdienen ihr eigenes Geld, und das ist auch manchmal ein Problem. Ist dieser Weg auch anderen empfehlen, die ihren Abschluss in der Schule nicht geschafft haben? Schramm: Ja, auf jeden Fall. Aber man sollte sich wirklich anstrengen und nicht einfach zu Hause bleiben. Spätestens bei den Prüfungen zeigt sich, wer regelmäßig da war. Lynge: Wir können ihnen immer nur wieder nahelegen, zum Unterricht zu kommen. Aber wir können nichts tun, wenn sie fernbleiben. Melden sich ehemalige Absolventen mit Erfolgsgeschichten? Lynge: Ab und zu tauchen sie hier auf, bekommen wir Nachrichten. Von vielen hören wir, dass sie eine Ausbildung abgeschlossen haben, einige auch ein Studium. Das ist so wichtig, dass sie entdeckt haben, dass ihr Weg weiterführen kann. Denn wenn sie dann auch in der Lehre merken, dass sie für voll genommen werden, bleiben sie auch dabei. Info: Die Rotenburger Volkshochschule bietet die Möglichkeit, über einen einjährigen Kurs wahlweise Hauptschul-, Realschul- sowie den erweiterten Realschulabschluss nachzuholen. Zum einen in Tageskursen, täglich von 8.30 bis 13.30 Uhr, zum anderen in Abendkursen, vier Abende die Woche, jeweils von 18.30 bis 21.30 Uhr. Die Prüfungen am Ende des Kurses nehmen die VHS-Lehrer ab, als Ko-Prüfer kommen von der Landesschulbehörde bestellte Lehrer aus Regelschulen dazu. Im August beginnen neue Kurse. Während der Tageskurs bereits voll belegt ist, gibt es in den Abendkursen für den Haupt- als auch für den Realschulabschluss noch freie Plätze. Fragen dazu beantwortet Birgit Lynge telefonisch unter 04261/914513.

Autor

Nina Baucke Nina Baucke
 04261 / 72 -433
 nina.baucke@rotenburger-rundschau.de

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