Ein Leben für bewegte Figuren: Künstler Jahanguir Dermani

Ideen blitzend wie Funken

Bei null anfangen. Mit bisher vermißten Freiheiten, allerdings von der eigenen Familie auf unbestimmte Zeit getrennt. Dafür hat sich Jahanguir Dermani entschieden. Seit neun Monaten und 14 Tagen lebt der Künstler aus dem Iran in Rotenburg. Seine Heimat hat er verlassen, weil er dort in seinem Beruf als Zeichner, Regisseur für Trickfilme und Illustrator nicht nach seinen Vorstellungen arbeiten konnte.

"Setzen Sie sich bitte auf die rechte Seite des Sofas. Dort wo das Loch im Stoff ist, hat sich eine Spirale gelöst", sagt Jahanguir Dermani. Will gleich bei der Begrüßung eine Szene vermeiden, die in einem Comic als Pointe erscheinen könnte. Per Fingerzeig in eins von unzähligen selbst veröffentlichten Kinderbüchern macht Dermani deutlich, weshalb er in Persien nicht mehr arbeiten kann. Zu sehen ist die kolorierte Federzeichnung einer Frau, deren Haare mit einem Tuch verhüllt sind. Die einen Pulli und eine Stoffhose trägt. "Alles muß verhüllt sein. Sonst wird die Veröffentlichung vom Ministerium für Kultur nicht genehmigt." Inhalt und Intention von allem, was Künstler im Iran publizieren wollen, werde zunächst unter die Lupe genommen, der Erscheinungstermin unverhältnismäßig hinausgeschoben. Kritische Karikaturen von Politikern, bekannten Personen oder Figuren wie Adam und Eva seien undenkbar, könnten gar einen Gefängnisaufenthalt zur Folge haben. Ebenso sei die Herausgabe von Comic-Strips untersagt. Stattdessen hat Dermani unzählige harmlose Illustrationen zu Zeitungsartikeln angefertigt. Für den 40jährigen keine Perspektive. "Künstler sind nicht wie Politiker, die erst Kriege führen und dann eine Einigung herbeiführen, sich die Hände schütteln. Sie haben ihre eigenen Ideen und schwenken nicht um. Bestenfalls sind sie optimistisch, unabhängig sowieso." Wenn Dermani sprunghaft aus seiner Biographie berichtet, dann liegt seine Stirn konzentriert in Falten, weil er im Deutschen und im Englischen dann und wann nach Worten sucht. Ein erster Eindruck des Betrachters täuscht. Könnte der doch vermuten, daß Dermani mit seinen glatten Händen und der kantigen Brille am Schalter einer Bank agiert, einem als hilfsbereiter Verkäufer im Supermarkt entgegenkommt oder sich als Versicherungsvertreter von Tür zu Tür klingelt. Eher unscheinbar wirkt er. Dabei ist Dermani schon in seiner Kindheit mit besonderen Interessen aufgefallen, die für ihn bis heute Lebensinhalt sind. Wenn seine Kumpels in der Schulpause kickten, stellte er sich an den Rand des Hofes, um Skizzen von dem Fußballspiel auf seinen Block zu kritzeln. Und noch vor etwas mehr als einem Jahr saß er als Erwachsener mit Bleistift und Papier in iranischen Linienbussen, um die Fahrgäste und ihre Bewegungen im Bild festzuhalten. Als neuer Bürger der Kreisstadt hält er das genaue Beobachten, eine wichtige Quelle für seine Arbeit, bei. Während seiner Spaziergänge in der Kreisstadt fertigte er jedoch bisher noch keine Zeichnungen an, muß sich erstmal an die neue Umgebung gewöhnen, Sicherheit gewinnen. Viele Eindrücke hat er allerdings als Fotos festgehalten. Auffälliges gleich aufgeschrieben. "Ideen für Geschichten, die blitzen manchmal wie Funken auf. Die schreibe ich dann immer gleich auf, bevor sie vergessen sind." Vor ein paar Tagen erst, da schlenderte er bei sommerlichen Temperaturen die Straßen entlang, als sein Blick an einer Wäscheleine hängen blieb. Eine Geschichte war geboren und ist jetzt auf persisch ("das ist eine Schrift mit harmonisch geschwungenen Zeichen") in seiner Klarsichtmappe eingeheftet. Sie erzählt vom Schicksal eines Schneiders, der sich durch einen Fremden bedroht fühlt. Eines Tages wird sein Laden von einem stämmigen Mann betreten, der ihn um einen maßgeschneiderten Anzug bittet. Der Geschäftsmann wittert die Chance, daß ihm der Muskelprotz behilflich sein könnte und entwirft einen famosen Dreiteiler. Leider wird der Unbekannte, in den er so große Hoffnung gesetzt hat, bei einem Unfall tödlich verletzt. Immer nachts jedoch verläßt der für ihn bestimmte Anzug seinen Kleiderhaken, um Gutes zu tun. Ein Stoff, der sich für einen Comic oder einen Zeichentrickfilm bestens eignet, findet Dermani. Große Freude strahlt er aus, wenn er von dem Paket berichtet, das der Postbote vor einer Woche brachte, und das jetzt als leerer Karton immer noch auf dem Küchentisch steht. Absender sind seine Frau Parvaneh und seine dreijährige Tochter Mahour. ("Die Namen bedeuten Schmetterling und Wüste voll mit kleinen Blumen"). Eine ganze Reihe eigener Zeichnungen hat ihm Mahour auf diesem Wege geschenkt. Und Parvaneh, die im Iran als Frauenärztin arbeitet, hat ihm einige seiner geschätzten Bücher geschickt. Außerdem Fotokopien von Papieren, die hilfreich sein werden, wenn Dermani eine Anstellung in seinem Beruf, vorzugsweise bei einer Filmproduktion, gefunden hat. Dann nämlich will er dafür sorgen, daß ihm seine Familie folgen kann. Manchmal schwierig waren die Gespräche mit seiner Frau über die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen. Weil ihm seine Figuren und Zeichnungen so wichtig sind. "Ich lebe für meine Arbeit, ohne sie kann ich nicht leben." Daß Geld für ihn nicht so wichtig sei, habe er vor kurzem seinem Schwiegervater gesagt. Der nämlich hatte ihm empfohlen, doch Sandwiches zu verkaufen: "Damit verdienst Du mehr." Wer die Gelegenheit hat, einen Blick in die umfangreichen Mappen mit Arbeitsproben von Dermani zu werfen, den wird die Vielfalt der Arbeiten überraschen, sogar die Frage beschäftigen, wie all diese Bilder aus einer Feder stammen können. Da findet sich eine treffende Karikatur des Bürgermeisters Bodo Räke, gleich neben dem stilsicher getuschten Porträt einer Musikerin aus seiner Heimat, die mit ihrem Instrument zu verschmelzen erscheint. Mit Bleistiftporträts hat der Allround-Künstler Menschen festgehalten, die ihm auf seinem Weg begegnet sind. Nur eine Seite weiter: ein komischer Comic mit Mooli, Dermanis Lieblingsfigur. Überhaupt schätzt der Iraner die Strips mit den Sprechblasen über alles. Und Trickfilme: "Mit denen kann ich sehr viele Leute erreichen, weil in fast jedem Haushalt ein Fernseher steht". Routiniert läßt Dermani den schwarzen Filzer in seinen neuen vier Wänden im Heideweg übers Papier quietschen. In kaum einer halben Minute ist Mooli, die Eidechse, aufs Papier gebannt. Und schaut einen Telefonhörer in der Hand fragend drein. Wie´s weiter geht? Woher nur kommen die Stimmen aus der Muschel, fragt sich das Tier mit den großen Kulleraugen. Und sieht sich im Bugs-Bunny-Stil ein Bild weiter hektisch im Raum um. Bis der kleine Derwisch schließlich das Kabel entdeckt, das zur Steckdose führt, sich draufstellt und das Gesprochene sich in der Leitung wie gestautes Wasser zu einem Kloß aufstaut. Und - zadong, krawumm - die Leitung zu zerplatzen droht.

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