Die Zwillingsschwestern Antje und Anja Doil wollen Unverpackt-Laden eröffnen - Von Dennis Bartz

Hüllenlos

Antje (links) und Anja Doil wollen im Herbst einen Unverpackt-Laden in Rotenburg eröffnen.
 ©Foto: Dennis Bartz

Rotenburg. Eine Schildkröte, von einem Getränkehälter aus Plastik stranguliert, ein verendeter Wal, in dessen Magen Wissenschaftler kiloweise Plastik und anderen Müll finden: Es sind Bilder wie diese, die den Zwillingsschwestern Antje, Agraringenieurin, und Lehrerin Anja Doil nicht mehr aus dem Kopf gehen. Sie wollen anderen Menschen dabei helfen, auf Plastik zu verzichten. „Wir werden deshalb einen Unverpackt-Laden in Rotenburg eröffnen“, erklären die beiden 40-Jährigen. Die Rundschau begleitet sie auf dem Weg von der Idee bis zur Eröffnung. Im Interview sprechen die beiden über ihre Ziele.

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, einen Unverpackt-Laden in Rotenburg zu eröffnen?

Anja Doil: Wir haben Ende des vergangenen Jahres eine Reportage über die Plastikproblematik gesehen. Daraufhin haben wir uns gefragt: Wie viel Plastik verbrauchen wir? Wo kommt es zum Einsatz? Und an welchen Stellen könnten wir darauf verzichten? Antje Doil: Wir haben dafür in den gelben Müll geschaut und waren erschrocken. Für viele Produkte in unserem Alltag gibt es plastikfreie Alternative: Nudeln und Müsli beispielsweise. Das größte Problem sehen wir in Einwegplastik: Produkte, die nur für wenige Sekunden oder Minuten benutzt werden und dann im Müll landen. Wir wollten unseren eigenen Plastikkonsum reduzieren, mussten dabei aber feststellen, dass es das Angebot in Rotenburg nicht zulässt.

Wie seid Ihr damit umgegangen?

Anja: Wir haben recherchiert und sind im Internet auf Unverpackt-Läden gestoßen. Das Konzept hat uns sofort begeistert. Also sind wir losgezogen und haben uns einige Läden angeschaut. Leider ist das nächste Geschäft ganz in Bremen. Wir sind überzeugt davon, dass auch die Menschen im Landkreis Rotenburg Plastik einsparen wollen und dort einkaufen würden.

Schon vor 20 Jahren gab es die „Ökos“, die auf Plastik verzichten wollten ...

Anja: Genau. Damals wurden die Menschen dafür noch belächelt, weil die Probleme nicht bekannt waren. Inzwischen ist das Bewusstsein viel größer geworden. Immer mehr Menschen wollen auf Plastik verzichten, sich selbst und der Umwelt etwas Gutes tun – das wird ihnen nur zu schwer gemacht.

Lebt Ihr inzwischen plastikfrei?

Anja: Wir versuchen es, aber das ist nicht so einfach. Wir waren überrascht, als wir uns näher mit dem Thema beschäftigt und dabei festgestellt haben, wie oft die Industrie Plastik verwendet. Im ersten Schritt haben wir Einwegplastik so gut es geht aus unserem Leben verbannt. Kunststoff ist ja nicht per se schlecht: Ich benutze beispielsweise immer noch Plastiktöpfe, weil die sehr lange halten. Es gibt durchaus Produkte, bei denen Plastik Sinn macht. Unser Ziel ist es, den Plastikmüll zu reduzieren.

An welchen Stellen gelingt Euch das, wo noch nicht?

Antje: Es gibt beispielsweise Fleischer, bei denen Kunden ihre eigenen Gefäße mitbringen können. Bäcker tun sich dagegen erfahrungsgemäß oft schwer mit, wenn wir unsere eigene Brötchen-Tüte mitbringen. Wir benutzen außerdem festes Shampoo. Nudeln unverpackt anzubieten, ist eigentlich ein Leichtes, für Strohhalme aus Plastik gibt es genügend Alternativen. Wir sind in unserem gesamten Konsum bewusster geworden. Das ist ein spannender Prozess. Wir waren aber schon immer ökobewusst und kaufen am liebsten im Bioladen oder auf dem Wochenmarkt. Auf Plastik zu verzichten ist an vielen Stellen möglich, aber derzeit noch sehr aufwendig. Da soll unser Unverpackt-Laden helfen.

Wie weit seid Ihr mit Euren Planungen?

Anja: Wir haben uns viele Informationen geholt und Gespräche geführt: unter anderem mit Rotenburgs erster Stadträtin Bernadette Nadermann, mit der IHK, der Lebensmittelaufsicht und der Wirtschaftsförderung. Wir lassen uns zudem von Startklar in Verden beraten. Die unterstützen Existenzgründer und bieten Seminare an. Wir hatten am Anfang ganz viele Fragen: Wie kann man einen Laden eröffnen und das nebenberuflich machen? Denn ich möchte weiterhin als Lehrerin an der Lindenschule in Rotenburg arbeiten – das gibt uns Sicherheit, weil dann nicht zwei Existenzen von dem Erfolg abhängen.

Was waren die nächsten Schritte?

Anja: Wir haben eine E-Mail-Umfrage gemacht, um abzuklopfen, wie die Idee ankommt. Wir wollten außerdem mehr über die Bedürfnisse und Wünsche unserer potenziellen Kunden erfahren. Wir haben sehr viele positive Rückmeldungen erhalten – das hat uns bestärkt. Viele Menschen wünschen sich, dass wir ein Café integrieren, das könnte dann zu einer Begegnungsstätte werden.

Welche Rechtsform strebt Ihr an?

Anja: Wir werden eine GbR gründen. Aber das können wir erst dann machen, wenn wir von der Bank das Okay für den Kredit haben. Den brauchen wir, um die Einrichtung zu bezahlen. Außerdem wollen wir auf Nummer sicher gehen und ein finanzielles Polster für das erste Jahr haben. Danach sollte sich der Laden von selbst tragen. Mit dem Businessplan sind wir bereits in den letzten Zügen.

Wie geht es weiter?

Antje: Wir suchen bereits seit März nach einem geeigneten Laden. Das gestaltet sich schwerer als gedacht. Man hört zwar oft von Leerstand in der Innenstadt – aber bei genauer Betrachtung ist es gar nicht so viel. Die Lage und die Bedingungen müssen stimmen – und letztlich ist es auch eine Frage des Geldes. Anja: Wir haben uns bislang drei Läden angeschaut, aber der Passende war noch nicht dabei. Wir brauchen mindestens 60 Quadratmeter, am liebsten sogar bis zu 100 Quadratmeter, damit wir genügend Raum für ein kleines Café oder Bistro haben. Wichtig ist uns auch der Lagerraum, der nicht im Keller sein sollte. Denn viele Waren kommen in 25-Kilogramm-Säcken an, die können wir zwei da nicht herunterschleppen.

Wie hoch darf die Miete maximal sein?

Antje: Unser oberstes Limit sind 1.200 Euro – mehr sollte es nicht kosten. Wir hoffen, dass wir einen Mieter finden, der hinter dem Konzept steht und uns fördert. Am liebsten wäre uns ein Geschäft in der Großen Straße oder in einer der Nebenstraßen, gerne in der Nähe des Pferdemarktes, weil dort mittwochs und samstags Wochenmarkt ist. Wir brauchen nicht nur Stammkunden, sondern setzen auch auf Laufkundschaft.

Ist es Euch schwer gefallen, einen passenden Namen zu finden?

Antje: Wir haben viel hin- und herüberlegt. Zunächst stand die Idee im Raum, etwas aus dem Schwesternding zu machen. Aber letztlich haben wir uns dazu entschieden, das wir das Geschäft „Unverpackt Rotenburg“ nennen werden – dann steht drauf, was auch drin ist.

Müsst Ihr besondere Auflagen bei der Lebensmittelhygiene erfüllen?

Anja: Das ist insgesamt recht unkompliziert. Die Lebensmittel müssen natürlich abgedeckt sein. Die Glasspender für Nudeln, Reis und Müsli befüllen wir immer frisch von oben – Kunden kommen also nicht direkt in Kontakt mit den Waren. Das Mindesthaltbarkeitsdatum wird auf dem Spender notiert, für die Kunden gibt es eine Liste mit möglichen Allergenen. Für uns gelten ähnliche Bestimmungen wie für jeden Lebensmittelmarkt. Wir benutzen aus Hygienegründen Handschuhe, allerdings nicht aus Plastik, sondern aus Baumwolle.

Welches Produktangebot wollt Ihr abdecken?

Anja: Wir wollen über kurz oder lang zum Vollsortimenter werden. Wir brauchen dafür viel weniger Fläche als ein herkömmlicher Supermarkt, weil wir beispielsweise kein fünf Meter langes Nudelregal haben werden. Grundsätzlich ist fast alles denkbar: Mehl, Kräuter, Süßwaren, Molkereiprodukte, dazu Waren des täglichen Gebrauchs wie Zahnbürsten aus Bambus, Seife sowie Waschmittel und Creme zum Abfüllen. Auch Toilettenpapier und Taschentücher gibt es ohne Verpackung. Für frische Waren wollen wir mir regionalen Landwirten zusammenarbeiten. Wir wollen zwar viel in Bioqualität anbieten, aber auch konventionellen Produkte sind gefragt, das hat unsere Umfrage ergeben.

Wie soll der Einkauf praktisch ablaufen?

Antje: Kunden bringen ihre Behälter selbst mit, beispielsweise Gläser, Tupperdosen oder Schalen. Diese werden einmal ungefüllt und danach befüllt gewogen. Danach berechnet sich der Preis. Wer mehr braucht, als er zunächst geplant hatte, kann einen Behälter kaufen oder nach dem Prinzip „Kunden helfen Kunden“ auch leihen.

Welche Besonderheiten plant Ihr?

Anja: Wir möchten ein Mietregal integrieren. Dort können regionale Produzenten ihre Waren anbieten. Dabei denken wir an Honig, Seifen, Kunsthandwerk oder Textilien. Wir könnten uns da einiges vorstellen, es muss nur zu unserem Konzept passen.

Wann wollt Ihr eröffnen?

Antje: Am liebsten in diesem Herbst. Aber das hängt davon ab, wann wir einen passenden Laden finden. Wenn das schnell klappt und wir das Okay von der Bank haben, könnten wir auch schon früher starten. Wir sind gut vorbereitet, die Ladensuche ist für uns gerade der begrenzende Faktor.

Könnt Ihr Euch vorstellen, das Konzept in einer anderen Stadt umzusetzen, falls Ihr in Rotenburg keine passenden Räume findet?

Anja: Daran verschwenden wir keinen Gedanken. Wir sind zwar in Brandenburg geboren und haben in Hannover studiert – Rotenburg ist aber unsere Stadt geworden. Dort fühlen wir uns wohl. Das Konzept wäre sicher auch in Achim oder Verden umsetzbar. Es geht für uns aber nicht darum, reich zu werden: Wir wollen etwas bewegen und glücklich werden. Dafür krempeln wir unser Leben um und gehen das Risiko ein.

• Wer Kontakt zu Antje und Anja Doil aufnehmen möchte, meldet sich telefonisch unter 01577/3230778 oder 01522/6909981, außerdem per E-Mail an unverpackt-rotenburg@posteo.de.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
 04261 / 72 -430
 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

18.09.2019

Tour de Moor

15.09.2019

Sub 5 in Sottrum

15.09.2019

Sing Sottrum Sing

11.09.2019

Erntefest Wittkopsbostel