DFB-Präsident Reinhard Grindel im Interview / „Ich hätte gerne beim HSV gespielt“ - Von Dennis Bartz

„Das letzte große Lagerfeuer“

DFB-Präsident Reinhard Grindel im Kreise der Nationalspieler. Der Rotenburger ist fest davon überzeugt, dass die Mannschaft genauso gut ist wie beim WM-Sieg 2014 in Brasilien.
 © Foto: Philipp Reinhard

Landkreis Rotenburg. In wenigen Tagen startet die Fußball-Weltmeisterschaft. DFB-Präsident Reinhard Grindel aus Rotenburg reist bereits an diesem Wochenende nach Russland. Kurz darauf stößt die deutsche Mannschaft hinzu. Am Sonntag, 17. Juni, 17 Uhr, bestreitet das Team von Bundestrainer Jogi Löw dann sein Auftaktspiel gegen Mexiko – es ist die erste Hürde auf dem schwierigen Weg zur Titelverteidigung. Im Interview mit der Rotenburger Rundschau spricht Grindel über seine Erwartungen, seine Antwort auf die Forderung nach einem WM-Boykott und den Rotenburger Fußball.

Am Donnerstag, 14. Juni, startet die Fußball-Weltmeisterschaft mit der Partie Russland gegen Saudi-Ara-bien. Drei Tage später wird es auch für die deutsche Elf ernst. Wann werden Sie zum Team stoßen und wie lange bleiben Sie dort?

Reinhard Grindel: Ich muss wegen verschiedener Termine in meiner Eigenschaft als Fifa-Ratsmitglied schon am 9. Juni nach Moskau reisen. Am 12. Juni werde ich dann die Mannschaft in unserem Teambase-Camp Watutinki besuchen und am 13. Juni gemeinsam mit Jogi Löw bei der Eröffnungspressekonferenz dabei sein. Ich hoffe natürlich, dass wir bis zum 15. Juli, dem Tag des Endspiels, im Turnier bleiben. Wegen meiner Fifa-Funktion werde ich in jedem Fall beim Finale dabei sein.

Sie haben kurz vor dem Start der WM den Vertrag mit Jogi Löw bis 2022 verlängert – wollten Sie damit vor Turnierstart ein Zeichen setzen?

Grindel: Wir wollten ein Zeichen des Vertrauens und ein Zeichen gegen überflüssige Personalspekulationen setzen. Aber vor allem ging es darum, in einer Zeit, wo es im Fußball immer aufgeregter und hektischer wird, lange Linien in die Zukunft zu ziehen. Wir werden nach der WM, unabhängig vom Ausgang des Turniers, einen gewissen Umbruch haben. Es muss frühzeitig ein Team für die WM 2022 aufgebaut werden. Dafür gibt es keinen besseren als Jogi Löw.

Zum ersten Mal kommt der Video-Schiedsrichter bei einer WM zum Einsatz: Wie bewerten Sie diese Entscheidung? Und welche Schlagzeile wünschen Sie sich nach der WM über dessen Einsatz?

Grindel: „Der Fußball ist gerechter geworden.“ Das wäre eine gute Schlagzeile. Wie sehr haben wir uns beim Handspiel von Marcello im Champions-League-Halbfinale in Madrid geärgert, dass es keinen Videoassistenten gab. Vielleicht wäre dadurch Bayern München ins Finale gekommen. Wenn es um eine offensichtliche Fehlentscheidung geht, die jeder Schiedsrichter zu 100 Prozent korrigieren würde, dann greift der Videoassistent (VAR) ein, um grobes Unrecht zu verhindern. So hoch hängt die Messlatte. Das wird hoffentlich von den Schiedsrichterteams in Russland genauso beachtet, wie von den Bundesliga-Schiedsrichtern in der kommenden Saison. Wir brauchen eine einheitliche Umsetzung des VAR, dann wird das auch breit akzeptiert werden. Wichtig sind außerdem bessere Informationen für die Zuschauer im Stadion und am TV.

Südkorea, Mexiko und Schweden – das klingt auf den ersten Blick nach einer machbaren Gruppe für die deutsche Elf: Wer ist für Sie der größte Konkurrent um den Gruppensieg?

Grindel: Wir dürfen keinen unterschätzen. Alle unsere Gegner werden zu 105 Prozent motiviert sein, weil sie dem Weltmeister ein Bein stellen wollen. Wenn wir nicht Gruppensieger werden, droht Brasilien schon im Achtelfinale. Ein Auftaktsieg gegen Mexiko wäre deshalb sehr wertvoll.

Welche Gruppe schätzen Sie am stärksten ein?

Grindel: Besonders ausgeglichen scheint mir die Gruppe H mit Polen, Senegal, Kolumbien und Japan.

Wenn Sie den Kader 2014 und 2018 vergleichen – in welchem Bereich ist das deutsche Team heute besser aufgestellt? Wo sehen Sie womöglich Schwächen?

Grindel: So eine Bewertung steht mir als DFB-Präsident nicht zu. Ich denke, dass wir in allen Mannschaftsteilen sehr hohe Qualität haben. Der Kader von 2018 kann mit dem von 2014 sicher mithalten.

Deutschland reist als Weltmeister an und ist natürlich einer der Favoriten um den Titel. Welche Teams schätzen Sie am stärksten ein?

Grindel: In den Freundschaftsspielen der vergangenen Monate haben Frankreich und Spanien schon einen sehr starken Eindruck hinterlassen. Das gilt auch für Brasilien und sicher muss man Argentinien und Portugal immer auf dem Zettel haben.

Welche Mannschaften könnten für eine Überraschung sorgen?

Grindel: England hat gegen uns sehr stark gespielt, Belgien hat tolle Einzelspieler, die nur zu einem Team zusammenwachsen müssen und auch die Schweiz oder Uruguay können überraschen.

Welchen Gegner wünschen Sie sich im Finale?

Grindel: Frankreich, da haben wir vom Euro-Halbfinale 2016 noch eine Rechnung offen.

Sie haben sicher bereits mit Manuel Neuer gesprochen. Wie ist Ihr Eindruck: Ist er körperlich und mental schon bereit für ein solches Turnier?

Grindel: Absolut, und er hat daran seit Wochen mir gegenüber keinen Zweifel aufkommen lassen. Manuel Neuer ist ein sehr verantwortungsbewusster Spieler. Wenn er nicht ganz sicher wäre, dass er der Mannschaft helfen kann, dann würde er nicht nach Russland mitgehen. Aber ich bin sicher, dass er der Rückhalt unseres Teams ist wie 2014. Die Eindrücke beim Freundschaftsspiel gegen Österreich waren vielversprechend.

Welcher deutsche Spieler könnte Star der WM werden?

Grindel: Wir brauchen nicht „den Star der WM“, sondern Deutschland muss die beste Mannschaft der WM sein. Wir werden erleben, dass bei den einzelnen Begegnungen es immer wieder unterschiedliche Spieler gibt, die einem Spiel ihren Stempel aufdrücken. Und Jogi Löw versteht es brillant, im Training zu erkennen, wer dieses Vermögen hat.

Welchem jungen Spieler trauen Sie den großen Sprung zu?

Grindel: Wenn der Präsident da jetzt einen Namen nennt, baut das ja unnötigen Druck auf … Scherz beiseite, eigentlich haben alle unsere Spieler sich international sehr bewährt und schon große Sprünge gemacht. Denken Sie nur an Joshua Kimmich. Ich freue mich, dass Marco Reus, der vor Turnieren so viel Pech gehabt hat, jetzt seine erste WM spielt und er wird da sicher überzeugen.

Die WM startet ohne Teams wie Holland, Italien, Türkei und auch Österreich – erleidet die WM dadurch einen Image-Schaden?

Grindel: Sie vergessen die USA oder Chile, auch das sind wichtige Fußballmärkte für die Fifa. Klar ist es schade, dass große Fußballnationen wie Italien nicht dabei sind. Aber von einem Imageschaden würde ich nicht sprechen.

Wie nehmen Sie als ehemaliger Journalist die Forderungen eines WM-Boykotts wahr? Was entgegnen Sie Menschen, die Sie damit konfrontieren?

Grindel: Die Bundeskanzlerin hat unsere Mannschaft ja im Trainingslager besucht und wir haben darüber gesprochen, dass der Dialog zwischen den Menschen immer besser ist als ein Boykott. Die russischen Medien zeichnen ein Zerrbild des Westens. Die Menschen in Russland werden überrascht sein, wie freundlich, offen und neugierig die hunderttausenden von Fußballfans ihnen begegnen. Dieser Austausch kann die Zivilgesellschaft in Russland verändern und es werden Kontakte über die WM hinaus entstehen.

Auch in Rotenburg fiebern die Menschen der WM entgegen: Wie viel Einfluss hat so ein Event auf das Leben der Menschen hier?

Grindel: Der Fußball ist das letzte große Lagerfeuer, um das sich alle Teile der Gesellschaft versammeln. Insofern kann sich eine WM positiv auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt auswirken. Ganz wichtig ist: Nie haben so viele Kinder mit Fußball angefangen wie 2006 und 2014. Ein WM-Erfolg oder auch eine WM im eigenen Land motiviert, den Idolen nachzueifern. Deshalb bewerben wir uns auch um die Euro 2024. Das wäre ein Leuchtturmprojekt, das in alle Vereine ausstrahlt.

Wenn Sie Spiele nicht live im Stadion sehen – wie schauen Sie dann am liebsten Fußball?

Grindel: Um ehrlich zu sein: eigentlich alleine. Da lenkt mich nichts ab, da kann ich aus mir rausgehen, ohne dass mir das Dritten gegenüber peinlich sein muss.

Haben Sie selbst Fußball gespielt?

Grindel: Ich habe beim SC Victoria Hamburg gespielt, zunächst im Sturm und dann als Torwart. Meine Stärke war ein ziemlich strammer Schuss, meine Schwäche, dass ich sehr langsam für einen Stürmer war. Im Tor war ich in der Luft ganz gut und auf dem Weg zum Boden manchmal eine Bahnschranke. Ich hätte gerne beim HSV gespielt und meinem Idol Uwe Seeler nachgeeifert, auch wenn ich eher die Statur von Karsten Bäron hatte.

Der Rotenburger SV hat nach dem Fast-Abstieg in 2017 die Saison als Fünfter beendet. Was waren die Gründe für den Erfolg?

Grindel: Wir haben vor allem in der Hinrunde starke Offensivleistungen gesehen. Die Mannschaft hat sich taktisch weiterentwickelt und mit Tim Ebersbach einen guten Trainer mit einer wie ich glaube guten Ansprache. Es wäre schön, wenn der Stamm der Truppe beisammen bleibt.

In welcher Liga sehen Sie den RSV in fünf Jahren?

Grindel: Wenn wir mehr gute Spieler aus der Jugend an die erste Mannschaft heranführen können und nicht immer alles nach Heeslingen oder Ahlerstedt abwandert, ist sicher auch einmal die Oberliga drin. Aber ganz offen: Landesliga mit vielen Derbys ist doch auch eine gute Spielklasse für den RSV. Man kann halt nur so viel ausgeben, wie man einnimmt.

Was muss erfüllt werden, damit die jugendlichen und erwachsenen Fußballer im Ahe Stadion auf Top-Niveau trainieren können?

Grindel: Neben der Qualität des Trainers ist die Qualität der Infrastruktur entscheidend dafür, ob Kinder und Jugendliche beim Fußball bleiben. Das zeigen sämtliche Untersuchungen. Seit Jahren wird in Deutschland in Kunstrasenplätze investiert, weil man damit intensiver und verlässlicher das ganze Jahr trainieren kann. Dass wir beim Rotenburger SV keinen Kunstrasenplatz haben, ist für eine finanziell gut aufgestellte Kreisstadt im Grunde ein Armutszeugnis. Niemand außerhalb von Rotenburg bezweifelt den Nutzen von Kunstrasenplätzen, allein die Finanzierung ist für einige Kommunen ein Problem. Ich habe deshalb den für Sport zuständigen Minister Horst Seehofer gebeten, über die Auflegung eines Sportinfrastrukturprogramms nachzudenken. Ich bin zuversichtlich, dass wir da vorankommen. In Rotenburg sollte die Politik für Chancengleichheit der Sportarten sorgen. Wir haben gute Sporthallen und damit für Hand- und Basketballer tolle Bedingungen und das ist gut so. Aber der Fußball verdient auch die faire Chance, sich weiterentwickeln zu können.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
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 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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