Das Auswärtige Amt holt Aaron Kruse zurück nach Deutschland

„Ich bin nicht gefährlich!“

Eine Kontrolle nach der anderen, und überall Probleme. Für Aaron Kruse entwickelte sich die Ausreise zur Odyssee.
 ©Rotenburger Rundschau

Rotenburg/Wenxian (db). Der 18-jährige Rotenburger Aaron Kruse tauschte die Schulbank gegen das Lehrerpult. Der Abiturient unterrichtete mehrere Monate im Rahmen des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes Weltwärts Englisch an der No. 1 Senior High School in Wenxian (China). Wegen des Coronavirus musste er nun früher als geplant seine Mission abbrechen. Im letzten Teil der Serie „Ich bin dann mal weg“ berichtet er über seinen aufregenden Weg zurück nach Rotenburg.

Vor knapp einer Woche erreicht mich in China eine E-Mail vom Auswärtigen Amt. Es schreibt mir, dass sich zwar die Corona-Situation in China verbessert habe, aber trotzdem die Entscheidung gefallen sei, uns China-Freiwilligen eine Reisewarnung auszusprechen. Was bedeutet das? Ich soll schnellstmöglich zurück nach Deutschland.

Ich kann das erst einmal nicht realisieren, wirklich überrascht bin ich aber auch nicht, habe ich doch einen Monat zuvor oft selbst darüber nachgedacht, ob ich die Reise abbrechen sollte. Aber dann geht alles plötzlich ganz schnell: In einem Moment berichte ich noch Schule, Freunden und Eltern von den Entwicklungen, im nächsten sitze ich schon mit der Familie meiner liebsten Kollegin am Tisch und „feiere“ meinen Abschied.

Fünf Tage nachdem ich die Nachricht bekommen habe, soll mein Flug aus dem 600 Kilometer entfernten Lanzhou erfolgen. Gemeinsam mit anderen Freiwilligen meiner Organisation verabrede ich, dass wir schon am Abend vor dem Abflug anreisen sollten, um möglichen Komplikationen vorzubeugen.

Mit zwei Koffern und drei Rucksäcken bepackt, mache ich mich am Freitag, den 13., um 5.30 Uhr nach einer sehr kurzen Nacht auf den Weg – einige aus der Schulleitung verabschieden mich noch am Schultor. Bis zum nächsten Bahnhof in Longnan geht es mit einem Großraumtaxi. Da der Kofferraum aber bereits belegt ist, hievt der Fahrer meine Koffer aufs Dach, dessen „Knarzen“ mit meiner allgemeinen Gefühlslage vergleichbar ist.

Irgendwie ist mir das Ganze nicht wirklich begreiflich: Ich weiß nicht, ob ich mich nun auf Zuhause freue oder doch lieber in Wenxian bliebe. Jetzt raus aus der sich zunehmend entspannenden Situation – hinein ins deutsche „Chaos“, von dem ich in den Tagen zuvor viel gehört habe. Ein letztes Mal die Hand geben, ein letztes Mal verabschieden, ein letztes Mal aus dem Heckfenster des Taxis winken und dann … schon verschwindet Wenxian hinter einem Bergrücken.

Ich hole etwas Schlaf nach und dreieinhalb Stunden später erreiche ich Longnan. Da der Taxifahrer allerdings einen Folgetermin hat, beschließt er kurzerhand, alle Mitreisenden am Ortseingang auszusetzen – zwei Kilometer vom Bahnhof entfernt, und das trotz all meines Gepäcks. Ziemlich erschöpft komme ich am Bahnhof, denn eine Koffer-Rolle beschließt auf dem Weg, den Dienst zu quittieren – ziemlich unfreundlich wie ich finde – und so habe ich viel Mühe, das Gepäck auf den Bahnhofshügel zu transportieren.

Am Ticketschalter zeige ich mein Online-Ticket vor und warte, dass es mir ausgedruckt wird. Doch alles kommt anders: Die Frau am Schalter fängt an, Chinesisch auf mich einzureden, und signalisiert, dass ich warten solle. Kurz darauf kommen zwei Polizisten und eine weitere Bahnangestellte. Nicht wirklich komisch diese Situation. Ich bin müde, aufgewühlt und dazu der Zeitdruck – da passt mir ein Problem, das ich nicht verstehe, überhaupt nicht.

Weitere Kollegen werden angefunkt. Eine halbe Stunde später stehen diverse Uniformierte um mich herum – in Ganzkörperanzügen, auch die Bahnhofsleitung ist dabei. Alle diskutieren – selbst ein Telefonat mit meiner chinesischen Kollegin hilft nicht weiter. Meine Geduld wird ziemlich herausgefordert und mit viel Mühe erkläre ich, dass ich den Zug bekommen müsse, da er die einzige Verbindung nach Lanzhou darstelle.

Man stellt mir viele Fragen und macht sich Notizen über Notizen, und schließlich muss ich auch noch ein „unverständliches“ Dokument ausfüllen. Als man mir schließlich erklärt, dass ich frühestens am nächsten Abend fahren könne, da man mich noch zur Polizeistelle bringen müsste. Also: Ich bin nun über sieben Monate in China und habe viel gelernt über Land und Leute, und vor allem darüber, wie man sich zueinander verhält. Und ich weiß: In China zeigt man seine Gefühle von Ärger und Frust seinem Gegenüber nicht.

Doch: In dieser Situation geht es nicht anders, ich fahre aus der Haut. Ich „erkläre“, dass ich meinen Flieger nach Deutschland bekommen müsse und bin dann wider Erwarten doch ziemlich überrascht von der Reaktion: Man entscheidet – wohl zufrieden, endlich eine Lösung zu haben – mich fahren zu lassen. Eine Bahnbedienstete fordert den Zug auf zu warten und ich werde von einer Polizei-Eskorte durch die Sicherheitskontrolle gebracht, um mich dann dem Zugpersonal zu „übergeben“. Warum der ganze Zinnober?

In China sind die Covid-19-Infektionen extrem zurückgegangen und ein Großteil der Neuinfizierten sind nun Ausländer aus Europa und Westasien – deshalb ist die Angst vor uns Ausländern sehr groß. Angst kann „blind“ machen und so fanden sämtliche meinerseits vorgebrachten plausiblen Argumente kein Gehör. Die Konsequenz: Für die nächsten 500 Kilometer habe ich einen halben Waggon für mich allein und in Lanzhou empfängt mich schon ein neues „Komitee“ – nun mit Arzt.

Man bringt mich in ein Behandlungszimmer, und während ich medizinische Tests machen lasse, stellen die Polizisten dieselben Fragen, die ich bereits in Longnan hatte beantworten dürfen. Dieses Mal geht es „schneller“: nach einer Stunde darf ich weiter und werde dem Zugpersonal zum Flughafen von Lanzhou übergeben.

Dort treffe ich auf meine Freunde und verbringe gemeinsam mit ihnen meinen letzten richtigen Abend in China.

Am nächsten Morgen machen wir uns zur Sicherheit bereits drei Stunden vor Abflug auf den Weg zum Check-In. Als wir am Schalter unser Gepäck aufgeben wollen, hören wir, dass unser internationaler Anschluss-Flug von Guangzhou – 2.000 Kilometer entfernt im Süden Chinas – nach Amsterdam gestrichen worden sei. Und ich denke: Nein, nicht schon wieder Probleme!

Eine Stunde später bei steigernder Verzweiflung meldet sich unsere chinesische Ansprechpartnerin von Amity und redet mit der Dame am Schalter. Leichte Beruhigung: Der Flug wird nur „eventuell“ gestrichen. Als wir dann also einchecken wollen, kommt es aber erneut zu Problemen: Wir haben kein Gesundheitszeugnis. Warum? Man kann es nur mit einer chinesischen ID beantragen – die haben wir als Deutsche natürlich nicht. Allerdings: Keine Ausreise ohne dieses Gesundheitszeugnis. Irgendwann stehen wieder sehr viele „wichtige“ Menschen um uns herum und diskutieren. Ergebnis: Man will uns fliegen lassen, allerdings gibt es da noch diverse Dokumente zum Ausfüllen. Schließlich schaffen wir es beim „last call“ zum Boarding-Schalter. Geschafft!

Nein – weit gefehlt: Die Probleme gehen von vorne los. Wir werden aufgefordert, die Gesundheitszeugnisse vorzulegen. Wir sehen es: Der Bus zum Flieger steht bereits draußen und will starten. Man erklärt uns, dass die Airline nun medizinische Tests machen müsse, da wir Deutsche seien und somit eventuell infiziert. Nach zehn Minuten und – leider wohl nötigen – Wutausbrüchen meinerseits kommen dann mehrere Ärzte: Sie messen die Temperatur und lassen uns erneut Dokumente ausfüllen.

Der Bus ist bereits voll, und wir wollen uns deshalb gerade schon wieder aufregen, als es doch ganz anders kommt. Mit einem Jeep werden wir quer übers Rollfeld zum Flugzeug gebracht. Darin hat man für uns die letzten sieben Reihen freigehalten, sodass wir möglichst entfernt sitzen, natürlich auch untereinander getrennt.

Das war nun der erste Teil meiner Odyssee in Richtung Deutschland. Ich möchte nur noch so viel sagen: Mein Flug nach Amsterdam wurde wirklich gestrichen und ich musste nun über Paris fliegen. „Charles de Gaulle“ stellt sich mir wie ausgestorben dar, und in meinem riesigen Flugzeug aus China saßen neben mir nur 23 weitere Passagiere.

Viele fragen mich, ob ich denn nun in Deutschland in Quarantäne muss. Dazu kann ich nur sagen: Ich komme nicht aus einem Risikogebiet – in meiner chinesischen Region, die größer als Deutschland ist, gibt es aktuell nur zwei Fälle von Covid-19 und während aller Flüge und Fahrten trug ich Maske und Handschuhe. Ich saß gesondert, sodass mein Infektions-Risiko wohl das geringste in ganz Rotenburg sein mag.

Trotzdem respektiere ich es, sollte sich jemand Sorgen machen und – wie bereits beobachtet – die Straßenseite wechseln, wenn man mich sieht. Natürlich versuche ich so gut es geht, den neuen Regelungen zu folgen und drinnen zu bleiben – wie wir alle hoffentlich. Bleiben Sie gesund und frohen Mutes!

• Wer Weltwärts unterstützen will, meldet sich per E-Mail an aaron.kruse@yahoo.com oder telefonisch bei Vater Niels Kruse unter 0170/2227356. Spender erhalten auf Wunsch eine Spendenbescheinigung.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
 04261 / 72 -430
 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

08.03.2020

Sportabzeichen Übergabe Sottrum

24.02.2020

Bassen Helau

21.02.2020

BIT in Oyten

14.02.2020

Ausbildungsmesse Visselhövede