Auszubildende der Gesundheits- und Krankenpflege übernehmen unfallchirurgische Station - Von Andrea Winterhalter

„Schüler machen ihre Sache gut“

Finn Stockmann (von links), Alex Lettau, Nicole Tomaszek, Marina Böse, Sophie Pieske und Cheyenne Latimer bei der Arbeit.
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Rotenburg. Morgens um 6 Uhr im Agaplesion Diakonieklinikum auf Station 3a: Die Beleuchtung des Flures ist noch im Nachtmodus. Vor den Zimmern der unfallchirurgischen und orthopädischen Station stehen Bettenwagen zum Einsatz bereit. Ein Duftpotpourri aus Desinfektionsmitteln mit einem leichten Hauch von Kaffee liegt in der Luft. Eigentlich wäre alles wie immer, wenn nicht ungewöhnlich viel Pflegepersonal zur Übergabe ins Dienstzimmer strömen würde. Grund für diese unerwartete Personalschwemme ist das Projekt „Schüler leiten eine Station“. Und genau das läuft derzeit für den Kurs 15B – zwölf Tage lang in drei Schichten.

„Die Station ist voll. Wir erwarten heute noch drei geplante Aufnahmen, die wir unterbringen müssen“, stellt Sinja Heinrich (22) fest, die heute die Position der Stationsleitung bekleidet. „In diesem Zusammenhang müssen wir schauen, wie viele Entlassungen noch anstehen. Aber nun sollten wir erst einmal die Zimmer einteilen.“

Schnell hat sie die sechs Zimmer mit 16 Patienten auf ihre fünf Mitschüler verteilt. Die Leitung des Gesundheits- und Krankenpflege-Kurses, Ilona Vogel, sowie die beiden examinierten Pflegefachkräfte Gaby Rosebrock und Gitta Schäpp begleiten heute die Frühschicht. „Im Rahmen der Ausbildung findet an der Gesundheits- und Krankenpflege-Schule unseres Hauses in jedem Kurs des dritten Semesters ein Projekt statt, in dem die Auszubildenden alle Aufgaben einer Station selbstständig übernehmen“, erklärt die Kursleiterin. Sie ist bereits seit 1995 Lehrerin für Pflegeberufe und hat schon viele dieser besonderen praktisch ausgerichteten Lerneinheiten miterlebt.

„Das Projekt wird von Pflegekräften und Lehrern der Schule begleitet, die allerdings im Hintergrund bleiben. Natürlich beobachten wir alles sehr aufmerksam und würden sofort einschreiten, falls eine brenzlige Situation entstehen sollte. Für Fragen haben wir stets ein offenes Ohr.“

Punktlandung. Genau als die Zimmereinteilung abgeschlossen ist, betritt der Nachtdienst den Raum. Kimberly Braasch, Kevin Wilken (beide 19) und der begleitenden examinierten Pflegekraft Stefanie Ziemann steht die Müdigkeit förmlich ins Gesicht geschrieben. Versiert machen sie besondere Patienten-Ereignisse bekannt. Im Großen und Ganzen war es eine ruhige Nacht. „Herr Kowalski hat sich den Venenzugang herausgezogen. Wie mussten den diensthabenden Arzt benachrichtigen, damit er einen neuen legt“, berichten die Azubis. Auf die Frage, wie sie sich wach gehalten haben, kommt die Antwort unisono: „Mit Energydrinks“. Dass sich die beiden mit dem Diensthabenden mit einer Kleinigkeit gestärkt haben, verrät der Eintrag im Kurstagebuch: „Um 3.23 Uhr mit dem Arzt Kekse gegessen.“

Nun geht’s zu den Patienten. Das Besondere ist, dass jeder Auszubildende eigenverantwortlich ein Patienten-Zimmer mit allen in der Pflege vorkommenden Tätigkeiten betreut. Dazu gehören beispielsweise das Unterstützen bei der Körperpflege, das Wechseln von Inkontinenzmaterial genauso wie das Servieren der Mahlzeiten, die Blutentnahme und das Stellen der Medikamente.

Gitta Schäpp, die eigentliche Stationsleitung, ist ebenfalls seit 1995 im Hause tätig und steht heute Sinja bei der Bewältigung der Leitungsaufgaben zur Seite. Gerade überwacht sie aus dem Hintergrund mit Argusaugen das Stellen der Medikamente. Auch Ilona Vogel und Gaby Rosebrock schauen genau zu, denn dies ist eine höchst sensible Aufgabe: Jeder Schüler muss seine fertigen Tabletten-Dosetts vorlegen, die dann sorgfältig überprüft werden. „Es ist immer sehr spannend zu sehen, wie sich die Schüler Tag für Tag weiterentwickeln. Die Offenheit und das freundliche Miteinander gefallen mir gut. Es macht großen Spaß mit dem Kurs zu arbeiten“, sagt Schwester Gitta.

Das Frühstück ist noch nicht ausgeteilt, als sich im Flur vier Ärzte zu Visite versammeln. Den Schülern merkt man die Anspannung deutlich an. Jeder muss über seine Patienten bestens Bescheid wissen und wichtige Infos an die Ärzte weitergeben. Zu den Aufgaben gehören ebenfalls das Assistieren bei Verbandwechseln sowie das Umsetzen von Anordnungen der Ärzte.

Das Telefon klingelt. Sinja nimmt eine Krankmeldung von jemandem aus dem Spätdienst entgegen und kümmert sich um Ersatz. Die Ärzte kommen aus dem Zimmer, das von Alisha betreut wird. „Herr Kowalski soll entlassen werden. Das Pflegeheim informiere ich gleich. Aber ich habe noch nie einen Patiententransport in den PC eingegeben. Könntest du mir bitte helfen?“, fragt sie an Gitta gewandt und die Wissenslücke wird schnell geschlossen.

Die examinierte Pflegekraft Gaby, die heute ebenfalls die Schüler unterstützt, kommt ins Dienstzimmer und lobt: „Das ist ein richtig guter Kurs. Alle helfen sich gegenseitig und die Patienten werden gut versorgt. Sie denken selbstständig ans Lagern, das zeitnahe Wechseln der Inkontinenzmaterialien und beachten Flüssigkeits-Einfuhrpläne.“

Die Visite ist beendet, die Frühstückstabletts sind wieder eingesammelt und ein großer Teil der durchgeführten Tätigkeiten sind am PC dokumentiert. Nun bleibt etwas Zeit für gewisse Extras: Gespräche mit den anvertrauten Patienten oder die in der Projektvorbereitung neu erlernten Techniken der sogenannten basalen Stimulation können angewendet werden. Atemstimulierende Einreibungen, eine Haarwäsche im Bett oder Hand- und Fußbäder werden verabreicht. Quasi eine kleine Wellness-Oase im Krankenbett.

Anncathrin Köchig (20) ist gerade in ihrem Zimmer beschäftigt und genießt es, einmal mehr Zeit für Patienten zu haben. „Das Projekt und die Unterstützung durch die Examinierten ist toll. Man gewinnt richtig viel Selbstständigkeit.“ Roswita Kregel (81), die mit einer Lendenwirbelfraktur und einem Bandscheibenvorfall ans Bett gefesselt ist, pflichtet lobend bei: „Ich kann jederzeit einen Wunsch äußern, alle sind freundlich und ich fühle mich gut aufgehoben.“

Auch Simone Baden (37), die seit einem Treppensturz vor drei Tagen im Hause ist, stimmt zu und ergänzt: „Das man Zeit für mich hat, gefällt auch mir sehr gut.“

Zwei Zimmer weiter: Berta Meier sitzt auf der Bettkante. Sie ist am Wochenende gestürzt und hat sich dabei das Knie verletzt und das Nasenbein gebrochen. Die 92-Jährige ehemalige Lazarett-Krankenschwester und Zahnärztin lobt: „Die Auszubildenden arbeiten sehr selbständig und gründlich. Außerdem sind sie immer freundlich und hilfsbereit. Ich fühle mich hier sehr wohl.“ Laura Dammann (18), die das Zimmer betreut sagt: „Mir macht das Projekt viel Spaß. Ich habe sehr viel gelernt. Zudem ist mir noch deutlicher geworden, wieviel Verantwortung dieser Beruf mit sich bringt.“

Das Klappern von Nierenschalen und Bettpfannen dringt aus einem Pflegearbeitsraum. Dort werden wiederverwendbare Gebrauchsgegenstände gereinigt und gründlich desinfiziert. Diese Arbeit wird von keinem wirklich geliebt. Sie gehört aber dazu und wird diskussionslos erledigt.

Wieder zurück im Schwestern-Dienstzimmer. Ein nicht unbedingt kleiner Arbeitsanteil findet am PC statt. Fleißig werden an drei Computern Tätigkeiten am Patienten dokumentiert. Aber auch Änderungen der Essenswünsche in das entsprechende Programm eingetragen, Tagespläne quittiert, Arztanordnungen bearbeitet und Konsile eingegeben. „Das selbständige Arbeiten gefällt mir gut. Die Zimmerpflege ist klasse, weil man die Patienten richtig kennen lernt und eine Beziehung aufbaut. Ich habe das Gefühl aktiv am Pflegeprozess mitzuwirken und das ist eine gute Vorbereitung für das Examen“, bilanziert Lena Mahnken (23).

Auch die 18-Jährige Kira Mattfeldt-Köster sieht zufrieden aus: „Eng mit den Mitschülern zu arbeiten und Verantwortung übernehmen zu dürfen, ist einfach klasse.“ Ähnlich sieht es auch Alisha Behrend (19) und ergänzt: „Mein persönliches Highlight war, dass ich mal als Stationsleitung arbeiten durfte. Es war ganz schön aufregend, aber auch sehr bereichernd, mal in dieser Situation zu sein.“

Im Flur steht bereits der Wagen mit den Mittagessen, die verteilt werden müssen. Auch der Übergabezettel muss noch überarbeitet werden, denn die Besetzung für den Spätdienst kommt auch bald. Es gibt noch viel zu tun.

Anmerkung: Alle Patientennamen wurden von der Redaktion geändert

Auszubildende übernehmen Station am Diakonieklinikum
Auszubildende übernehmen Station am Diakonieklinikum
Foto: Andrea Winterhalter

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Foto: Andrea Winterhalter

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07.04.2017

Auszubildende übernehmen Station am Diakonieklinikum