Aaron Kruse spricht über Überwachung und das chinesische Punktesystem

Verkehrssünder am Pranger

Kameras an Kreuzungen überwachen den Verkehr u2013 wer bei Rot die Straße überquert, findet sich für bis zu 24 Stunden auf der Leinwand wieder.
 © Foto: Aaron Kruse

Rotenburg/Wenxian (db). Der 18-jährige Rotenburger Aaron Kruse tauscht die Schulbank gegen das Lehrerpult. Der frisch gebackene Abiturient unterrichtet elf Monate im Rahmen des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes Weltwärts Englisch an der No. 1 Senior High School in Wenxian (China). In der Rundschau berichtet Kruse alle zwei Wochen über das, was er dort erlebt.

Ein Punktesystem in China? In Deutschland kennen wir höchstens die Flensburger Punkte, die uns für Fehlverhalten im Verkehr bestrafen sollen. Die „chinesischen Punkte“ gingen vor einem Jahr durch die Medien und sind ein neues Konzept für mehr soziale Ordnung. Ich habe das belächelt, als ich zum ersten Mal davon gehört habe. So etwas ist in Großstädten umsetzbar, aber doch nicht auf dem Land – wer will dort überall Kameras anbringen, um die Menschen zu überwachen?

Das Punktesystem ist in China aktuell in noch kleinem Rahmen in einer Testphase. Wird das Projekt umgesetzt, erhält jeder Staatsbürger ein digitales Punktekonto und wird je nach Punktestand als „guter“ oder „schlechter“ Bürger eingestuft. Sie erhalten Vorzüge in jeder erdenklichen Lebenslage – oder eben nicht. Das kann Einfluss auf die Beantragung eines Kredits bis hin zu der Planung einer Auslandsreise haben. Zur Berechnung werden Daten von 50 verschiedenen chinesischen Behörden hinzugezogen.

Kritiker meinen, der Mensch werde dabei entpersonifiziert, zu einem einfachen Datensatz in einer Datenbank. In der vergangenen Woche habe ich mich abseits meines eigentlichen Auftrags damit auseinandergesetzt.

Eine der Hauptbedingungen für die Umsetzung des Vorhabens ist die schier endlose Anzahl von Kameras. Besonders in den ersten Wochen in China fiel mir auf, wie oft ich mein Gesicht in Kameras halten und meinen Reisepass vorzeigen musste – und das nur, um in Museen oder zu Sehenswürdigkeiten zu kommen.

Unübertroffen ist der chinesische Flughafen. Bei jeder Sicherheitskontrolle wurden dort Bilder von mir gemacht, ich musste zudem noch alle meine Fingerabdrücke einspeichern lassen sowie temperaturerkennende Sperren passieren. Diese sollten meine allgemeine Gesundheit prüfen.

Und wie sieht das im Alltag aus? Verlasse ich am Morgen meine Wohnung, begegnet mir schon die erste Kamera im Flur, gefolgt von zwei Kameras im Treppenhaus und einer weiteren am Ausgang des Lehrergebäudes. Gehe ich weiter zum Schulgebäude hinüber, werde ich von weiteren Kameras beobachtet, welche an jeder nur erdenklichen Ecke installiert sind. Ebenso dann im Schulgebäude: Nicht nur im Treppenhaus, sondern auch in den Fluren kann jeder meiner Schritte aufgezeichnet werden, selbst viele der Klassenzimmer sind mit einer Kamera oberhalb der Tafel gespickt. Fahre ich abends mit dem regulären Bus in die Stadt, so beobachten mich darin weitere fünf Kameras, welche jeden Punkt im kleinen Bus für die Ewigkeit festhalten. In der Innenstadt angekommen, sind an jeder Ampel obligatorische Kameras installiert, sowie auch in jedem Geschäft mindestens zwei bis drei.

In Großstädten ist das Phänomen sogar noch weiter vorangeschritten. Besonders verbreitet sind dort Kameras an Straßenkreuzungen, welche kleinere Verkehrsvergehen festhalten. So registriert die Kamera einen Fußgänger, welcher in einer roten Ampelphase die Straße überquert und erstellt mehrere Fotos von ihm. An jeder größeren Kreuzung sind große Monitorleinwände installiert, auf welchen dann im Fünf-Sekunden-Takt diese Fotos von den Verkehrssündern eingespielt werden, und das bis zu 24 Stunden nach dem Vergehen.

Gleiches gilt für Autofahrer, bei denen zusätzlich das Kennzeichen von der Kamera erfasst und signifikant am Bildrand eingeblendet wird. Was für uns womöglich zunächst witzig erscheint, ist dort in einem Land, in dem jedes kleinste Fehlverhalten schon zum Gesichtsverlust führt, sehr unangenehm. Kaum vorstellbar: Bald kommt zu dieser gesellschaftlichen Scham dann noch einen Punkteabzug hinzu. In China ist es schwer, unerkannt zu bleiben.

Aber natürlich braucht es mehr als nur Kameras, um die chinesischen Bürger zu durchleuchten. Chinas Regierung hat des Weiteren unbegrenzten Zugriff auf alle von „WeChat“ gesammelten Daten. „WeChat“ ist das chinesische Pendant zu Messenger-Diensten wie „WhatsApp“, und hat allein in China mehr als 963 Millionen aktive Nutzer (Stand: Oktober 2017).

China ohne „WeChat“ – das kann ich mir nach nunmehr bald zwei Monaten dort nicht mehr vorstellen. Anders als in Deutschland läuft in China nicht nur Chatten über einen solchen Socialmedia-Dienst, nein, die Bürger bezahlen auch überall damit. Wie das geht? Per „WeChat-Pay“, eine in der App enthaltene Funktion, die einen Zugriff aufs eigene Konto erlaubt. Öffnet der Nutzer die Kamera über die App, so kann er problemlos „QR-Codes“ einlesen und Geld überweisen. Einen eigenen QR-Code hat hier jeder kleinste Straßenverkäufer. In Lanzhou, der Provinzhauptstadt, habe ich sogar einen Bettler gesehen, der ein Schild mit seinem QR-Code vor sich liegen hatte. Aber auch Hotel, Taxi und Restaurants lassen sich damit bezahlen.

Und was hat das mit dem Punktesystem zu tun? Die Regierung liest nicht nur jede einzelne Nachricht mit, sie hat auch Einblick in einen Großteil aller in China getätigten Geschäfte. Kameras und „WeChat“ sind an dieser Stelle nur zwei markante Beispiele, hinzukommen natürlich noch Datensätze von allerlei Behörden, die schließlich den „gläsernen Menschen“ perfekt machen.

Was halten die Chinesen selbst von dem ganzen System? Ich habe mit zweien meiner Schüler, einem Lehrer sowie einem Fahrer gesprochen, der mich vor einigen Wochen nach Wenxian gebracht hat. Weil ich dem mir unbekannten System kritisch gegenüberstehe, war ich umso überraschter, das nicht nur Fahrer und Lehrer, sondern auch beide Schüler von dem System überzeugt zu sein scheinen und sich kaum darum scherten, was mit ihren Daten passiert.

Vielmehr empfinden sie es sogar als positiv, dass Personen, die sich nicht an die Rahmenbedingungen halten, dafür auch bestraft werden. Besonders der Satz von einem meiner Schüler blieb mir im Kopf hängen: „China kontrolliert mich nicht, es schützt mich.“

Diese Einstellung scheinen hier viele zu teilen. Da wundert es mich wenig, dass anlässlich des 70-jährigen Jubiläums der chinesischen Volksrepublik, das nächste Woche mit riesigen Paraden zelebriert werden wird, sogar im hintersten Gebirge in China die Straßen mit Plakaten und Nationalflaggen gepflastert sind. Die Zukunft wird zeigen, wen ein solches System wirklich schützt: Den Bürger vor negativen Einflüssen oder doch die Mächtigen vor frei denkenden Bürgern?

• Wer den Freiwilligendienst Weltwärts unterstützen will, meldet sich per E-Mail an aaron.kruse@yahoo.com oder telefonisch bei Vater Niels Kruse unter 0170/2227356. Spender erhalten auf Wunsch eine Spendenbescheinigung.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
 04261 / 72 -430
 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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