Aaron Kruse feiert eine chinesische Hochzeit und plant eine Rundreise

Fliegende Sonnenblumenkerne

Der Direktor der Highschool von Aaron Kruse hält eine Rede zu Ehren des Brautpaares.
 ©Foto: Aaron Kruse

Rotenburg/Wenxian (db). Der 18-jährige Rotenburger Aaron Kruse tauscht die Schulbank gegen das Lehrerpult. Der frisch gebackene Abiturient unterrichtet elf Monate im Rahmen des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes Weltwärts Englisch an der No. 1 Senior High School in Wenxian (China). In der Rundschau berichtet Kruse alle zwei Wochen über das, was er dort erlebt.

Wahrsager, mit Kernen beworfen werden und dazu eine kitschige Bühnen-Show – es sind drei Dinge, die ich bis letzten Sonntag stets mit Kirmes in Verbindung gebracht habe. Dass sie aber auch zu einer Hochzeit in Wenxian gehören können, das weiß ich inzwischen.

Ich bin auf die Hochzeit zweier Kollegen eingeladen – für knapp drei Stunden tauche ich kopfüber ein in Traditionen und lokale Bräuche. Gemeinsam mit drei anderen Englischlehrern finde ich mich an einem Tisch wieder: was für ein Festessen! Sie erklären mir im Groben, wie so eine Hochzeit in Wenxian abzulaufen hat.

Die Hochzeitsprozedur startet schon lange im Voraus. Die Verlobten konsultieren zunächst den ortsansässigen Wahrsager: Er soll ihnen das passende Datum sowie die Uhrzeit für Abholung, Trauung und manchmal sogar das Foto-Shooting vorhersagen. So war es auch dieses Mal. Und tatsächlich hält sich das Brautpaar penibel daran, weil es sich von den vorhergesagten Uhrzeiten viel Glück verspricht.

Am Tag vor der Trauung darf sich das Paar nicht sehen. Auch deshalb verbringt die Braut diese Nacht bei ihrer Familie oder mit Schwestern und Freundinnen in einem Hotelzimmer. Erst am Morgen der Trauung kommt der Bräutigam dann, um seine Braut abzuholen, allerdings halten die Freundinnen und Schwestern der Braut die Tür ihres Zimmers versperrt, bis der Bräutigam sie mit genügend symbolischem Geld besticht.

Von dort aus fahren die beiden mit der Familie der Braut in die gemeinsame Wohnung des Paares. Dabei werden sie von vielen Autos der Familie des Bräutigams eskortiert. Es gilt: Je mehr Autos, desto reicher die Familie. Vor der Wohnung angekommen, trägt der Bräutigam seine Braut über die Türschwelle. Dort treffen daraufhin die beiden Elternpaare ein und die eigentliche Zeremonie startet, wobei sich bis dahin alles eher im kleinen Kreis abspielt.

Der Bräutigam stößt mit Tee auf ihre Eltern und sie dann auf seine an. Ein wichtiger Moment, denn beide sagen dann zum ersten Mal „Mutter“ und „Vater“ zu ihren Schwiegereltern, und nicht mehr wie bislang „Tante“ und „Onkel“. Zu diesem Anlass bekommt das Paar von den Eltern Geld geschenkt. Dann geht es ins Schlafzimmer und tauscht dort ganz privat die Ringe aus. Das war´s – die zentrale Trauzeremonie ist damit vollzogen.

Erst jetzt begeben sich die beiden Familien zum Veranstaltungsort, einem extra für Hochzeiten ausgelegten Saal, den ich nunmehr schon drei Mal besuchen durfte. Dort warten Familien, Freunde, oftmals aber auch Kollegen der Eltern oder des Paares selbst.

Alle Lehrer meiner Highschool und auch die Hausmeister waren anwesend, insgesamt mehr als 300 Gäste. Erst dort setzt nun der Teil der Hochzeit ein, den ich miterleben darf. Die Hochzeitsgesellschaft wartet bereits einige Zeit, bevor das Paar eintrifft – das steigert die Spannung. Zum Anlass der Ankunft wird ein lautes Feuerwerk entfacht, das – dem Glauben nach  – die schlechten Geister vertreibt, aber den Gästen auch die Ankunft der frisch Vermählten signalisiert.

Sobald sich das Paar gesetzt hat, beginnt das Festessen. Knapp zwei Stunden wird gegessen, gegessen, gegessen … – unterbrochen wird das „Gelage“ nur ein einziges Mal: von der Rede der höchsten Respektsperson des Paares. Da Braut und Bräutigam Lehrkräfte an meiner Schule sind, ist dies natürlich der Schulleiter.

Speziell dafür läuft das Paar ein weiteres Mal Hand in Hand in den Saal und die Gäste bewerfen sie mit Sonnenblumenkernen und Erdnüssen, sodass der Mann seine Funktion als Beschützer demonstrieren muss und seine Braut davor abschirmt.

Der Direktor, schon vom einen oder anderen Reiswein angeheitert, wünscht dem Paar daraufhin alles Gute und lässt sich und der gesamten Festgesellschaft ein weiteres Mal das Ehegelöbnis bestätigen. Nun gehen die beiden Elternpaare von Tisch zu Tisch und stoßen mit den Gästen an, dabei muss die Braut als Gehilfin dienen und den Gästen Alkohol nachfüllen, während der Bräutigam auch ordentlich „bechert“.

Nach dem Essen ist die Feier dann auch schon vorbei und die Gäste gehen nach Hause. Geschenke gibt es nur in Form von Geld. Ein Familienmitglied wird damit beauftragt, eine Art Schatzmeister-Funktion einzunehmen. Er geht herum, sammelt das Geld ein und notiert in einer Liste Namen und Betrag, damit das Paar es im Nachhinein auch nachvollziehen kann.

In China kommen zumeist die Eltern und anderen näheren Verwandten für die Hochzeit auf. Auch deswegen ist es keine Seltenheit, dass sie einen Teil des geschenkten Geldes erhalten.

Am Abend bekommt das Paar schließlich Besuch von Familie und Freunden, die mit ihnen Kennlernspiele spielen. In früherer Zeit trafen sich Braut und Bräutigam erstmals an diesem Tag und die Verwandten wollten am Abend beim „Kennenlernen“ dafür sorgen, dass die beiden „zueinander“ finden.

Das Ganze läuft vor mir ab wie ein Schauspiel und mehrmals verliere ich dabei den Überblick. Erzählte man mir im Vorfeld noch, wie viele Einflüsse der Westen doch auf die traditionelle chinesische Hochzeit genommen habe, so weiß ich nun nicht, wo sich diese Einflüsse versteckt haben sollen. Ich jedenfalls kann sie nicht entdecken. Insgesamt verbringe ich schöne drei Stunden und bin sehr überrascht, wie schnell die ganze Veranstaltung vorüber ist, ohne dass auch nur einmal getanzt wird.

Ich stecke gerade mitten in den Vorbereitungen für meine Rundreise durch China, die am 7. Januar startet. Aber davon berichte ich beim nächsten Mal.

• Wer Weltwärts unterstützen will, meldet sich per E-Mail an aaron.kruse@yahoo.com oder telefonisch bei Vater Niels Kruse unter 0170/2227356. Spender erhalten auf Wunsch eine Spendenbescheinigung.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
 04261 / 72 -430
 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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